Es hat Sinn und es macht Spaß

Ein deutscher Arzt, der Afghanistan hilft, erhält den Marion Dönhoff Förderpreis von Isabell Hoffmann

Manche helfen einfach.Reinhard Erös zum Beispiel und seine Frau Annette.Seit acht Jahren bauen sie in Afghanistan Schulen und Krankenstationen. 27 dieser Einrichtungen stehen mittlerweile im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet.Finanziert durch private Spenden, die sie jedes Jahr sammeln und nach Vorderasien bringen.Mit dem Geld, 1 bis 1,5 Millionen Euro jährlich, bezahlen sie 1800 Lehrer und Ärzte, Bauarbeiter, Schreiner, Köche, Helfer aller Art und Arbeitsmaterial.Was übrig bleibt, fl ießt in neue Projekte, weitere Schulen und Krankenstationen.Deshalb bekommen sie und ihre Zwei-Personen-Organisation Kinderhilfe Afghanistan am 3.Dezember den Marion Dönhoff Förderpreis verliehen, den Zeitverlag und ZEIT-Stiftung in diesem Jahr z um fünften Mal zum Andenken an die ehemalige Chefredakteurin und Herausgeberin der ZEIT, Marion Gräfin Dönhoff, vergeben.Er soll Menschen auszeichnen, die wissen, worum es geht und dementsprechend handeln. Die Erös scheinen immer schon gewusst zu haben, worum es geht, und haben nie gezögert, zu handeln.Ihre Geschichte ist eine wundersame Mischung aus Abenteuerlust, großem Herzen und persönlichem Mut.Sie beginnt im Jahre 1986, als Reinhard Erös, Oberfeldarzt der Bundeswehr, beschließt, seinen privaten Sommerurlaub in Afghanistan zu verbringen. Dort herrscht seit sieben Jahren Krieg.Die Sowjetunion, damals noch eine Supermacht, hat sich bei dem Versuch, Afghanistan zu okkupieren und ein Statthalter-Regime einzusetzen, in einen Guerillakrieg verwickeln lassen.Sie bombardiert Dörfer und Felder ohne Rücksicht auf Zivilisten.Einheimische Ärzte werden vertrieben.Unabhängige Hilfsorganisationen dürfen nicht ins Land.Auf 230000 Menschen kommt ein Arzt.Flüchtlinge erhalten internationale Hilfe in Pakistan, aber nur wenige Mediziner w agen sich über die Grenzen, um illegal im Land selbst zu arbeiten.In dieser Lage beschließt Reinhard Erös, Vater von vier Kindern, seinen Sommerurlaub in Vorderasien zu verbringen. Was sich nach Wahnsinn anhört, ist der Beginn einer Liebesgeschichte. Nach sechs Wochen Schmutz und Elend kehrt er nach Deutschland zurück, beantragt unbezahlten Urlaub für vier Jahre und zieht mit seiner Familie nach Peschawar, der pakistanischen Stadt unweit der afghanischen Grenze.Dort baut er in einem Flüchtlingslager eine Gesundheitsstation auf und organisiert den Ärzte-Treck in Richtung Afghanistan.Seine Frau Annette Erös, Mathematiklehrerin von Beruf, gründet eine europäische Schule, in der Kinder vieler Kontinente unterrichtet werden. Vier Jahre bleibt die Familie in Pakistan, dann zieht sie wieder ins gemächliche Bayern.Die sowjetische Armee hat inzwischen zwar den schmachvollen Rückzug angetreten, doch Afghanistan kommt nicht zur Ruhe.Ein Bürgerkrieg zerreißt das Land, dem die fanatische Herrschaft der Taliban folgt.Immer mehr Afghanen verlassen ihre Heimat.Vor allem für Frauen und Mädchen wird das Leben nahezu hoffnungslos. Wieder helfen die Erös.Sie gründen eine erste Mädchenschule in einem afghanischen Flüchtlingslager in Pakistan.Sie kennen Land, Leute und Sitten, sprechen inzwischen die Sprache und haben gute Kontakte zu hilfsbereiten Menschen und Organisationen in Deutschland.Ein weiteres, wenn auch schwer einschätzbares Plus: Wenn Reinhard Erös die landesübliche Kleidung trägt, ist er von den Einheimischen kaum zu unterscheiden.Er ist nicht zu groß, nicht zu hager, und wenn auf dem runden Kopf die traditionel le afghanische Mütze sitzt, muss sich der ungeübte Betrachter anstrengen, um ihn auf Fotos von seinen afghanischen Begleitern zu unterscheiden. Nicht nur äußerlich versucht Erös die Landeskultur zu respektieren. Interkulturelle Kompetenz ist sein Lieblingsbegriff, und er wird nicht müde, zu erklären, warum alle Mühe vergeblich ist, wenn nicht die Menschen und ihre Gewohnheiten Maßstab aller Hilfe sind.Deshalb kommen aus Europa nur Geld und Logistik.Der Rest wird vor Ort erledigt. Bleibt die Frage nach der Motivation.Warum machen die das? Ich kanns, es macht Sinn, und es macht Spaß, lautet die einfache Antwort des Reinhard Erös.Gefühlsduselei ist nicht sein Ding.Dass er Afghanistan liebt und die Menschen und ihre jahrtausendealte Kultur bewundert, kann jeder hören, dem er seine vorderasiatische Geschichte erzählt. Den Marion Dönhoff Hauptpreis erhält in diesem Jahr der frühere polnische Außenminister Bronisaw Geremek.

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