Glosse Mrs. Bond

Die Krimibranche ist weiblich. Denn sie lebt von Kopfarbeit

Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Tatsache, dass sich die literarische (und filmische Krimibranche) seit geraumer Zeit in ein matriarchales Unternehmen verwandelt, in dem ziemlich abgeklärte Damen ziemlich streng den Ton angeben, ob als Kommissarinnen, Agentinnen oder als Autorinnen von Patricia Cornwell bis zu Doris Gercke – diese Tatsache verdankt sich nur zum Teil dem Fortschritt der Emanzipation. Zum nicht unerheblichen Teil aber den Fortschritten der polizeilichen Ermittlungsmethodik.

Der Typus des Verfolgers, der mit leiblicher Präsenz an der Verbrecherfront ackert, ab und zu im Büro aufkreuzt und den Aktenschrank aufmischt, ist eine herrliche, aber etwas anachronistische Kunstfigur. Sie wurde abgelöst vom Typus des technologischen Kopfarbeiters. Er ist auf Datenbänken unterwegs, wertet DNA-Analysen aus, diskutiert mit den Spezialisten aus der Gerichtsmedizin und philosophiert mit den Profilern. Er erledigt seine Arbeit im sauberen Geist von Wissenschaft und Theorie. Den Rest, die Drecksarbeit vor Ort, übernehmen die Assistenten. Der Assistent liefert sich die obligatorischen Schusswechsel, hechtet gegen geschlossene Türen und überwältigt den Gangster. Der Chef legt ihn im Verhör psychologisch und rhetorisch aufs Kreuz.

Beziehungsweise die Chefin legt ihn aufs Kreuz. Denn als Erzählkonstellation ist die Arbeitsteilung in Verstand und Muckis, Intuition und Testosteron sinnfälliger, dramaturgisch handlicher, wenn sie sich ans Geschlechterschema hält. Im prototypischen Krimi der Gegenwart sieht es deshalb so aus: Entweder der Held ist eine Frau, die ein, zwei Männer fürs Grobe hat, wie Frau Block und ihre zahlreichen deutschen Kolleginnen. Wie Judy Hammer, Polizeichefin einer Stadt in North Carolina und Serienheldin in den Büchern von Patricia Cornwell. Oder der Held ist zwar ein Mann, wird aber an der kurzen Leine einer dominahaften Staatsanwältin gehalten. In beiden Fällen hat die Szenerie natürlich eine Schlagseite ins Ödipale. Sie setzt das Arrangement zwischen einem weiblichen Überego und hartem männlichem Körpertraining voraus.

Nebenbei gesagt: Letzteres hat der aktuelle Mr. Bond im Übermaß absolviert. Was ihm, sollte er der Filmfigur treu bleiben, jetzt noch fehlt, ist die Einsicht, dass er in absehbarer Zeit am Gängelband einer Chefagentin antreten wird. Aber er ist auf dem richtigen Weg. Erstens ist er recht monogam. Zweitens hat er ein paar barbarische Körpertechniken drauf. Drittens ist ihm die Zubereitung von Martinis egal. Solche exquisiten Feinheiten passen auch noch zu Assistenten. Mrs. Moneypenny wiederum, die jahrzehntelang treue Bürokraft, ist keineswegs endgültig von der Bildfläche verschwunden. Sie nimmt nur eine kurze Auszeit, um in anderer Gestalt, unter anderem Namen, mit erheblich anderer Frisur und in erheblich anderer Position wiederzukehren. Das richtige Alter zwischen Mutter und Gespielin hatte sie ja schon immer. Ursula März

 
Leser-Kommentare
  1. Ist es heutzutage eigentlich nicht mehr erforderlich, dass eine weibliche Autorin ihre feministischen Thesen auch begründet oder sich über den Sinn der Terminologie informiert, die sie verwendet? Frau März ist jedenfalls sicher k e i n gutes Beispiel für ihre simplizistische Analogiebildung Mann-fürs-Grobe, Frau-für-Kopfarbeit. Sonst hätte sie sich vorher über die Bedeutung des 'Oedipalen' informiert und die Absurdität ihres Vergleichs eingesehen:

    Der Ödipuskomplex beschreibt in der psychoanalytischen Theorie Sigmund Freuds das Entwicklungsstadium, in dem der Knabe einen rivalistischen Kampf gegen den Vater um die Mutter austrägt. Um der Mutter Willen will er den Vater vernichten, um dadurch seinen Platz als Machtträger anzunehmen und seine Führungsqualitäten unter Beweis zu stellen. Der günstige Ausgang des Ödipuskonflikts liegt laut Freud darin, dass der Junge die Vaterinstanz und ihre Autorität anerkennt.
    Gewiss kein gutes Beispiel für eine weibliche Führungsrolle.

    Aber was will die Autorin eigentlich sagen? Glaubt sie ernsthaft, dass Frauen Männern geistig überlegen sind? Falls ja, müsste sie dies jedenfalls gegen aktuelle neurowissenschaftliche (u.a.) Erkenntnisse verteidigen. Aber das ist wahrscheinlich gar nicht ihre Intention. Provokation scheint heute per se schon ein Gütekriterium zu sein - vgl. den grässlich-niveaulosen und verletzenden Film 'Borat', der in den Medien als 'genial' gefeiert wurde.

  2. Oh, es handelt sich ja hier um eine Glosse - nun gut, dann darf Frau März natürlich kompletten Unsinn von sich geben. Ganz wie im Film 'Borat': Eine Frau ohne ihr Wissen als Hure zu bezeichnen, ist natürlich n i c h t verletzend, wenn's doch nur eine Glosse bzw. Satire war, gell?
    Mir vergeht dabei leider das Lachen. Dummheit bleibt Dummheit. Gute Glossen lesen sich anders.

    • xyto
    • 23.11.2006 um 20:43 Uhr

    Mal ehrlich, Frau März, spricht da nicht der Neid aus Ihnen, dass Sie als Frau einfach keine körperlich überlegene, roh-zupackende Muskelmaschine mit einer mächtigen Kanone sein können?

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  • Quelle DIE ZEIT, 23.11.2006 Nr. 48
  • Kommentare 3
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  • Schlagworte James Bond | Literatur | DNA-Analyse | Testosteron | North Carolina
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