Manchmal, ganz selten, gibt es in der Kinogeschichte stille Schläge, die vom Ende einer Ära künden. Der Tod von Robert Altman ist ein solcher Schlag, weil mit ihm einer der letzten leidenschaftlichen Gesellschaftskritiker des amerikanischen Kinos geht. Zur vergangenen Berlinale hat er sein Kino noch einmal mitgebracht: Altmans Film A Prairie Home Companion ist ein melancholisches Werk über die Abschiedsvorstellung einer Radioshow. Es erzählt von einem Amerika der Country-Songs und alten Provinztheater, der Stand-up-Witze und jahrzehntelangen Freundschaften, von einer kleinen Künstlergemeinschaft, der es nicht ums Geld, sondern um die nächste – mit Vorliebe dreckige – Pointe geht. Und davon, wie diese Gemeinschaft von den materialistischen Zeitläuften verschluckt wird. Es ist eine vielstimmige Elegie, ein musikalisches Ensemblewerk und der vielleicht zarteste Film des großen Sarkastikers Altman. Dass es sein letzter sein könnte, musste jeder ahnen, der ihn im Berlinale-Palast sehr wacklig und sehr glücklich die Standing Ovations entgegennehmen sah. Robert Altman BILD

Nie waren Amerikaner auf der Leinwand einsamer

Immer wieder hat Altman auf der Leinwand von Gemeinschaften und Schicksalszusammenhängen erzählt, im Grunde handeln sein ganzes Werk und vor allem seine Ensemblefilme von Situationen, Zufällen und Orten, die den Einzelnen auf Gedeih und Verderb in ein wie auch immer geartetes amerikanisches Ganzes zwingen. Sei es der Vietnamkrieg, der eine Gruppe von Ärzten zu durchgeknallten Splatter-Operateuren werden lässt ( Mash , 1970), ein Familienfest mit katastrophalem Ausgang ( Eine Hochzeit , 1978), die Wahlshow eines Präsidentschaftskandidaten in der Country-Metropole ( Nashville , 1975) oder das Geflecht der Stadt Los Angeles, die ihre weiße Mittel- und Unterschicht in eine beklemmende Schicksalskette zwingt ( Short Cuts , 1993).

Dabei ergeben Altmans überragende handwerkliche Virtuosität und der Inhalt seiner Filme ein seltsames Paradox: Seine mit den Jahren immer fließender werdenden Kamerabewegungen, sich überlappende Tonspuren, die ganze elaborierte Vielstimmigkeit seines Kinos verband all das, was sich letztlich nicht verbinden ließ. Mit Fug und Recht kann man sagen: Nie waren Amerikaner auf der Leinwand einsamer als in Altman-Filmen. Man denke an Jack Lemmons leeres Gesicht, wenn er in Short Cuts vor der Krankenhaustür seines Enkels steht, den er wohl nie und schon gar nicht lebendig zu Gesicht bekommen wird. An Tim Robbins, den Mörder, der in Altmans bösartiger Hollywood-Satire The Player völlig vereinsamt und wie verknotet in seiner Schuld durch die Sündenstadt Hollywood läuft. Oder auch an die starren Züge von Geraldine Chaplin, die in Eine Hochzeit als Zeremonienmeisterin verzweifelt versucht, eine Festgesellschaft mit ihren Etiketten zusammenzuhalten. Gerade ist im oberen Stockwerk die Großmutter gestorben, doch der Tod wird vertuscht, um das Fest nicht zu stören.

Über all den Lügen und Selbstbetrügereien, den Egoismen und Gewaltakten schwebt Robert Altman, der Dirigent und Choreograf. Er gilt als der große Unsentimentale des amerikanischen Kinos, man hat ihm Kälte und einen Anthropologenblick vorgeworfen. Doch als Handwerker war er Utopist.

Insofern waren Meryl Streep und Lily Tomlin, die beiden Hauptdarstellerinnen von A Prairie Home Companion, ganz vom Altman-Geist beseelt, als sie ihm im März den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk überreichten. In einer virtuosen Performance quasselten sie über- und durcheinander, ließen ihre Sätze überlappen, fielen einander ins Wort und demonstrierten so die Technik, mit der Robert Altman ein halbes Jahrhundert lang das Leben auf die Leinwand holte. Es war eine wunderbare Liebeserklärung, vor der versammelten Branche und damit vor jenem Auditorium, das Altman den Oscar für den besten Film trotz fünf Nominierungen stets verweigert hatte.

Sein Verhältnis zu Hollywood hat sich durch die Missachtung nicht gebessert. Quer durch die Jahrzehnte schimpfte er über debile Großproduktionen, uferlose Budgets und die Macht des Marketings. Es war seine Abrechnung mit der Gier einer Branche, die er selbst in den siebziger Jahren, zur Zeit von New Hollywood, in einem einzigartigen Moment künstlerischer Energie und Freiheit betreten hatte. In den vergangenen Jahren schien sich Altmans in Interviews stets schwungvoll vorgetragener Hollywood-Hass noch zu verschärfen. Auch seine Amerika-Kritik wurde beißender und polemischer (»Wenn ich seit 9/11 die amerikanische Flagge sehe, dann muss ich kotzen«).