Drei Jahrzehnte hat Jarvis Cocker gebraucht, um seinen Nachnamen abzulegen.So lange ist der Kopf der sich im Ruhemodus befindlichen Band Pulp als Chefexzentriker und graue Eminenz präsent, in den vergangenen Jahren nicht selten mehr hinter als vor den Kulissen.Er randalierte bei einer Bühnenshow von Michael Jackson, drehte einen Videoclip für den in Berlin ansässigen Norweger Erlend ye und schrieb Songs für Nancy Sinatra oder Charlotte Gainsbourg, die diese dankend entgegennahmen, denn Jarvi s Cocker ist nicht irgendwer.Man orientiert sich an ihm, der in einer Branche, in der alle cool sein wollen, zu den wenigen natürlich Coolen gehört. Jetzt also, mit 43, das erste Soloalbum, das er nonchalant Jarvis nennt.Beim ersten Hören erscheint einem das Werk so schlicht und lässig wie der Titel geraten, und doch spürt man die gewisse Jarvisness der Songs, weiß, dass Cocker gute Gründe für die Schlichtheit haben wird.Vielleicht müssen sich die Ohren erst an solche Musik gewöhnen: an entspannten, mal sanft von Folk, mal von Gitarrenrock durchwehten Pop, der sich ganz selbstverständlich nimmt, auf grelle Effekte verzichtet und dennoch ni cht lahm und gestrig wirkt.Ob die Big-Ben-Glockenschläge und der Frauenchor im Refrain von Black Magic oder die Blechbläser-Glückseligkeit von Dont Let Him Waste Your Time oder das sinfonisch-funkelnde, mehr geraunte als gesungene Disney Time: Ihre K raft beziehen diese Lieder daraus, dass da jemand genau weiß, was er will und kann. Jarvis Cocker wusste um seine Fähigkeiten schon, als er 1978 seine Band Pulp gründete.Obwohl Jarvis &amp - Co bereits als Schüler in den berühmten Sessions des Radio-DJs John Peel auftraten, ließ der große Erfolg bis zum Hit Common People Mitte der neunziger Jahre auf sich warten.Bald darauf, nach dem Album This Is Hardcore, mit seinem Slogan Irony is over begann schon wieder der Abstieg, doch blieb der Einfluss der Band enorm.Die frühen Pulp-Alben, It oder Freaks, könnte man heute problemlo s als Neuheiten präsentieren, und der Cocker auf Jarvis ist nah an diesen Wurzeln: Von My Lighthouse, das er in einem seiner ersten Songs besang, ist es nur ein kleiner Schritt ins jüngste Heavy Weather.Manche Textzeilen wirken wie Zitate aus einer aufregenderen Vergangenheit: So lets go take some drugs / Lets go have some sex, singt Cocker in Tonite.Nicht, dass man einem Mittvierziger kein wildes Leben zutraute, aber musikalisch spricht er eben eine ruhigere Sprache. Jarvis Cocker befindet sich auf dem Weg zum gesetzten Edelpop, den Musiker wie Warren Zevon, Van Morrison oder Donald Fagen vor ihm gingen.Er enwickelt sich zu einem vollkommen eigenständigen Singer-Songwriter, der mit der Pop-Gegenwart immer weniger zu tun hat, weil er jede künstlerische Entscheidung aus sich selbst heraus trifft. Jarvis kommt ohne modisch-trendigen Schnickschnack aus: Das Album hätte ebenso gut 1996 oder 2016 erscheinen können.Womit sich die Frage stellt: Handelt es sich bei Musik, die nicht am Jetzt interessiert ist, noch um Pop?Zur Klassifizierung seines Schaffens sollte man dem Hinweis folgen, den Cocker auf seinem Pulp-Meisterwerk This Is Hardcore gegeben hat: This is our music from a bachelors den / The sound of loneliness turned up to 10.Jarvis, das ist ein ebensolcher Soundtrack aus der Jung gesellenhöhle: Aus Einsamkeit wird Individualismus und dieser auf volle Lautstärke gedreht. Jarvis Cocker: Jarvis (Rough Trade)