Klassiker der Moderne (41) Wüsten unter Eis
Der Waliser John Cale gründete 1965 mit Lou Reed die Band Velvet Underground. Später schuf er Paris 1919 – ein Rockalbum, das zur summbaren Pop-Kammermusik wurde und Schönheit mit Schrecken verbindet
Jerry Lee Lewis, einer der Heiligen Drei Könige des Rock ’n’ Roll, zerstörte mit ein paar Tönen auf dem Klavier den Glauben Amerikas an seine unveräußerlichen Werte. Dem Waliser John Cale genügte ein hämmernder Akkord, um Europas Erbe brüchig werden zu lassen. »You’re a ghost, la la la«, sang er auf dem Titelsong von Paris 1919, und mit jedem wohlklingendem »La la la« wurden die Blutspuren sichtbarer. Hier verdichtete sich, was den Musiker John Cale ausmacht: seine Paranoia, in der er Privates und Politisches vermischt, die Monotonie der Minimalismus-Avantgarde, die Energie der Rockmusik und die Sehnsucht nach der klassischen Musik des 19. Jahrhunderts. Die Vögel zwitschern zu Geigen in den Tuilerien, und es regnet Beaujolais auf den Champs Elysées wie Frösche in Magnolia.
Zum biografischen Pflichtprogramm gehört: Nie hatte John Cale den Song After Midnight geschrieben, ist daher nicht mit J. J. Cale zu verwechseln, vielmehr war er – neben Lou Reed – 1965 Mitbegründer der Velvet Underground. Mit seinem enervierenden Bratschen-Ton und den coolen Basslinien löste er die New-York-Psychose ein, seine klassische Musikausbildung in Wales lieferte die Kunst, die sich in den USA als überlebensfähig erweisen musste. Mit John Cage, Aaron Copland oder La Monte Young konnte er musikalische Ewigkeiten ausloten, mit Lou Reed musste er die Welt in drei Minuten unterbringen. Und er lernte schnell. Als er 1968 die Velvet Underground verließ, schrieb er literarische Trouvaillen für die Rockmusik und populäre Avantgarde für die Moderne. Mit Lowell George, dem Gitarristen von Little Feat, entstand Paris 1919 als Rockalbum und wurde samt Sinfonieorchester zur summbaren Pop-Kammermusik – 1973, inmitten des Glamour-Rocks. Doch darunter lag jene immerwährend dunkle Seite von John Cale, die zum Tee mit Graham Greene, zu der Orgel in Child’s Christmas in Wales oder Half Past France das Böse, die »ugly beauty« beschwören. Orte und Daten, die sich mit Blut verbinden, wie Dünkirchen oder Transvaal mehren sich, britische Nationalisten, shakespearische Unholde oder Diven vom Sunset Boulevard tauchen auf, wer bei Cale Türen und Fenster öffnet, blickt auf Wüsten, die unter Eis liegen – Antarctica Starts Here. Bei Paris 1919 ist der Schrecken noch mit Schönheit verbunden, dann bricht es auseinander, in so großen Gesten der Verzweiflung wie Fear, Slow Dazzle, Artificial Intelligence oder Music For A New Society.
Später sollte der 1942 geborene Bergarbeitersohn seine Paranoia in Film- und Ballettmusik, in Symbiose mit Brian Eno (Wrong Way Up) sowie mit Lou Reed (Songs For Drella) kultivieren. Doch immer ist da diese warme Stimme, zu der man jeden Alb schunkelnd genießt: »A simple case of them or me / If they’re alive then I am dead / Pray God and eat your daily bread / Take your time.« Nirgends verliert man schöner als an der Seite von John Cale.
John Cale: Paris 1919, Reprise/Rhino 8122 74060
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Serie -
- Quelle DIE ZEIT, 23.11.2006 Nr. 48
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