Schauspiel "Besser als Hitler"
Der Schauspieler Josef Bierbichler über die Wut des Fußballstars Zinédine Zidane, das Glück auf der Bühne und die Peinlichkeit, sich in Hitler einfühlen zu wollen.
DIE ZEIT: Herr Bierbichler, Ihre Figuren haben oft ein wütendes Gesicht – wie Menschen, die in eine Falle oder eine Verschwörung geraten sind. Man spürt die Wut der Eingekreisten.
Josef Bierbichler: Das empfinde ich gar nicht so. Aber jetzt, wo Sie es sagen, könnte was Wahres dran sein. Es könnte sein, dass ich selbst mit meiner Tätigkeit in eine Falle geraten bin und nicht herauskomme. Vielleicht sieht man mir das an.
ZEIT: Sie meinen Ihre Arbeit als Schauspieler?
Bierbichler: Ja. Das war eigentlich eine Falle. Sie hat sich angeboten, weil man mir Talent attestiert hatte. Es war dann relativ einfach, in diesem Wasser zu schwimmen. Aber im Lauf der Jahre habe ich festgestellt, dass ich kein sehr leidenschaftlicher Theatermensch bin. Viele in diesem Beruf sehen ihre Arbeit ja beinahe religiös; das spielt bei mir überhaupt keine Rolle. Ich bewege mich von dem Beruf weg. Und wenn Sie jetzt sagen, mein Gesicht komme Ihnen vor wie das eines Menschen, der in die Falle gegangen ist, dann könnte das für meine Situation gültig sein.
ZEIT: : In dem Film Winterreise spielen Sie einen Unternehmer namens Brenninger, der auch in der Falle und am Ende ist – beruflich, finanziell, sexuell. Er fühlt sich von »Arschlöchern« umgeben und hat immer wieder Momente, da er fast Amok läuft. Ist der nicht voll mit Zorn?
Bierbichler: Er fährt aus der Haut, weil es ihm eng wird. Alles bedrängt ihn. Dazu kommt die Krankheit, die er hat, die manische Depression. In der manischen Phase walzt er alles nieder, aber selbst das ist eher gut als schlecht gelaunt. Aber er spürt das Krankheitsgefühl. Und von dem wird er getrieben.
ZEIT: : Brenninger macht Geschäfte mit Afrikanern, die ihn reinlegen. Er reist nach Afrika, um sich sein Geld zurückzuholen. Dort benimmt er sich wie ein Riese, der unter Kinder gefallen ist, er spricht von »Negern« und begreift nichts. Sie selbst, Herr Bierbichler, haben sich in der Antiapartheidsbewegung engagiert. Nun spielen Sie diesen groben Deutschen, der von Gleichberechtigung wenig weiß.
Bierbichler: Brenninger ist kein Rassist; er hat aber diesen angelernten Rassismus vieler Weißer. Und in Afrika wird er plötzlich weich und offen. Aber der Kern Ihrer Frage ist ja: Darf man mit vollem Engagement Rassisten und Faschisten spielen? Kürzlich haben wir im Theater eine Diskussion gehabt, in der es darum ging, ob man als deutscher Schauspieler einen Nazi spielen darf, ob das legitim ist, dass man damit Geld verdient. Ich hab mich an der Diskussion nicht beteiligt, aber ich hab mir gesagt: Natürlich darf man das. Wieso soll man es nicht dürfen. Die Frage ist, in welchem Zusammenhang macht man es. Wenn man es natürlich bei diesem Untergangsfilm von Eichinger macht, dann hab ich den Verdacht, die Beteiligten hätten auch bei den Nazis mitgemacht.
ZEIT: : Sie sagen, Der Untergang sei ein Film, bei dem man als seriöser Künstler nicht mitmachen darf?
Bierbichler: Diesen Film halte ich für eine absolute Schrottgeburt. Da konnten sie nur mitmachen, weil sie nicht in der Lage waren, zu reflektieren, wo sie da mitgemacht haben. Und da ist mein gedanklicher Kurzschluss, dass sie möglicherweise auch damals mitgemacht hätten, weil sie auch damals nicht in der Lage gewesen wären, zu reflektieren, was eigentlich los war.
ZEIT: Das ist ein starker Vorwurf. Was ist denn das Skandalöse am Untergang?
- Datum 21.01.2009 - 13:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.11.2006 Nr. 48
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