Afghanistan Von Feigheit keine Spur

Die Bundeswehr sollte im Norden Afghanistans bleiben – und mit einer kleinen Eingreiftruppe im umkämpften Süden helfen.

Deutsche Kampftruppen in den Süden Afghanistans? Die Bundesregierung und die Opposition sagen dazu einhellig nein. Zwei Drittel der Bundesbürger teilen diese Ansicht. Druck der Verbündeten sollte die deutsche Politik nicht von ihrer Zurückhaltung abbringen – auch nicht der infame Vorwurf der Feigheit oder die zynische Aufforderung, die Deutschen müssten eben wieder töten lernen.

Wer heute zusätzliche Soldaten in das Land am Hindukusch schickt, der muss damit rechnen, dass er in einem Jahr in Afghanistan vor der gleichen Frage steht, mit der sich der amerikanische Präsident George W. Bush im Irak herumschlägt: Wie kann er sich aus dem hoffnungslosen Unterfangen halbwegs mit Anstand wieder herausstehlen?

Henry Kissinger, ursprünglich ein Befürworter des Irak-Krieges, hat jüngst zu Protokoll gegeben, dass er an die Möglichkeit eines militärischen Sieges im Zweistromland nicht mehr glaubt: »Nicht wenn man unter Sieg versteht, dass eine irakische Regierung etabliert werden kann, deren Wort im ganzen Land befolgt wird, die den Bürgerkrieg unter Kontrolle bringt und der sektiererischen Gewalt ein Ende setzt – und dies alles in einem Zeitraum, in dem die politische Unterstützung des Vorhabens in unserer Demokratie gesichert bleibt.«

Es steht zu befürchten, dass Kissingers Analyse auch auf das ethnisch zersplitterte, religiös polarisierte und politisch schwächelnde Afghanistan zutrifft. Fünf Jahre nach ihrer Niederringung haben die Taliban dort eine erstaunliche Wiederkehr vollzogen. Inzwischen beherrschen ihre schlagkräftigen Partisaneneinheiten große Teile der paschtunischen Südprovinzen und verwickeln die dort postierten Isaf-Truppen in schwere, verlustreiche Gefechte. Die Regierung in Kabul verbarrikadiert sich hinter hohen Mauern; ihr Einfluss reicht über die Grenzen der Hauptstadt nicht weit hinaus. Die Kriegsherren, die Bosse der Drogenmafia, die Stammesführer spielen ihr eigenes Spiel. Selbst im Norden, dem Verantwortungsbereich der Bundeswehr, wächst trotz der respektablen Aufbauleistung deutscher Soldaten die Gefährdung. Das afghanische Volk aber verfällt zusehends in eine Haltung des zweifelnden Abwartens. Im Süden, wo die Amerikaner seit Juni rund 2000 kollateralschadensträchtige Bombenangriffe flogen, schlägt der Zweifel mehr und mehr in offene Ablehnung um.

Die massiven Attacken gegen die Taliban produzieren zwar hohe Leichenberge, doch mit prahlerischem body count haben schon in Vietnam die »Herzen und Köpfe« nicht gewonnen werden können. Zumal der Wiederaufbau jahrelang sträflich vernachlässigt worden ist: Zwei Drittel des Landes haben keinen elektrischen Strom, die Arbeitslosigkeit beläuft sich auf 40 Prozent. Die zugesagte Finanzhilfe für den Wiederaufbau kommt nur schleppend, und sie liegt mit 10,5 Milliarden Dollar für die nächsten fünf Jahre weit unter dem, was eigentlich Not täte. Mit nur einem Zehntel der Ausgaben, die für den Militäreinsatz aufgewendet werden, lässt sich in Afghanistan kein Staat machen.

Hieran vor allem krankt die neuerdings in Berlin hochgejubelte Idee der »vernetzten Sicherheit«: Die entwicklungspolitischen Leistungen bleiben hinter dem militärischen Engagement zurück. Ehe diese Unwucht im Konzept »Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung, Friedensstabilisierung« nicht beseitigt ist, wäre jede Erhöhung des militärischen Einsatzes für die Katz. Wenn sie aber nicht beseitigt werden kann, so wäre das Scheitern der Militärs zwangsläufig. Einige hundert oder auch tausend Mann mehr werden das Blatt in Afghanistan nicht wenden – siehe Irak, wo fünfmal stärkere Streitkräfte sich auch keinen Siegeslorbeer an die Fahnen heften können.

Ein Lackmustest für die Handlungsfähigkeit der Nato ist Afghanistan mitnichten. Scheitern könnte dort allenfalls der Traum von der Atlantischen Allianz als Weltbeglückungs-Agentur – und die vermessene Einbildung, eine jede unter bestimmten Umständen nötig werdende Intervention müsse und könne in die Schaffung eines liberal peace münden – in einem starken, demokratischen, von der Aufklärung geprägten Staatswesen. Hier kann man die Zielscheibe nur niedriger hängen. Es wird mehr Feuerwehraktionen geben als langfristige, auf Friedenskonsolidierung gerichtete Engagements.

Der Vorwurf der Feigheit aber? Die Bundeswehr steht im Norden Afghanistans, weil es die Alliierten so vereinbart haben, nicht weil sie sich um das Gefahrengebiet zu drücken versucht hätte. Das Bundestagsmandat sieht ausdrücklich vor, dass in Notfällen Einheiten aus dem Norden in den Süden abkommandiert werden können, um den Bundesgenossen aus zeitweiliger Bedrängnis zu helfen.

Der Vorwurf der Feigheit ließe sich indes leichter dementieren, wenn dafür in Masar-i-Scharif eine Eingreiftruppe von 150 oder 250 Mann bereitgehalten würde. Dafür kämen die beiden Luftlandebrigaden infrage, die zusammen mit dem KSK die Division »Spezielle Operationen« bilden. Sie zeichnet sich durch schnelle Verlegbarkeit und operative Flexibilität aus. Mit solch einer Entsatz-Einheit ließe sich beweisen, dass die Soldaten der Bundeswehr ihre Kameraden nicht im Stich lassen – dass die deutsche Politik sie jedoch auch nicht zum Kämpfen oder Sterben auf aussichtslose Langfristeinsätze in ein letztlich wohl unregierbares Land schickt.

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Leser-Kommentare
  1. die sie hier anführen

  2. Mr. Zeigefinger Al Sawahiri hatte leider verdammtes Glück.

  3. maximal 1.3 Milliarden Muslime.

    • ARON1
    • 24.11.2006 um 10:18 Uhr

    Wir alle tragen Schuld, selbst ich der von Anfang an gegen jede Militäraktion im Ausland war und IST !!! Wir wählen Volksvertreter die keinen Skrupel haben, Junge Menschen in den Kriege zu schicken. Unsere Bundeswehr ist ausschließlich geschaffen um unsere Souveränität und die Freiheit hier in Deutschland (Europa) zu sichern. Leider haben gerade auch die Medien (auch die ZEIT) nicht einen Aufschrei der Empörung losgetreten um diesen Irrsinnigen Weg der nun seit einigen Jahren eingeschlagen wurde zu verhindern. Möge - wer auch immer - den Kriegsbefürwortern für ihre Katastrophalen Entscheidung verzeihen.

    Gruß ARON

  4. Genau das ist das Problem. Weil er Soldat und kein Feigling ist wollte er seinen Kameraden zur Seite stehen.

    Wenn politisch entschieden wird das deutsche Soldaten im Süden eingesetzt werden können, werden sie auch eingesetzt und der Logik des Krieges folgend werden es dann immer mehr werden.

    Es ist besser, dass der Kommandeur glüht als das er erschaudert beim Abfassen der Briefe an die Mütter der Gefallenen!

  5. sondern falsch!

    Kommen sie aus dem Osten, ich habe den Spruch hier nämlich noch nie gehört?

  6. Erst werden 150, dann 200, dann 2000 und dann eine ganze Armee gebraucht!

    Da fällt mir der alte lustige Spruch ein: 'Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!' Ich bin sicher den Russen fällt zu Afganistan sehr viel ein. Man sollte auf sie hören und dort ganz schnell den Abflug machen.

  7. war und ist Al-Kaida zu vertreiben und die Talibanbewegung zu bekämpfen - nehmen sie das mal zur Kenntnis!

    D-Land leistet dazu leider keinerlei Beitrag.

    Und natürlich ist es feige, aus Angst der Krieg sei schon verloren nicht mehr Truppen zu schicken.

    Der Bundesregierung und D-Land allgemein mangelt es einfach an Entschlossenheit den Kampf gegen den Terrorismus zu führen. Diese Feigheit hat D-Land aber schon in den 70ern nur noch mehr Tote gebracht.

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