Als Treffpunkt hat Harald Schmidt das Museum Ludwig vorgeschlagen, direkt gegenüber dem Kölner Dom. Ein Bildungsbürgertreff. Um Punkt 14 Uhr rüttelt Schmidt an der gläsernen Eingangstür. Doch die bleibt verschlossen. Er zieht erneut. Nichts. Es ist Montag. Und montags haben, wie alle Bildungsbürger wissen, Museen geschlossen. Ein Schmidtsches Versehen und zugleich der Beginn einer Inszenierung während dreier Begegnungen mit der ZEIT, in der Harald Schmidt seinen Abschied vom deutschen Feuilleton zelebriert.

DIE ZEIT: Sind Sie am Morgen zufrieden mit sich und der Welt? Was geht da durch Ihren Kopf?

Harald Schmidt: Manchmal ist es durchweg negativ. Da geht mir alles auf den Keks, wirklich alles. Da genügt es, wenn sich jemand am Telefon mit »Hallo« meldet. Es kann der falsche Gesichtsausdruck eines Menschen sein, der mein Zimmer betritt. Es können die Schuhe sein, die mich stören, die Kleidung. Innerlich gerate ich dann in einen Zustand, der mit einem Beschimpfungsmonolog von Thomas Bernhard vergleichbar ist.

ZEIT: Aber es gibt auch andere Tage?

Schmidt: Ja. Ich muss sagen, das Negative nimmt bei mir ab. Ich bin viel versöhnlicher geworden.

ZEIT: Manche sagen: auch zahnloser. Ist dies auch der Grund dafür, dass Sie sich Späße über den Islam verkneifen?

Schmidt: Nein, das liegt am Medienwahnsinn unserer Zeit. Es gibt unglaublich viele Leute, die sich unentwegt für die Pressefreiheit, die Meinungsfreiheit stark machen – Leute, die niemand kennt. Mein Bekanntheitsgrad liegt bei 95 Prozent. Es geht nicht um Diskussionen mit Islamwissenschaftlern in der Evangelischen Akademie Tutzing, ich rede von Einkaufsstraßen mit einem hohen Prozentanteil an Menschen, die sich dieser Religion nahe fühlen und nicht so genau hinhören.

ZEIT: Also ist es reine Vorsicht, dass Sie den Islam in Ihrer Show aussparen?

Schmidt: Ja. Denn ich habe keine Kontrolle darüber, was andere daraus machen. Beiträge werden verkürzt, es wird nur ein bisschen zitiert, es geht in Leute heute, es geht in Brisant, in RTL explosiv. Dazu die Vervielfältigung im Internet. Nein, es ist nicht zu steuern.

ZEIT: Mozarts Oper Idomeneo wurde in Berlin abgesetzt, eine richtige Entscheidung?

Schmidt: Ja, klarer Fall. Und es war eine schöne Gelegenheit für den Rest des deutschen Theaters, sich mal wieder besonders mutig zu zeigen. Plötzlich waren wir ein Volk von Opernsüchtigen, die dieses Werk unbedingt sehen wollten, selbst die Kanzlerin zeigte sich schockiert. Ich habe mal erlebt, wie wir an den Städtischen Bühnen in Augsburg versucht haben, den Oberspielleiter abzusetzen. Der Mutverlust auf dem Weg von der Kantine hoch auf die Probebühne war sensationell.

ZEIT: Haben Sie der Intendantin Harms gesagt, dass Sie ihre Entscheidung richtig fanden?

Schmidt: Nein, das würde ich nie machen. Ich sehe aber diese ganze Geschichte noch viel lebensfroher. Ich finde, Frau Harms sieht gut aus, ich freue mich jedes Mal, wenn ein Foto von ihr in der Zeitung ist oder sie in den Tagesthemen erscheint. Sie ist irgendwie mein Typ. Wie ich diese Sache betrachte, daran können Sie ungefähr ablesen, wie ich derzeit drauf bin.

ZEIT: Sie haben also den Kopf voller Frauen – ist da noch Platz für kluge Gedanken?

Schmidt: Schon lange nicht mehr. Das habe ich mir abgeschminkt. Alles, was man philosophisch denken kann, wurde schon einmal gedacht. Die Aufgabe besteht also darin, zu wissen, wo das Ergebnis dieses Nachdenkens zu finden ist, in welchem Buch es steht. Was ich allerdings tue, ich versuche, mir gute Zitate zu merken.

ZEIT: Das Zitat ersetzt den Gedanken?

Schmidt: Auf diese Weise sparen Sie unglaublich viel Zeit. Ich habe kürzlich im Klappentext eines Buches ein Zitat von Jorge Luis Borges gelesen, darin hieß es: Und wenn ich nochmal von vorne anfangen könnte, würde ich versuchen, weniger perfekt zu sein. Ich würde von März bis Oktober barfuß gehen, viel in Flüssen schwimmen und vor allem mit Kindern spielen. Darum geht es, das ist es eigentlich. Allerdings kommt es darauf an, wer einen solchen Satz formuliert. Hätte ihn, sagen wir mal, Claudia Roth gesagt, hätte ich ihn ihr womöglich um die Ohren gehauen.

Wir sitzen jetzt in einem Kölner Café, ein paar Kinder klopfen immer wieder von außen an die Scheibe, sie haben Schmidt erkannt, wollen ein Autogramm. Das gefällt ihm, er macht Witze über die Kinder (»Sie sind das heutige Oliver-Twist-Elend«), lacht mit ihnen, schwärmt von den Vorteilen eines Fotohandys.

ZEIT: Zum Aufstehen gehören Tageszeitungen…

Schmidt: …nein, Spiegel Online reicht mir. Den Spiegel als Magazin kaufe ich mir nicht mehr, zehn Minuten als E-Paper, ein bisschen FAZ noch im Netz bis zum Schlüsselchen, weil ich kein Abo habe, das war’s dann.

ZEIT: Sie waren lange Zeit der Liebling des Feuilletons. Sie wurden geradezu vergöttert. Jetzt hat sich der Wind gedreht, Ihre Kritiker melden sich lautstark zu Wort. Ist dies der wahre Grund, warum Sie keine Zeitungen mehr mögen? Sind Sie beleidigt?

Schmidt: Beleidigt ist zu milde. Fast bin ich ein wenig erzürnt über die Undankbarkeit dieser kleinen Schmierfinken. Ich sehe es so: Wenn die nicht mehr spuren, kriegen sie auch keine Aufmerksamkeit mehr. Das Spiel hat Spaß gemacht, solange ich gefeiert wurde. Um sich nicht feiern zu lassen, ist das Lesen von Zeitungen zu anstrengend. Ich sehe die Presse relativ praktisch. Medienseiten werden von dem Augenblick an bedeutungslos, wenn man selbst schlecht wegkommt.

ZEIT: Wie erklären Sie sich, dass die Kritik plötzlich bei Ihnen zuschlägt?

Schmidt: Das hat damit zu tun, dass ich einfach fällig bin. Ich wurde mit Preisen überhäuft, jeder Halbsatz von mir wurde analysiert. Ich bin zu lange dabei, wahrscheinlich gehe ich mit meiner Großkotzigkeit den Leuten mittlerweile unfassbar auf die Nerven. Ich wachse jetzt langsam in die Rolle rein, die zuvor mein Freund Dieter Thomas Heck hatte. Leider gibt es immer noch zu viele Kollegen, die dünnhäutig sind und zu schwache Nerven haben. Also ist es die einzige missionarische Tätigkeit, die ich noch ausübe, dass ich all diesen verzagten Kollegen sage: Hört doch einfach auf, Zeitungen zu lesen. Oder ich frage: Warum bricht euch die Kritik das Herz, ihr habt doch einen Vertrag, ihr habt einen Sender, ihr verdient gutes Geld – also Schluss mit dem Gejammer. Bei mir in der Truppe ist es stalinistisch verboten, die Kritik von außen wahrzunehmen.

ZEIT: Die Ironie…

Schmidt: …ist massiv in Misskredit geraten in letzter Zeit, das muss man klar feststellen. Ironie steht bei vielen auf der Todesliste, man weint bei Ralph-Siegel-Liedern, man schätzt plötzlich Muttis Schnitzel, und jeder stellt sich dauernd irgendwelchen Dingen. Der Zorn auf Ironie hat übrigens Tradition. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Privatgelehrter habe ich in diesem Sommer gelesen: Jünger und Nietzsche hatten eine tiefe Wut auf die Ironie. Also, ich schätze, die Ironie-Krise dauert drei Jahre. Dann ist die Ironie wieder da.

ZEIT: Zuschauer Ihrer Sendung werden bisweilen das Gefühl nicht los, dass Harald Schmidt am Abend fernsehweit seine Langeweile auslebt.

Schmidt: Das ist meine Reaktion, die Reaktion eines Menschen auf den Tag, der zu Ende geht, ohne dass etwas Besonderes passiert wäre. Man muss nur die literarische Qualität der Langeweile anerkennen. Bei mir liegt irgendwo das Buch Oblomow, die Geschichte dieses russischen Faulenzers. Das ist toll. Ich habe keinen Macher-Ehrgeiz, ich empfehle nicht, die Ärmel hochzukrempeln. Ich sage auch nicht, wo es langgeht, weil ich es selber nicht weiß. So geht alles dahin. Also arbeite ich gegen die eigene Langeweile an.

ZEIT: Und gegen die eigene Depression?

Schmidt: Glauben Sie mir, ich habe keine Depressionen, eigentlich bin ich ein fröhlicher Mensch…

ZEIT: …der frei ist von unangenehmen Seiten?

Schmidt: Ich bin rechthaberisch. Ich weiß alles besser.

ZEIT: Stört Sie das?

Schmidt: Eigentlich finde ich mich ganz erträglich für mein Umfeld. Mit meiner Sendung gebe ich rund 25 Leuten einen Job. Die hören nichts von mir, die sehen nichts von mir, die werden nicht kritisiert, sie wissen, wie es weitergeht, die haben Verträge.

ZEIT: Es heißt, dass Harald Schmidt wenig Lust habe, Freundschaften zu pflegen.

Schmidt: Das ist ein Klischee, das ich sehr gerne bediene. Wie es ja auch immer wieder heißt, ich sei ein Hypochonder. Das sind alles kleine Maßnahmen zur Pflege der Marke, die unterstützt man halt. Nie im Leben werde ich dagegen angehen, ich lasse das alles laufen.

ZEIT: Auch Leute, die Sie gut kennen, behaupten, Freundschaften seien Ihnen ziemlich egal.

Schmidt: Es stimmt, ich habe keinen Freundeskreis. Was sollte ich damit? Ich bin rundum ausgelastet, ich hätte gar nicht Zeit dafür. Und es fehlt mir auch an nichts. Es gibt die Familie, abgesehen davon, bin ich seit vielen Jahren sehr eng mit Fred Kogel, meinem Partner in unserer Produktionsfirma Kogel & Schmidt.

ZEIT: Zucken Sie bei dem Begriff Männerfreundschaft instinktiv zusammen?

Schmidt: Nein, sofern damit nichts Verschwitztes gemeint ist, etwas, was auch in Sönke Wortmanns Film über die Weltmeisterschaft zu sehen ist. Sicher kann ich mich mit Männern besser unterhalten als mit Frauen.

ZEIT: Warum ist das so?

Schmidt: Mit Männern ist es einfacher, sie sind sich eher darüber einig, was sie von ihrem Leben erwarten, denke ich jedenfalls.

ZEIT: Sie halten sich für einen Besserwisser, weitere Untugenden gibt es nicht?

Schmidt: Was meinen Sie?

ZEIT: Sie haben bei Gelegenheit gesagt, dass Sie zuviel trinken.

Schmidt: Nicht so viel, wie ich gerne würde, und wen interessiert das? Schmidt – Alkoholprobleme, das wäre keine Meldung. Ich müsste schon in eine Entziehungsklinik eingeliefert werden, doch dafür trinke ich nicht genug. Also kann da nichts kommen, abgesehen davon, zahle ich meine Steuern.

ZEIT: Zahlen Sie Rundfunkgebühren?

Schmidt: Ja. Ich habe hier ich weiß nicht, wie viele Apparate angemeldet, so doof kann ich gar nicht sein, sozusagen als jemand, der von der GEZ Geld bekommt, hier 50 Schwarzfernseher zu haben. Außerdem finde ich es auch uncool, keine Gebühren zu zahlen. Ich finde es auch uncool, in der UBahn schwarzzufahren. Das sind die Leute, die sich aufregen, dass sich die Industriebosse die Taschen voll machen. Die Schwarzfahrer haben nur nicht die Gelegenheit dazu. Stellen Sie sich die Meldung in der Zeitung vor, Dirty Harry bekommt Milliarden von der GEZ, und selber schaut er schwarz. Das kann ich ja nun wirklich keinem Journalisten gönnen.

ZEIT: Hans-Joachim Kulenkampff hat einmal gesagt, er sei aus Feigheit zum Fernsehen gegangen, weil er es als Schauspieler nicht geschafft habe. War es so auch bei Ihnen?

Schmidt: Ich hätte es als Schauspieler natürlich auch nicht geschafft – trotzdem lagen die Dinge bei mir anders. Ich bin zum Theater gegangen, um überhaupt zu dieser Welt, zur Bühne, zum Showgeschäft, einen Zugang zu kriegen. Ich fragte mich, wie kommt man da überhaupt hin, muss man sich irgendwo bewerben, oder wie geht das?

ZEIT: Warum wollten Sie eigentlich Showmaster werden – damit, wie eben geschehen, auf der Kölner Domplatte fremde Menschen Ihnen »Ey, Harald« zurufen?

Schmidt: Ich weiß es nicht genau. Warum will jemand Fußballprofi werden? Vielleicht, weil er es sich ziemlich toll vorstellt, einen WM-Pokal hochzuhalten. Ich fand das einfach toll.

ZEIT: War Rudi Carrell ein Vorbild für Sie?

Schmidt: Das kann man sagen.

ZEIT: Wann war Ihr letztes Treffen mit Rudi Carrell?

Schmidt: Vier Monate vor seinem Tod. Ich war bei ihm in seiner Suite im Kölner Maritim Hotel. Er wollte mir einen Ausschnitt seiner Sendung Sieben Tage, sieben Köpfe zeigen. Sein Zimmer war vollkommen aufgeräumt, er hatte den Videorecorder exakt schon auf die Stelle vorgespult, die er mir zeigen wollte. Bei anderen Fernsehleuten geht es meistens damit los, dass sie umständlich suchen müssen.

ZEIT: Eine Begegnung mit Wehmut?

Schmidt: Rudi Carrell hatte Las-Vegas-Format, er war der Einzige. Mit ihm ging für mich eine Epoche zu Ende. Ein bisschen so war auch die Stimmung in diesem Hotelzimmer. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen, er erschien mir ehrlich unsentimental. Es verlief genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte. Er hat kurz die einzelnen Kollegen abgefragt, wer macht was. Seine Quintessenz: Alles Scheiße.

ZEIT: Ausgenommen Carrell und Schmidt?

Schmidt: Ehrlicherweise muss ich sagen, so habe ich das auch empfunden. Es war wie eine Privataudienz, die mir Carrell noch einmal gewährte. Er wusste, wie sehr ich ihn wirklich verehre. Ich hatte das Gefühl, er erzählte mir Dinge, damit ich sie in seinem Sinne weitertrage. Nach einer Viertelstunde war es dann vorbei. Er sagte mir, dass er nun Fußball gucken wolle. Das war für mich das Zeichen zu gehen.

ZEIT: In seinem letzten Interview im SZ-Magazin hat Carrell erzählt, dass Sie beide bei diesem Treffen sich einig waren, dass die Tränen von Johannes B. Kerner bei einer Preisverleihung ziemlich unerträglich waren.

Schmidt: Ja, das stimmt. Wir sahen das so. Ich sehe das heute auch noch so.

ZEIT: Glauben Sie, Johannes B. Kerner weiß, was Sie von ihm denken?

Schmidt: Ja, ich glaube, das weiß er.

ZEIT: Gibt es Gelegenheiten, bei denen Sie sich Sentimentalität gestatten?

Schmidt: Nein.

ZEIT: Weil Sie es nicht können?

Schmidt: Ich will es nicht. Also, es ekelt mich, muss ich wirklich sagen.

ZEIT: In der Öffentlichkeit empfinden Sie Ekel – zu Hause ist es anders?

Schmidt: Auch privat erlaube ich es mir nur selten.

ZEIT: Stört Sie der mögliche Kontrollverlust?

Schmidt: Ja. Auch die Überschätzung der eigenen Gefühle. Wenn ich bei anderen sehe, wie der Kiefer zittert, wie die Augen feucht werden – da fühle ich mich belästigt.

ZEIT: Sie haben einmal eingeräumt, bei der Beerdigung Ihrer Großmutter geweint zu haben.

Schmidt: Ja, das habe ich vor Jahren in einem Interview gesagt, da dachte ich, das passt jetzt mal. Ich fand die Frage zu privat, da habe ich einen Ihrer Kollegen einfach angelogen.

ZEIT: Trainieren Sie die kurze Reaktionszeit, mit der Sie in Ihrer Show die Gäste überraschen?

Schmidt: Allenfalls muss ich üben, mich zu bremsen.

ZEIT: Bei einer Preisverleihung im vergangenen Jahr hielten Sie die Laudatio auf die Anchor-Männer und Anchor-Frauen der wichtigsten deutschen Nachrichtensendungen – mit dem Ergebnis, dass danach alle beleidigt waren.

Schmidt: Das war die amerikanische Form der Verehrung. Bei Peter Kloeppel habe ich die rührenden Tiere erwähnt, die er immer in die Sendung holt. Bei Thomas Kausch, dass er ab Nachmittag seine Haare fönt. Über Anne Will habe ich, glaube ich, gar nichts gesagt. Wissen Sie, ich habe eine wirkliche Begabung: Ich merke sehr schnell, was jemanden echt verletzt. Das kann ich, das ist ja auch mein Beruf. Das ist ein unglaubliches Gefühl, wenn einem sozusagen in einem Bruchteil einer Sekunde der Satz einfällt, der den anderen trifft bis ans Ende. Dieser Satz muss dann raus. Mittlerweile sinkt die Hemmschwelle gegen null.

ZEIT: Und wie ist es umgekehrt – wenn auf Sie gezielt wird?

Schmidt: Ich weiß, was mich treffen würde. Ich merke, wenn – alle paar Wochen – mich mal ein Satz richtig trifft. Dann denke ich, hoppla, gut erkannt.

Das zweite Treffen findet in Schmidts kleinem Büro in Köln-Mülheim statt. Nebenan befindet sich das Studio 449, in dem Schmidts Show aufgezeichnet wird. Das Zimmer des Chefs ist leicht überheizt und spartanisch eingerichtet, drei Stühle, ein Schreibtisch. Am Fuß der Tischlampe lehnt eine Ansichtskarte mit einem Kreuzfahrtschiff. Jemand hat ein Silbertablett gebracht, auf dem sich kleine Wurst- und Käsehäppchen hintereinander reihen. Schmidt selber hält sich zurück, trinkt nur Kannenkaffee. Den Ruf, auch ohne Ghostwriter schlagfertig zu sein, hat er zu Recht. Und genau das macht dieses Interview manchmal auch so farbig.

Denn er verfügt über eine Technik, die er gewissermaßen per Knopfdruck einsetzt, wenn ihm das Gespräch zu persönlich wird – er gibt sich ganz ernst. Mal sehen.

ZEIT: Helfen Sie uns: Was könnte Ihre Nehmerqualitäten richtig herausfordern?

Schmidt: Wenn die ersten Schichten der Fassade rasierklingenartig heruntergezogen werden. Meine ganzen Attitüden sichtbar werden, die dann in diesem Pointenzwang enden. Aber ich sage Ihnen, so einfach wäre es nicht. Ich habe mir im Laufe der Zeit einen ziemlichen Panzer zugelegt.

ZEIT: Wir versuchen es trotzdem…

Schmidt: …und Sie werden nicht erfolgreich sein. Wenn Sie so wie ich in der Öffentlichkeit stehen, rechnen Sie mit jeder Art von Vorwurf. Also spielen Sie das durch, was könnte kommen, wie reagiere ich darauf? Ich bin mir sicher: Heutzutage bleibt nichts geheim, alles kommt raus. Nur ein Beispiel: Irgendwann, als ich abends am Kölner Hauptbahnhof in ein Taxi stieg, fragte mich der Fahrer: Na, wie war die Scholle? Sein Schwager hatte in Husum gesehen, wie ich eine Scholle bestellt habe. Sie können also davon ausgehen, dass ich 24 Stunden am Tag von meinen Fans überwacht werde.

ZEIT: Sie können nicht drogensüchtig werden, weil ein diskretes Treffen mit dem Dealer nicht gelingen würde?

Schmidt: Null. Ich habe jedes Jahr 48 Steuerprüfungen. Ich werde als GmbH geprüft, ich werde privat geprüft, ich werde als Fernsehstudiobetreiber geprüft. Ich habe ein Büro, da hockt der Prüfer wochenweise drin. Manchmal fragt der: »Haben Se nicht irjendwatt, ich muss watt finden, det jibbet nicht.« Auch die Fleischereifachverkäuferin im Supermarkt geht von mir unbelästigt nach Hause. Links und rechts die Überwachungskameras an der Wand, hinter mir zwei jugendliche Fans mit Migrationshintergrund und gezücktem Fotohandy – ein junger Pop-Autor würde die Verkäuferin bestimmt anbaggern, ich dagegen bestelle ein Pfund Gehacktes und meine es auch so.

ZEIT: Keine Witze über den Islam – wegen der Medienvervielfältigungsmaschine. Im Leben dauernd die Frage: Was ist, wenn? Täuscht der Eindruck, dass Harald Schmidt ein ziemlich unfreier Mensch ist? Ein Gefangener der verschiedensten Zwänge?

Schmidt: Darüber habe ich neulich auch mal nachgedacht. Ich denke, ich sehe es positiv: Für mich ist das alles ein Gerüst, das mich schützt. Ich fühle mich nicht unfrei.

ZEIT: Kehren wir noch mal zurück zu Ihrer Abkehr vom Feuilleton: Es wirkt so, als gingen Sie sehr bewusst den Weg, sagen wir mal, weg von Claus Peymann hin zu Waldemar Hartmann.

Schmidt: Von Peymann zu Hartmann – das ist ja Literatur. Man entwickelt sich ja weiter. Normalerweise bin ich eher der Typ, der um neun Uhr abends müde wird, mit Waldi…

ZEIT: …Sie nennen ihn so?

Schmidt: Natürlich. Mit Waldi dauerten die Nächte bis vier oder fünf Uhr, manchmal bis zum Sonnenaufgang. Ein wahnsinnig amüsanter Typ. Claus Peymann war sozusagen meine Jugend. Wann immer ich am Stuttgarter Theater vorbeikomme, denke ich an diese Zeit. Aber jetzt ist 2006. Waldi bringt mich mit einer ganz anderen Welt zusammen, mit der Sportwelt, der Bayernwelt, es ist ein Riesenspaß. Hartmann ist in der Lage, verschiedenste politische Couleurs zu integrieren, wenn es um den lebensfrohen Bereich geht. Da ist er sozusagen die größte Koalition, die man sich vorstellen kann. Früher bin ich ja auch so ein Rechts-links-Denker gewesen, heute frage ich nur noch: Arschloch oder nicht?

ZEIT: Bedeutet Ihr Kurswechsel nicht im Grunde: Raus aus der Nische Feuilleton und hin zur Masse? Wollen Sie Ihre Marke verbreitern?

Schmidt: Darüber denke ich gar nicht nach. Den Begriff Marke benutzte ich nur in Interviews, weil er so nach Medienprofi klingt. Aber ich bin ein Fan geworden von Mehrheitsentscheidungen. Während das Comedy-Prekariat sich abarbeitet mit immer neuen Parodien, sage ich, Kinder, ihr geht am deutschen Volk vorbei. Rosamunde Pilcher, Volksmusik, Traumschiff , das will das deutsche Volk. Und es ist mit Sicherheit interessanter und lustiger dort mitzuspielen, als all das auf die Schippe zu nehmen.

ZEIT: Folgerichtig begeben auch Sie sich in diese deutschen Niederungen.

Schmidt: Legen Sie endlich Ihre feuilletonistische Brille ab. Ich empfehle Ihnen das auch, weil ich in der Traumschiff- Serie mitspielen werde, nächstes Jahr im Januar wird auf hoher See gedreht. Ich meine das nicht als Parodie, ich meine das wirklich so. Eine tolle Reise, von Havanna nach Valparaiso, durch den Panamakanal.

ZEIT: Sie spielen da mit?

Schmidt: Ja, ich habe das schon zweimal Journalisten erzählt, aber die haben es natürlich nicht gehört, weil sie ihre Fragen abstammeln mussten. Klar meine ich das ernst. Ich spiele einen Gentleman-Host, einen Mann, der Frauen auf solchen Schiffsreisen moralisch einwandfrei die Zeit vertreibt. Ich freu mich riesig.

ZEIT: Ein netter Kontrast: 2002 spielten Sie noch Beckett in Bochum, jetzt heuern Sie auf dem Traumschiff an.

Schmidt: Eine logische Entwicklung. Das ist gelebter Beckett: Wieder scheitern, besser scheitern. Ich saß mal nach einer Vorstellung in Bochum in der Kantine und hörte am Nebentisch den Satz: »Du, ich muss aufpassen, dass ich kein Zyniker werde.« Da wusste ich: und tschüss!

Wenn sich die Domportale abends um 19.30 Uhr schließen, kommt die Zeit des Domorganisten. Wenn Professor Winfried Bönig übt, dann nur vor einem leeren Gotteshaus. Er wartet, bis unten der Letzte aus der Tür ist, dann legt er auf der Empore los, dass die alten Mauern zu beben beginnen. Kreuz und quer klingt und dröhnt jetzt die Toccata von Charles Marie Vidor durch das abgedunkelte Kirchenschiff: vier Manuale, fast viertausend Pfeifen – gerade haben die Oboen ihren Einsatz. Als die letzten Töne verklungen sind, verharrt Bönig noch einen Moment, ganz in sich versunken, dann blickt er auf und sagt: »So, Herr Schmidt, wenn Sie wollen.«

Die dritte Begegnung: Harald Schmidt an der Orgel des Kölner Doms – das gab es noch nicht. Vor ein paar Monaten, bei der Taufe seiner jüngsten Tochter, lernte der Fernsehmann den Organisten kennen. Einmal die Orgel spielen? Die Frage steht in Gesprächen mit Professor Bönig über kurz oder lang im Raum – fast immer sagt er ab, bei Schmidt sagt er zu. Schmidt hat zehn Jahre lang selber gespielt, den so genannten C-Schein gemacht, der dazu berechtigt, Gottesdienste an der Orgel zu begleiten. Also suchten sie nach einem Termin. Dienstagabend, am Reformationstag, dem Tag vor Allerheiligen, da konnten sie beide. Harald Schmidt nimmt auf der Holzbank Patz.

»Ein Haus von Glorie schauet …«, von all den Kirchenliedern, die er kennt, ist ihm dies das liebste. Lustvoll entrückt, lauscht Schmidt dem eigenen Spiel. Er braucht die Noten, was ihn immer geärgert hat. Jetzt ist es egal. Zum ersten Mal wirkt er ganz und gar privat. Die Selbstinszenierung scheint für einen Moment unterbrochen.

ZEIT: Herr Schmidt, alles ist ein großes Spiel, diesen Eindruck vermitteln Sie. Sie sagen oft: Das ist eh egal. Was ist Ihnen nicht egal? Was ist im Leben nicht Wurscht?

Schmidt: Woher soll ich das wissen? Es ist mir nicht Wurscht, ob in irgendwelchen Kriegsgebieten Medikamente für Kinder vorhanden sind. Oder dass amerikanische Bomberpiloten in Reportagen gezeigt werden, die auf dem Laptop das Foto ihres Babys haben, und der Off-Sprecher sagt, wie schlimm das sei, dass dieser Mann sein Baby noch gar nicht gesehen hat. Und dann fliegt er los und wirft Bomben auf irakische Kinder, natürlich nur zielgerichtet. Wenn Sie sich da reinvertiefen, werden Sie bekloppt oder müssen sich die Kugel geben. Verstehen Sie? Es gibt unglaublich viele Themen, die ich mir, wie Joschka Fischer zu sagen pflegte, nicht auf den Tisch ziehen muss.

ZEIT: Wenn Sie mit Ihren Kindern spielen – spielt da auch der Zyniker?

Schmidt: Natürlich. Niemand gibt so einfühlsam Fläschchen wie der Zyniker. Aber man muss schon Unterschiede machen, bei fremden Kindernasen bleibt Rotz Rotz.

ZEIT: Waren Sie bei den Geburten Ihrer Kinder dabei?

Schmidt: Bei zwei Geburten war ich dabei.

ZEIT: Und?

Schmidt: Ich kann Ihnen die korrekte Antwort aller Fernsehmoderatoren geben: »Es war der schönste Moment meines Lebens, mir schoss das Wasser senkrecht aus den Augen, und ich habe mich meiner Frau noch nie so nahe gefühlt.« Ich jedoch stand da, und im Grunde war mir alles ruiniert worden durch die RTL-Entbindungsshows, wo Väter mit zwei Ohrringen und Transferleistungsgesicht in eine adipöse Gattin reinheulen. Ich konnte mich von diesen Bildern, die ich vorgekaut bekommen habe, nicht freimachen.

ZEIT: Es gibt Leute, die sagen: Ein Kinderspielplatz ist der langweiligste Platz auf der Welt.

Schmidt: Das ist ein Klischee. Hört man häufig von den Besuchsvätern der Generation Umhängetasche. Warum machen die nicht in Berlin irgendwas mit Medien?

ZEIT: Bei der Verleihung des deutschen Fernsehpreises in Köln traten Sie in Smoking und Lackschuhen auf. Fühlten Sie sich verkleidet?

Schmidt: Nein, das gehört für mich zum gewünschten Outfit, danach hatte ich mich extra erkundigt. Ich komme in der Uniform, die erwartet wird. Wer länger in dem Geschäft ist, behaupte ich, der erfüllt den Dress-Code.

ZEIT: Also eine gelungene Veranstaltung?

Schmidt: Nun ja, am Ende noch zwei Pils im Rausgehen, nach zehn Minuten war ich weg, sonst wäre ich in die Überstunden gekommen. Mir fiel wieder auf, dass das Fernsehen im Grunde von zehn Leuten betrieben wird, die wechselweise da oben stehen und ihre Preise kriegen. Schauspieler ausgenommen, die von ihren Rollen abhängig sind. Bei den Entertainern gilt: Nennst du mich Goethe, nenn ich dich Schiller, nächste Woche ist es umgekehrt. Das läuft großartig. Allerdings gibt es immer noch jene, die aufgeregt durch das Foyer rennen, sich rechtfertigen und für gescheiterte Konzepte entschuldigen. Ich hoffe sehr, dass diese Leute allmählich in die von mir befohlene Entspanntheit hineinwachsen.

ZEIT: Welches ist das wichtigste der Zehn Gebote?

Schmidt: Du sollst nicht töten.

ZEIT: Welches kommt dann?

Schmidt: Ehrlich gesagt, ich habe die zehn gar nicht abrufbereit. Im Zweifelsfalle: Du sollst Vater und Mutter ehren.

ZEIT: Sie haben das getan?

Schmidt: Ja, habe ich, tue ich immer noch.

ZEIT: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Schmidt: Ja. Im guten alten Ratzinger-Sinn: »Da werden wir leicht wie die Spatzen…« Das ist für mich hundertprozentig eine Sache, an die ich glaube.

ZEIT: Und: Kommen Sie eher nach oben oder eher nach unten?

Schmidt: Da bin ich mir nicht so sicher.

ZEIT: Ihre Begabung, andere Leute zu beleidigen, könnte da von Nachteil sein.

Schmidt: Stimmt, andererseits, wenn der Herr fragt: Was hast du aus deinen Talenten gemacht?, kann ich sagen: alles, alles. Ich wüsste nicht, was ich hätte brachliegen lassen.

ZEIT: Reicht Ihr Talent aus, die Gesundheitsreform zu verstehen?

Schmidt: Nein, ich habe mich auch nicht bemüht. Mein Standpunkt ist: Ich zahle meine Krankenkassenbeiträge, und ich habe nach meiner Vorstellung einen Deal direkt mit dem Arzt, wenn ich ins Krankenhaus gehe. Ich zahle den Arzt, wo ich mein Geld herkriege, ist meine Sache. Ich bin ein Verehrer der High-Tech-Medizin, und die Gesundheitsreform ist mir egal. Ich will sie nicht verstehen.

ZEIT: Macht Ihnen der Klimawandel Angst?

Schmidt: Dem sehe ich entspannt entgegen. Das ist sicher nicht wissenschaftlich fundiert, aber irgendwie denke ich, so ist das seit Millionen von Jahren: Arten kommen, Arten gehen. Den Al-Gore-Film sehe ich mir jedenfalls auf keinen Fall an, dem nehme ich für alle Zeiten übel, dass er gegen Bush verloren hat. Dann muss man halt in den Umweltschutz gehen.

ZEIT: Mögen Sie Franz Müntefering?

Schmidt: Müntefering ist eigentlich in der Situation, in der ich war nach meiner Rückkehr zur ARD. Eigentlich hätte er mit dem Gerd aufhören sollen. Auf der anderen Seite, warum sollte er? Dem Satz »Man soll gehen, wenn es am schönsten ist« habe ich noch nie etwas abgewinnen können. Es ist ein ganz falscher Satz. Denn was passiert dann? Man sitzt irgendwann unbeachtet in einem Café, und niemand dreht sich mehr zu einem um. Soll man dann aufstehen und rufen: »Schaut alle her, ich bin gegangen, als ich ganz oben war. Ich gehöre nicht zu denen, die nicht aufhören können!« Will man das? Quatsch.

ZEIT: Wie fällt Ihr Rückblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft aus?

Schmidt: Meine Lieblinge sind für mich die Leute, die sich total verschuldet haben, um auf der Fanmeile dabei zu sein. Mein persönlich tollstes WM-Erlebnis war: völlig alleine zu Hause im Wohnzimmer, Deutschland gegen Argentinien ohne Ton. Ich wollte es nicht mehr hören. Keinen Kommentar, nicht mehr die tolle Stimmung im Stadion. Sie sehen die Bewegungen, Sie sehen den Jubel, Sie sehen die Spannung beim Elfmeterschießen, aber es gibt kein Geräusch dazu, das war sehr erholsam.

ZEIT: In deutschen Wohnstuben hängen mehr und mehr Flachbildschirme an den Wänden. Welche Größe haben Sie sich gegönnt?

Schmidt: Gar keinen. Wir haben zu Hause einen 15 Jahre alten Blaupunkt-Fernseher, mit der kleinsten Bildröhre, die es gibt.

ZEIT: Weil das cool ist?

Schmidt: Weil meine Frau den Fernseher hasst, sie hätte ihn am liebsten ganz raus aus dem Haus. Ich selber, das gebe ich zu, finde es als Fernsehmacher natürlich wahnsinnig sophisticated, ein so altertümliches Gerät zu haben. Ich zeige es jedem gleich, der reinkommt. Meist füge ich hinzu: Wir gucken ja kaum.

ZEIT: Was finden Sie eigentlich männlich?

Schmidt: Männlich ist für mich, die Klappe zu halten. Schweigen, das finde ich wahnsinnig angenehm.

ZEIT: Wird heutzutage zu viel geredet?

Schmidt: Wenn ich von mir absehe, natürlich.

ZEIT: Ist Ihre Frau eigentlich stolz auf Sie?

Schmidt: Sie ist, glaube ich, ganz zufrieden. Stolz? Nein.

ZEIT: Darf Ihre Frau Sie kritisieren?

Schmidt: Wir reden überhaupt nicht über den Job, null, nichts. Früher hatten wir tausend Kräche deshalb, mittlerweile ist das abgehakt.

ZEIT: Streit über Ihre Arbeit?

Schmidt: Ja, und über all das, was damit verbunden ist. Das ist ein Job, also haben wir alle Alternativen besprochen. Wie es wäre, damit aufzuhören. Etwas ganz anderes zu machen. Woanders hinzuziehen…

ZEIT: …nach Neuseeland zum Beispiel…

Schmidt: …genau, aber das ist jetzt erst mal kein Thema.

ZEIT: Kennen Sie das Gefühl von Eifersucht?

Schmidt: Gegenüber meiner Frau? Eigentlich nicht, nein.

ZEIT: Oder hat sich das auch eingependelt, kein Streit mehr, keine Eifersucht?

Schmidt: Eifersucht ist mir nie sonderlich vertraut gewesen. Entweder, so stelle ich mir das vor, ist man ein Wesen mit archaischen Strukturen, das mit dem Messer wartet, oder man erlebt die Situation wie Paul McCartney, der sich ganz unbeschwert sagt, ich habe Glück, das Leben fängt jetzt wieder an.

ZEIT: Er tut Ihnen leid?

Schmidt: Ja. Ich wundere mich allerdings, wie ihm, einem Beatle, das passieren kann.

ZEIT: Wo liegt der Fehler?

Schmidt: Ich glaube, dass seine Ehe mit Linda Eastman so gut war, dass sie sich so gut verstanden haben, dass er auf ein Feld mit Tretminen nicht vorbereitet war. Irgendwie muss es doch Anzeichen gegeben haben, wie seine neue Frau tickt. Aber das Ganze hat auch etwas Gutes: Man kriegt wieder richtig Sehnsucht nach Yoko Ono.

ZEIT: Wie funktioniert eigentlich Ihr Humor? Jerry Lewis hat Humor einmal so beschrieben: Ein Mann versucht ein Problem zu lösen.

Schmidt: Da wollte er mal theoretisch werden. Woody Allen hat gesagt, Humor ist Tragödie plus Zeit. Sehr gescheit. Oscar Wilde sagt: Witz ist Intellekt auf Reisen. Ich sage stattdessen: Frau sucht Mann mit Pferdeschwanz, Frisur egal.

ZEIT: Herr Schmidt, während unseres Gesprächs blicken Sie immer wieder auf den Fernseher in Ihrem Büro. Das Gerät ist ausgeschaltet, warum schauen Sie trotzdem hin?

Schmidt: Weil ich mich im Glas der Scheibe kontrolliere.

ZEIT: Sie sind zufrieden?

Schmidt: Eigentlich kenne ich mich auswendig, mittlerweile habe ich mich auch mit mir selber arrangiert. Was soll ich machen? Ich mag mich.

ZEIT: Also gucken Sie immer wieder gerne hin?

Schmidt: Ich kann mich dem nicht entziehen. Schon als Kind habe ich in den Spiegel geschaut. Meine Oma sagte immer: Pass auf, der kommt einmal raus und holt dich!

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