Affäre »Ich bin ein Sünder«
Der amerikanische Prediger Ted Haggard wetterte gegen die Homosexualität. Nach einer Callboy-Affäre verlor er sein Amt. Ein Besuch in seiner Gemeinde.
Form kann ein wunderbares Korsett sein, wenn etwas zu zerfallen droht. Darum beginnt an diesem Sonntagmorgen in der New Life Church alles wie gewöhnlich. »Gott ist treu«, schmettert der Chor. »Gott ist stark.« Die Gläubigen, 7000 Seelen, sind wie ehedem hereingeströmt ins Hexagon dieser Glaubensarena aus Waschbeton. Einen Altar gibt es nicht, stattdessen eine Bühne. Darüber ein Medienwürfel mit Großbildschirmen. Auf der Bühne kein Kreuz, sondern ein Schlagzeug, zwei Gitarren und ein Sänger, der in Personalunion Pfarrer ist. »In Deiner Gegenwart, oh Herr«, singt der Geistliche ins Mikrofon, »werden Himmel und Erde eins.« Jetzt wird die Halle abgedunkelt, ein Scheinwerferkegel findet den Pfarrer. Eingehüllt in Kunstnebel, steht er da.
Ein Pfarrer muss ein Rockstar sein, wo sich Popkultur mit konservativ-charismatischem Christentum vermählt, besonders hier in Colorado Springs, dem Zentrum der evangelikalen Kultur Amerikas. Bloß singt diesmal nur ein Ersatzmann. Der Star der Kirche, ihr Gründer und geistlicher Führer, der Mann, der eine winzige Gemeinde zu einer Megakirche machte, dieser Ted Haggard ist seit wenigen Tagen fort. Enthoben seines Pfarramtes, zurückgetreten als Verbandschef von 30 Millionen Evangelikalen, verfangen im Skandal. Um Sex geht es, um eheliche Untreue, um Prostitution, um Drogen, um Homosexualität und, vor allem, um Lüge. Ein Cocktail, wie ihn Amerikas konservatives Christentum seit vielen Jahren nicht mehr schlucken musste. Und deshalb bittet, als die Musik verklingt, der Ersatzmann: »Jesus, sei Herr über alle Probleme dieser Gemeinde.«
Alles hat vor zwei Wochen begonnen, als ein Mann namens Mike Jones im Lokalfernsehen von Denver behauptet: »Ich hatte Sex mit Pfarrer Haggard.« Jones tritt im Muskelshirt auf, ein gut gebauter Mann, Bodybuilder. Nebenbei, so sagt er, habe er sich in Schwulen-Magazinen als »männliche Eskorte« angeboten. Haggard sei vor knapp drei Jahren Kunde geworden, danach einmal pro Monat gekommen und habe zum Sex noch Speed genommen.
Niemand will hier glauben, was der Prostituierte behauptet. Haggard lebt scheinbar in einer Musterehe, hat fünf wohlgeratene Kinder und gilt als neuer Star unter Amerikas Moralpredigern. Ein Mann der Werte, der vorlebt, was er predigt. Und in Haggards Welt, in der sie in Zungen reden und Engel keine Erfindung sind, gilt Homosexualität als heilbare Krankheit. Haggard klingt glaubwürdig, als er in Fernsehinterviews alles abstreitet: »Wie, sagten Sie, heißt der Mann, der mich beschuldigt?« Doch Jones legt nach. Erzählt, der Sex mit Haggard sei »ganz Vanilla«, er meint damit: so gewöhnlich, dass »ich dabei ein Buch lesen könnte«. 200 Dollar pro Stunde zahle Haggard. Zum Beweis legt Jones ein Tonband von seinem Anrufbeantworter vor – mit der Stimme Haggards, der um Speed bittet.
Das Unheil nimmt seinen Lauf. Im Vorübergehen sagt Haggard nun doch in eine Kamera, er kenne Jones und habe ihn angerufen, weil er sich massieren lassen wollte. Speed habe er gekauft, aber danach weggeworfen. In diesem Moment merkt die Gemeinde, ja, die ganze Nation auf. Es ist, als erlebe Amerika die rechtsreligiöse Wiederaufführung des Clinton-Dramas. Man erinnert sich eines Präsidenten, der Marihuana nicht inhaliert und mit der Praktikantin im Weißen Haus nicht geschlafen haben wollte.
Der Prostituierte erzählt, wie er seinen Kunden kürzlich im Fernsehen wiedererkannt habe: »Mein Gott, das ist ja mein Art.« Mit diesem Tarnnamen melde sich der Kunde immer. Jones recherchiert im Internet, dass »Art« berühmt ist, und er denkt sich, mit Erpressung ließe sich viel Geld verdienen. Von nun an sieht Jones seinen Kunden regelmäßig im Fernsehen. Er hört, wie Art für einen Vorschlag wirbt, der den Bürgern von Colorado bei der Kongresswahl vom vergangenen Dienstag zur Volksabstimmung vorgelegt wird. Danach soll die Ehe nur »zwischen Mann und Frau« geschlossen werden können. Da entscheidet sich Jones gegen das schnelle Geld und für die schnelle Enthüllung: »Als Homosexueller muss ich Position beziehen.« Der Prediger soll der Scheinheiligkeit überführt werden.
Wenige Tage vor der Wahl entsteht ein unentwirrbares Knäuel aus Christentum und Sünde, Glaube und Politik. Im Internet bricht die Debatte los. Andrew Sullivan, konservativer Blogger und selbst schwul, fragt: »Jene, die immer noch meinen, Homosexualität sei eine Präferenz, sollten den Fall Haggard bedenken. Ob der Pfarrer wohl bevorzugt hätte, heterosexuell zu sein, wenn er die Wahl gehabt hätte?« Kaum zwei Tage nach Haggards Ausflüchten, am Samstag vergangener Woche, ist er seines Amtes enthoben. »Wegen sexuell unmoralischen Verhaltens«, wie das kirchliche Aufsichtsgremium nach einem Gespräch mit Haggard bekannt gibt.
Am folgenden Tag kommt es zum denkwürdigsten Gottesdienst in der Geschichte der New Life Church. Tausende drängen sich in der Heimeligkeit der Gebetsarena. Sogar auf den Gängen sitzen sie. Die Stimmung schwankt zwischen Ärger, Trauer und Verbitterung. Der Assistenzpfarrer fragt zur Begrüßung, wenn auch nur rhetorisch, was alle beschäftigt: »Gibt es den Herrn, oder gibt es ihn nicht?« Und noch etwas beschäftigt jene große Mehrheit der Gläubigen, die die Republikaner wählt: Ist die Gemeinde Opfer einer politischen Schmutzkampagne der Linken geworden? Wollten schwule Aktivisten in der Wahlwoche auf Ted Haggard schießen und die ganze religiöse Rechte treffen? Doch davon will der Ersatzpfarrer nichts wissen: »Wir können nun böse auf Gott sein und ihm furchtbares Timing vorwerfen. Oder wir können sagen: Gesegnet sei der Herr, der tut, was und wann er es für richtig hält.« Als ganz persönliche Ansicht bietet der Pfarrer dar: »Amerika hat es jetzt nötig, durchgeschüttelt zu werden, auch spirituell.« Da brandet Applaus auf. Offenbar erfasst die Gemeinde 48 Stunden vor der Kongresswahl eine Vorahnung. Jeder weiß: Die Aufstiege Ted Haggards und George Bushs sind parallel verlaufen.
Von Ted Haggard ist nur noch ein Brief zurückgeblieben, der nun verlesen wird. Nach den Ausflüchten der ersten Stunden ist die Sprache jetzt klar: »Ich bin ein Betrüger und ein Lügner. Teile meines Lebens sind so widerwärtig und dunkel, dass ich mein ganzes erwachsenes Leben lang dagegen Krieg geführt habe. (…) Ich ertappe mich bei Gedanken und Sehnsüchten, die allem widersprechen, was ich glaube und was ich lehre. (…) Ich bin ein Sünder. Ich bin gefallen. Ich bedarf dringend der Vergebung und der Heilung.« Haggard bittet darum, seinem »Ankläger« zu verzeihen. Der habe bloß »den Betrug und die Sinnenlust offen gelegt, die mein Leben waren«. Noch im Coming-out ist Haggard seiner Glaubensinterpretation treu. Für ihn bleibt seine Gleichgeschlechtlichkeit »Sünde«. Damit müsse »mit aller Härte umgegangen« werden. Zum Schluss verabschiedet Haggard sich. Er müsse »für eine Weile« fortgehen und werde nie »in eine Führungsposition an der New Life Church« zurückkehren. In diesem Moment werden Tempotücher durch die Reihen gereicht.
Haggards Haus, eine Villa nahe der Kirche, bleibt dunkel, das Gartentor verschlossen. In der Einfahrt liegen die Zeitungen der vergangenen Tage. Kaum 16 Monate ist es her, dass Ted Haggard dem ZEIT- Reporter hier die Tür öffnete. Ein blendend aussehender Mann von knapp 50 stand da, Typ Sportler, in Jeans und ausgebeultem T-Shirt. Im Wohnzimmer legte er die Füße auf die Ottomane und plauderte. Erzählte, wie er vor 21 Jahren zum Fasten auf den Hausberg stieg, hinabblickte auf die Prärie und die Vision hatte, dort unten, in Colorado Springs, eine Gemeinde zu gründen. Der erste Gottesdienst fand im halb fertigen Keller seines Hauses statt. Als Kanzel dienten ein paar umgedrehte Wassereimer. Die acht Gläubigen saßen auf Klappstühlen. Binnen weniger Jahre erwuchs aus der Gemeinde eine Megakirche. Ted Haggard wurde zu einer christlichen Variante von Bill Gates. Ein Religions-Entrepreneur, für den es keine Wachstumsgrenze gab. So entstand auch Pastor Teds Befreiungstheologie, in der Kapitalismus nicht das Problem, sondern die Lösung ist, »weil nur die Marktwirtschaft Prosperität verheißt«. Haggard war durchaus kein Flammenwerfer der Rechten, sondern als Sprecher von Amerikas 45000 evangelikalen Gemeinden eher ein Reformer. Er trat ein für die Armutsbekämpfung und machte sich auf der Rechten Feinde mit seinem ewigen Memento über die Erderwärmung. Er glaubte, die Regierung Bush habe dagegen »viel zu wenig getan«.
Jeden Montag war er bei der Konferenzschaltung wichtiger christlicher Führer ins Weiße Haus dabei. Wenn er ein Anliegen habe, erzählte er, erhalte er binnen 24 Stunden vom Präsidenten Antwort. Vor einigen Monaten erwog er, sich als Kongress-Kandidat nominieren zu lassen. Wohlweislich hat er die Idee nicht weiter verfolgt. Zum Abschied kündigte er damals nach dem Interview an, er werde nun nach Texas fahren, um dort »der Gemeinde eines gefallenen Pfarrers zu helfen«. Vielleicht ahnte Haggard, wie es ihm einmal selbst ergehen würde. In seiner letzten Predigt findet sich der Satz: »Vater, wir beten, dass Lügen und Betrug aufgedeckt werden.«
Eine Woche nach Haggards Abgang stellt sich die Frage nach dem Überleben einer Gemeinde, die Personenkult groß machte. Im Gottesdienst wird schon über die Nachfolge gesprochen. Aber die Gläubigen sind am Sonntag danach mit Pastor Ted noch längst nicht fertig. Sinnsuchend laufen sie durch die Wandelhallen rund um die Gebetsarena. »Ist irgendetwas, was er je predigte, wahr?«, fragen Niko und Jason Lewis. Dass Haggard so überzeugend über Sünde und Versuchung predigen konnte, verstehen sie nun. Und trotzdem suchen sie ständig Antworten, die niemand geben kann. Sie ist 32, er 34, sie schwarz, er weiß, sie ist Luftwaffenoffizierin, er schreibt Software-Programme. Vor fünf Jahren zogen sie zu, waren erst abgeschreckt durch die Größe der Gemeinde, entdeckten dann aber die unzähligen Kleingruppen, die sich abends treffen und Einzelnen Heimat geben. Längst empfinden sie die New Life Church als intimer als kleinere Kirchen. Die selbsttragende Struktur könne die Gemeinde nun retten. »Wer wegen Pastor Ted kam, wird nicht wiederkommen«, vermutet Jason Lewis. »Die anderen bleiben.«
Eine der Kleingruppen heißt »Echte Männer«. Ein Buch über »die maskuline Seele« wird dort besprochen. Diese Woche überholte die Praxis die Theorie. Über nichts anderes als Haggards Fall haben sie gesprochen, berichtet Bruce Nygren, ein Verleger religiöser Literatur, der mit Pastor Ted an einem Buch arbeitete. Plötzlich gesellte sich zu den vielen Problemen dieser Tage die Frage, ob die Kirche unter Pastor Ted zu politisch geworden sei. Über die Jahre hat Nygren beobachtet, wie Haggard sich immer mehr interessierte für die Lösung weltlicher Fragen. Erst als Sprecher der Evangelikalen Vereinigung, dann als Berater des Weißen Hauses, schließlich (beinahe) als Kongresskandidat. Etwas, sagt Nygren, sei da »aus der Balance geraten«. Haggard solle predigen, mehr nicht. Deshalb gehe er, Nygren, schließlich in die Kirche. Nun wird der nächste Pastor eine neue Balance zwischen Religion und Politik suchen müssen. In der Doppelkrise von Evangelikalen und der Regierung Bush liegen eben auch Chancen.
- Datum 19.11.2006 - 11:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.11.2006 Nr. 47
- Kommentare 6
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über Evangelikale will ich mich nicht länger aufregen!
Das trifft ja wohl nicht nur auf US-amerikanische Evangelikale zu. Wieviel Prozent der katholischen Priester sind schwul, 30? Und wie gehen die damit um? Warum wirkt nur der Papst so unglaublich tuckig, sowohl was die Diktion angeht wie auch was seine Gestik angeht, ganz zu schweigen von den handgefertigten Prada-Samtpantöffelchen in rot mit Pelzbesatz für 5.000.- Euro.
Nee, nee, Elton John hat da schon recht: Die Religionen sind verlogen. Am Schwulsein wird's besonders schön deutlich.
Der Artikel ist journalistisch eine reife Leistung. Der Autor hat der Versuchung widerstanden, in eine naheliegende Polemik zu verfallen. Statt dessen liefert er ausgewogene Fakten, und das macht ihn glaubwürdig.
Religion kann in dieser Zeit der Menschheit dienstbar sein, wenn sie ohne geistliche Führung auskommt. Scharen sich Menschen nicht um das Wort Gottes, sondern um Prediger, dann laufen sie Gefahr statt Hoffnung Verwirrung zu finden. Religion gibt uns die Chance, sich vertrauensvoll der Besserung unseres Wesens und der Gesellschaft zu widmen. Es gibt eine wundervolle Geschichte, wo ein kleiner Junge eine Lampe findet und auf einmal folgen ihm viele Menschen durch die Dunkelheit. Der Junge denkt fälschlicherweise, dass die Menschen IHM folgen, als er jedoch stolpert und die Lampe zerbricht, merkt er, wie die Menschen sich wieder in alle Richtungen verteilen. Religion ist das Licht und wir Menschen sind die Lampenträger. Doch sollte eben jeder eine Lampe tragen und nicht nur ein Schafhirte an der Spitze.
Das ist ja nicht das Problem, das Problem ist die Leichtgläubigkeit des US Volkes, welches einfach zuhört und in Transe grät bei Religiösem, auch wenn es ums Töten geht.
In Europa würde keiner sich mehr erlauben zu meinen Sharon hätte einen Schlaganfall bekommen weil er Gaza zurückgab, es wäre Gottesstrafe.
Die schlimmsten Zeiten der Menschheit sind wenn sie gemeinsam in Transezustände gerät, das Erwachen ist meist sehr bitter wie 1945 oder jetzt für die USA im Irak.
Ich finde auch den Fundamentalismus der Kreationisten zum Heulen, jeder Fanatismus ist ein Dorn im Auge Gottes, meinen Sie nicht auch?
Dem kriegerischen HERRN, der in der Bibel u.a. Schwule steinigen liess, waren auch Behinderte ein Gräuel. Ausserdem rief er zum Töten wegen Geringfügigkeiten auf und tat desgleichen auf ungerechte/unbarmherzige Weise. Dass der eigentliche, vollkommen gerechte und barmherzige Gott der Christen, der sich der Menschheit damals durch Jesus Christus offenbarte...zunehmend mit dem zerstörungsorientierten HERRN bei Mose auf eine Stufe gestellt wird, wirkt befremden auf Menschen, die durch gelebte Liebe diesen verheerenden Irrtum in der Bibel erkennen, der viel Leid für Homosexuelle Paare brachte.....die oft einen wertschätzenderen, liebevolleren Umgang pflegen als richtende, verurteilende Evangelikale, die an zunehmender Herzversstockung leiden, dadurch aber eine Gottesbeziehung verhindern....weil Gott Liebe ist. Echte uneingeschränkte Liebe, die bei homosexuellen, wie auch heterosexuellen Paaren vorkommen kann.
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