Jugendgewalt
»Manche sind paranoid hier«
Eskaliert die Gewalt in Berlin-Kreuzberg? Fragen an den türkischstämmigen Regisseur Neco Çelik, der früher selbst eine Jugendgang anführte
DIE ZEIT: Herr Çelik, in der vorigen Woche gab es erschreckende Nachrichten aus Berlin-Kreuzberg. Die Polizei kam mit knapp hundert mehrheitlich türkischstämmigen Männern in Konflikt, als sie zwei mutmaßliche Diebe verhaften wollte. Und in einer Schule nicht weit von Ihrem Jugendzentrum drangen acht Jugendliche in ein Klassenzimmer ein und stachen auf einen 16 Jahre alten Schüler ein. Eine neue Dimension der Gewalt?
Neco Çelik: Solche Vorfälle gab es schon öfter, aber jetzt werden sie durch die Medien oberflächlich präsentiert und breitgetreten.
ZEIT: Sie finden es sicher nicht normal, dass Minderjährige im Stil von Exekutionskommandos in öffentliche Gebäude marschieren?
Çelik: Die Qualität, wie die Jungs heute ihre Sachen durchziehen, ist schon anders als zu meiner Zeit.
ZEIT: Was bringt Jugendliche dazu, so brutal aufeinander loszugehen?
Çelik: Meistens sind es absolut niedere Gründe. Bei den Jugendlichen spielt Ehre eine große Rolle. Wer ist stärker, wer ist schwächer? Wer hat die größeren Eier? Da genügt manchmal schon ein Gerücht, dass einer über einen anderen etwas Schlechtes gesagt hat.
ZEIT: Zum Beispiel?
Çelik: »Ich ficke deine Mutter.« Das ist immer das Schlimmste. Allein wegen so einer angeblichen Beleidigung marschiert manchmal Gruppe A von dieser Schule zu Gruppe B in jener Schule und fragt: Wer hat das gesagt?
ZEIT: Das Opfer des Schulüberfalls ist inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen. Die Täter haben ihm ins Hinterteil gestochen. Was hat das zu bedeuten?
Çelik: Dass sie Hemmungen hatten, zum Glück. Sie wollten ihn aber offenbar so verletzen, dass der Junge sich beim Hinsetzen noch lange an sie erinnert.
ZEIT: Hat man noch Hemmungen, wenn man jemanden absichtlich verletzt?
Çelik: Selbstverständlich war das eine Straftat, und ich glaube, die Täter wissen das auch.
ZEIT: Es gibt Jugendliche hier im Zentrum, die sagen, jeder Kreuzberger kenne die Täter.
Çelik: Ich kenne sie nicht.
ZEIT: Und die Jugendlichen?
Çelik: Teils wird es Prahlerei sein, teils mag es stimmen.
ZEIT: Warum weiß es die Polizei dann noch nicht?
Çelik: So etwas gilt hier leider als Verrat. Und auch wenn die Jugendlichen selbst es nicht so sehen, wissen sie doch, dass sie Ärger bekommen könnten mit denen, die sich verraten fühlen.
ZEIT: Und wenn Sie erfahren, dass einer Ihrer Schützlinge etwas angestellt hat?
Çelik: Dann sage ich ihm, er soll sich stellen. Das ist sowieso das Beste, um den Kreislauf der Selbstjustiz zu durchbrechen. Außerdem: Die Polizei ist langsam, aber nicht dumm. Irgendwann erwischt sie jeden.
ZEIT: Sieht man auf dem Kiez die Polizei als Eindringling? Zwei Tage vor dem Überfall in der Schule sollten nicht weit von Ihrem Jugendzentrum, in der Wrangelstraße, zwei türkischstämmige Jungs wegen eines Diebstahls festgenommen werden. Aber an die hundert aufgebrachte Anwohner umstellten die Polizei. Der Mob ist los , schrieb danach eine Zeitung.
Çelik: Ach was! Die Polizei ist da angerückt, als müsste sie eine große Bande ausheben. Dabei ging es um zwei Zwölfjährige, die einem anderen Kind einen MP3-Player weggenommen hatten. Trotzdem haben die Beamten ihren Job so eifrig durchgezogen, dass sie den Kindern sogar Handschellen angelegt haben. Das hat den Leuten nicht gepasst. Und hier kennen sich nun einmal alle. Der ist von dem der Bruder, der ist von dem der Sohn, der ist der Enkel, der ist der Kumpel, Cousin. Alles spricht sich sehr schnell herum. Da sind bald viele Menschen zusammen.
ZEIT: Kann man nicht verstehen, dass manchmal auch ein Polizist überreagiert – aus Angst vor solchen Zuständen?
Çelik: Mag sein, dass der in einem solchen Fall denkt: Jeden Moment greift die Meute mich an. Aber ein Polizist hat eine professionelle Ausbildung. Sein Job ist, die Situation nicht eskalieren zu lassen.
ZEIT: Braucht Kreuzberg mehr türkischstämmige Polizisten?
Çelik: Es gibt einige Polizisten, die von hier stammen, mein Bruder zum Beispiel. Aber die arbeiten in anderen Bezirken. Wenn sie hier Dienst machten, kämen sie nur in Gewissenskonflikte.
ZEIT: Wenn die Autorität des Staates so wenig gilt, entwickelt sich Kreuzberg dann zur rechtsfreien Zone?
Çelik: Das ist übertrieben. Wie gesagt: Die Polizei erfährt alles, manches aber einige Tage später.
ZEIT: Immerhin gibt es bei Konflikten unter türkischstämmigen Kreuzbergern so genannte Friedensrichter, die Streitigkeiten ohne Staatsgewalt lösen.
Çelik: Es gibt Instanzen, die bei Streitigkeiten schlichten, ja. Aber nicht bei Sachen wie in der Schule, das ist Pipifax, das ist gar nichts. Anders ist es bei jahrelangen Familienfehden, sexuellen Delikten, bei Romeo-und-Julia-Geschichten, wenn zwei Parteien nicht wollen, dass ihre Kinder zusammenkommen. Vor einem Internet-Laden hier wurde mal ein Jugendlicher sehr schlimm verprügelt, fünf auf einen drauf. Aber es war ungerecht, sie hatten ihn einfach verwechselt. Daraufhin sind Jugendliche von hier zu der Truppe gegangen und haben sie dafür bestraft, mit Messern in dem Fall. Was ist passiert? Die großen Brüder sind aufgetaucht und haben gesagt, das ist nicht in Ordnung: Erst wurde ein Junge, der unschuldig war, von fünfen verprügelt, dann wurden die fünfe, die geprügelt hatten, abgestochen. Das war zweimal unberechtigt. Damit war die Sache bereinigt.
ZEIT: Wo tagen diese Friedensrichter?
Çelik: Hier läuft alles über Handy.
ZEIT: Wo lernt man solche Verhaltensregeln?
Çelik: Man schaut sie bei den Älteren ab. Manche dieser Regeln gelten in jeder Großstadt, viele auch unter anderen Ethnien – in Marzahn gibt es unter den Russlanddeutschen doch auch mehr Konflikte als mit den Deutschen. Manches stammt aber auch von meiner, der zweiten türkischen Generation. Wir guckten uns damals die amerikanischen Filme an, und aus den Dorfclan-Strukturen, die unsere Eltern aus Anatolien mitgebracht hatten, entstanden unsere Gangs, in meinem Fall die 36ers.
ZEIT: Wo verlaufen die für Deutsche unsichtbaren Grenzen in Kreuzberg?
Çelik: Nur in den Köpfen der Leute. Meine Eltern sind vor dem Mauerfall hier angesiedelt worden. Die deutschen Familien sind weggezogen, und in deren kaputten Häusern haben sich unsere ausgebreitet, haben andere nachgeholt. Dadurch sind in diesen Straßenzügen viele Familienstrukturen wieder entstanden.
ZEIT: Und damit manche Fehde?
Çelik: Dieses Wort schon, Familienfehde – als sei das ein Alltagssport. Das sind Ausnahmen.
ZEIT: Man wächst jedenfalls in ein Beziehungsgeflecht von Freundschaften und Feindschaften hinein, das man sich nicht aussuchen kann.
Çelik: Ja. Wenn ich in Kreuzberg aufwachse, bin ich gewissen Sachen ausgeliefert, mit denen ich mich arrangieren muss. Man wird mit allen Sachen des Lebens konfrontiert, mit Gewalt, Drogen, Politik, Kreativität. Der Vorteil ist, dass man all das kennen lernt. Der Nachteil ist, dass man alldem nicht entkommt.
ZEIT: Sie waren bis Anfang der Neunziger ein Anführer der 36ers. Was braucht man, um eine Bande hinter sich zu bringen?
Çelik: Das hat etwas mit Haltung zu tun, mit Intelligenz – und mit einem Talent zur Schauspielerei. 90 Prozent hier auf dem Kiez sind Schauspielerei, Effekthascherei, MTV.
ZEIT: Sie sind heute Regisseur und Sozialarbeiter. Was ist aus Ihren alten Freunden geworden?
Çelik: Viele haben eine kaufmännische Ausbildung gemacht. Oder Kfz-Mechanik. Andere sind arbeitslos, hängen immer noch rum. Einige sind gestorben.
ZEIT: Sind Sie, der Künstler, für die alten Kumpel ein Weichei?
Çelik: Sie sind stolz auf mich. Ich nehme sie auch mit auf meinem Weg. Als ich meinen ersten Film gemacht habe, hier in Kreuzberg, habe ich alle gesammelt und dafür gesorgt, dass sie die Straßen sperren, Security machen.
ZEIT: Verklären Sie da nicht das enge Beziehungsgeflecht, die erzwungene Solidarität auf dem Kiez?
Çelik: Es stimmt, viele machen die idiotischsten Dinge, um vor ihrer Gruppe gut dazustehen. Aber auf die Gruppe ist heute kein Verlass mehr. Wenn einer Mist baut, lässt man ihn sehr schnell fallen. Nur leider braucht man keine Gang, um ein Gangster zu sein. Im Gegenteil.
ZEIT: Was meinen Sie damit?
Çelik: Die Kreuzberger Türken werden immer deutscher. Sie kapseln sich voneinander ab.
ZEIT: Und diese Vereinzelung macht Menschen gefährlich?
Çelik: Ja. Nehmen wir nur das sprichwörtliche »Was guckst du?«, mit dem viele Schlägereien beginnen. Diesen Verfolgungswahn gibt es in ganz Berlin: Warum guckt der mich an? Was gafft der? Aber hier im Viertel wird daraus Paranoia, weil der Minderwertigkeitskomplex groß ist. Was sieht einer von hier, wenn er in die Bild schaut oder ins Fernsehen? Er sieht: Alle sind gegen mich. Viele fühlen sich von der Mehrheitsgesellschaft verachtet, erst als Türke, seit dem 11. September als Muslim. Da staut sich was Krasses an. Das macht manche von den Jungs so paranoid, dass sie nur noch denken: Ich will auf keinen Fall Opfer sein, die anderen sollen die Opfer sein. Und wenn es die eigenen Leute sind.
ZEIT: Was können die Eltern tun?
Çelik:
Die kriegen von alldem kaum etwas mit. Was auf der Straße passiert, bleibt auf der Straße. Und selbst wenn sie alles wüssten, wem sollten sie denn hinterherlaufen? Sie haben fünf Kinder, und drei von denen spinnen.
ZEIT:
Eine ganze Generation erschöpfter Eltern?
Çelik:
Keine ganze Generation. Aber zu erleben, dass der eigene Vater so schwach ist, dass er sich nicht ausdrücken kann, dass man ihn zum Arzt begleiten muss, dass er in Konfliktsituationen immer den Rückzieher macht, das verankert sich tief in den Köpfen. Man glaubt dann, dass Anpassung und Gehorsam nicht helfen.
Das Gespräch führten
Michael Allmaier
und
Henning Sußebach
Ein Kreuzberger
Neco Çelik, 1972 in Berlin geboren, gehörte in den neunziger Jahren zu den Anführern der Kreuzberger Gang »36ers«. Über die Graffiti-Kunst kam er zum Film. Milieustudien wie »36 qm Stoff« und »Urban Guerilla« trugen ihm das Lob ein, der »Spike Lee Deutschlands« zu sein. In letzter Zeit wandte er sich auch dem Theater zu. Nach dem Stück »Schwarze Jungfrauen« von Feridun Zaimoglu inszeniert er im nächsten Frühjahr »Romeo und Julia« am Berliner Theater Hebbel am Ufer. Çelik engagiert sich außerdem im Kreuzberger Jugend- und Kulturzentrum Naunynritze.
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- Datum 23.11.2006 - 08:26 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.11.2006 Nr. 48
- Kommentare 3
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Wenn man H. Celik so hoert, ist das ja alles ganz normal, ist eben so und ueberhaupt. Muss man mit leben. Ich hatte schon gedacht, dass die Zustaende irgendwie gefaehrlich sein koennten.
Mag ja sein dass die Zustaenden in Kreuzberg normal sind -normal im Kontrast zu was?
Manche 'Sozialarbeiter' sind das Problem, dem sie sich angeblich widmen.
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