Nachruf Die unterschätzte Macht der Ökonomen

Milton Friedman war der prominenteste Kämpfer für den freien Markt. Wer kommt nach ihm?

Ökonomen übten ungeheuren Einfluss aus, meinte John Maynard Keynes, »ihre Ideen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger als üblicherweise angenommen«. Da schrieben die Denker in irgendwelchen Hinterzimmern etwas auf – später setzten sich diese Ideen in den Köpfen der Praktiker fest und bewegten die Welt.

Hierin liegt eine große Einsicht, und doch ist es nur die halbe Wahrheit. Die Ökonomen, die erst das Denken ihrer Zunft und dann die Welt bewegten, waren nämlich keine grauen Theoriemäuse. Sie verfügten über ein festes Weltbild und konnten politisch denken, sie vermochten ihre Ideen gnadenlos zu vereinfachen und für jedermann eingängig zu formulieren, sie waren charismatisch und humorvoll, und wenn sich eine ihrer Thesen als unhaltbar erwies, dann bestanden sie nicht darauf – anders als viele ihrer Anhänger, die noch nach Jahrzehnten nicht ein Jota von ihrem Glaubenssystem abrücken wollen. Keynes selbst war solch ein prägender Ökonom. Genau wie Milton Friedman, sein einflussreichster Gegner im 20. Jahrhundert. Er starb vergangene Woche im Alter von 94 Jahren.

In den großen Fragen – die Rolle des Staates, die Einstellung zum Markt, das Gewicht der Freiheit des Einzelnen – funktioniert die ökonomische Debatte wie ein Pendel. Jahrelang schwingt sie in eine Richtung, während andere Ökonomen längst Ideen in die Welt setzen, die später zur Gegenbewegung führen werden. Der Brite John Maynard Keynes kam während der großen Depression zwischen den Weltkriegen zu seiner Einsicht, die sich in den sechziger Jahren schließlich vollends durchsetzte: Der Staat muss die Konjunktur durch seine Ausgaben lenken, um die Gefahr von Stillstand und Schlimmerem gar nicht erst aufkommen zu lassen. »Wir sind alle Keynesianer«, sagte US-Präsident Richard Nixon im Jahr 1971. Von da an ging es bergab mit dem Keynesianismus.

Milton Friedman hatte die Alternative parat. Auch seine Ideen brauchten mehrere Jahrzehnte und eine globale Ölkrise, bevor sie das Pendel in die andere Richtung schwingen ließen. Dann aber mit Wucht. Und bis heute. Friedmans Wirken fand auf zwei Ebenen statt: in der Wirtschaftsforschung und in der öffentlichen Debatte um Weltanschauungen.

Niemand bestreitet, auch seine vielen Gegner nicht, dass das Einwandererkind aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn ein begnadeter Ökonom war. Er stieß schnell zum Kern der wichtigen Debatten vor und vermochte ihnen mit klaren, simplen Argumenten eine neue Richtung zu geben. Keynes sei ein großer Ökonom gewesen, fand Friedman zeit seines Lebens, aber der Brite habe sich geirrt. Zum Beispiel in der Überzeugung, dass der Staat durch die Höhe seiner Ausgaben die Konjunktur lenken könne. Öffentliche Ausgaben würden die privaten Investitionen verdrängen und nicht antreiben, behauptete Friedman. Wenn überhaupt, könne man mit Geldpolitik, also mit niedrigen Zinsen, die Konjunktur ankurbeln. Aber auch das nur kurzfristig. Also sollten sich die Zentralbanken wie der Staat aus der Wirtschaft heraushalten und lediglich dafür sorgen, dass die Geldmenge gleichbleibend wachse.

Die Bürger lassen sich nicht austricksen

Präziser hätte man den Keynesianismus nicht treffen können als mit Friedmans zweiteiligem Argument. Der erste Teil sagte: Vergesst das Instrument der höheren Staatsausgaben – sie verpuffen. In Wirklichkeit zählt nur die Geldpolitik. In einem Mammutwerk über die monetäre Geschichte der USA sammelte er gemeinsam mit einer Kollegin Indizien für diese These und legte die Grundlage für den Monetarismus, der von Chicago aus für einige Zeit die Welt eroberte.

Der zweite Teil sagte: Auch aktive Geldpolitik führt nach einiger Zeit ins Verderben, lasst also die Finger davon! In einer viel beachteten Rede hob Friedman die so genannte Philips-Kurve aus den Angeln, die darstellte, dass die Arbeitslosigkeit sinkt, wenn man die Inflation erhöht. Denkt einmal nach, rief der Meister aus Chicago der versammelten Kollegenschaft zu, die Bürger sind doch nicht blöd. Einmal können die Geldpolitiker sie tatsächlich mit einer höheren Inflation überraschen und sie dazu verführen, ihre Arbeit zu billig anzubieten. Doch im nächsten Jahr werden die Bürger den Trick mit der höheren Inflation schon kennen. Um dann noch einen Überraschungseffekt zu erzielen, müssen die Geldpolitiker eins drauflegen und die Inflation weiter steigern. Und immer weiter – bis sie so hoch ist, dass sie die Wirtschaft kaputtmacht.

Schon in den fünfziger Jahren attackierte Friedman auch die herrschenden Annahmen über das Verhalten der Konsumenten. Die Menschen achteten keineswegs nur darauf, wie viel Einkommen sie im nächsten Jahr erwarten dürften; sie behielten auch ihr Lebenseinkommen im Blick. Diese Hypothese traf die Gegner schmerzlich: Selbst wenn es gelänge, kurzfristig die Konjunktur anzukurbeln, würden die Verbraucher darauf nicht reagieren. Keynes’ These vom immerfort drohenden Konsumentenstreik, dem der Staat entgegenwirken müsse, stimmte demnach nicht. Es waren diese frühen Arbeiten, für die Friedman 1976 seinen Nobelpreis bekam.

Friedman, der Ökonom, setzte sich durch, obwohl der Monetarismus in seiner reinen Form scheiterte. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass die Zentralbanken die Geldmenge kaum bestimmen und noch weniger steuern können. Schon deshalb dürfen sie die Realwirtschaft nicht ignorieren – und tun das heute auch nicht mehr. Doch das Bewusstsein für die Gefahren der Inflation ist innerhalb der EU ebenso gewachsen wie global.

Friedmans Schüler scheiterten mit dem Versuch, eine Theorie rund um den rationalen Menschen zu bauen, der die Inflation vorausahnt und stets sein Einkommen für den Rest seines Lebens im Kopf hat. Aber auch das schmälerte die Wirkung des Mannes aus Chicago nicht. Er selbst wusste wohl immer, dass Theorien keine dauerhaften Weisheiten sind, sondern Argumente in der großen Debatte, die ständig verbessert und mitunter widerlegt werden. Junge Ökonomen haben viele Differenzen zwischen Keynesianern und Monetaristen mittlerweile überbrückt und von beiden wichtige Einsichten übernommen.

Sozialer Wohnungsbau? Staatliche Rente? Mindestlohn? Alles abschaffen!

Erfolgreicher noch als Friedman, der Ökonom, war Friedman, der Ideologe. »Wäre die freie Marktwirtschaft nicht das effizienteste System, ich wollte sie trotzdem – wegen der Werte, die sie repräsentiert: Wahlfreiheit, Herausforderung, Risiko«, lautete das Credo des radikalliberalen Mannes. Ob staatlicher Führerschein, Ärztezulassung, Drogenverbot oder Abtreibungsverbot – Friedman wollte sie alle abschaffen. Und den Sozialstaat hielt er für ein teures Monster, das nur den Bürokraten, Politikern und kleinen Interessengruppen nütze. Sozialer Wohnungsbau? Absurd. Staatliche Rente? Der Wahnsinn. Mindestlohn? Bloß nicht. Als Ersatz für den alles regelnden Sozialstaat brachte Milton Friedman die Idee einer negativen Einkommensteuer auf, die jedermann ein Grundeinkommen verschafft. Viele Ökonomen sind heute noch Anhänger dieser Idee, denn, so das Argument, der Einzelne wisse selbst am besten, was gut für ihn sei.

In glänzend geschriebenen Bestsellern stellte Friedman die individuelle Freiheit auf ein riesiges Podest. Zwar waren viele seiner Forderungen – anders als seine wissenschaftlichen Arbeiten – fernab der Realität. Aber mit seinem Idealbild einer libertären Gesellschaft gab er in den USA und in Großbritannien die Richtung vor. Friedman bereitete den Weg für Ronald Reagan ins Weiße Haus und für Margaret Thatcher in die Downing Street 10. Freilich beriet er nicht bloß den demokratisch gewählten US-Präsidenten Reagan, sondern auch, und das war vielleicht sein größter Irrtum, den chilenischen Diktator Augusto Pinochet, dessen Regierung Friedmans Chicago boys eine Spielwiese bot.

Mitte der achtziger Jahre hatte sich die Welt in seine Richtung gewendet. Er war so populär wie nie zuvor. In einem Tagungshotel in San Francisco konnte man den kleinen, lebhaften Mann mit dem Tigerlächeln damals vor seinen Anhängern sprechen hören. Erst beschrieb er seine libertäre Weltanschauung, um dann mit einem Zugeständnis zu kokettieren. »Mein Sohn hier ist noch jung«, so der 75-Jährige, »er will eine Staatsquote von null. Ich bin nicht so radikal, zehn Prozent sind eine schöne, runde Zahl.«

Tatsächlich stieg die Quote nach dem Zweiten Weltkrieg selbst in den vergleichsweise liberalen USA von 20 auf 40 Prozent und verharrt dort. Doch der Staat greift heute weit weniger ein als früher. Friedman bereitete den Weg für das, was von Gegnern als Neoliberalismus bezeichnet wird: den Glauben an Privatisierung und Liberalisierung, an freie Märkte und grenzenloses Wirtschaften. Paul Samuelson, der Begründer der modernen Lehrbuchökonomie, ein alter Freund und oft ein Gegner Friedmans, rühmte den Verstorbenen nun mit folgenden, wohl gewählten Worten: »Niemand sonst konnte im 20. Jahrhundert soviel ideologischen Einfluss auf die Ökonomie ausüben – sie bewegen vom Glauben an den Wohltäter-Staat aus Zeiten der großen Depression hin zur Begeisterung und Hochachtung für den freien Markt. Wir Ökonomen haben einen der ganz Großen verloren.« Samuelson selbst wehrte die Ideologisierung seines Fachs ab, wo er konnte.

Mancher war überrascht von dem Friedman der letzten Jahre. Anders als seine Frau und Koautorin Rose war er gegen den Irak-Krieg, den er als Aggression der USA gegen eine fremde Macht betrachtete. Auch die wachsende Ungleichheit in den USA und die Verarmung am unteren Rand gefielen ihm nicht. Schon deshalb, weil sie über kurz oder lang den Freunden des Sozialstaats neue Nahrung geben würden. Schuld seien schlechte Schulen, fand Friedman. Schon früh hatte er vorgeschlagen, den Familien Gutscheine in die Hand zu geben, die sie für private Schulen ihrer Wahl verwenden sollten.

Wie Keynes verstand Friedman die Natur der ökonomischen Debatte: Wenn der Kapitalismus es in eine Richtung übertreibt, kommt die Gegenbewegung umso schneller. »Wir sind alle Neoliberale«, hätte George W. Bush, Senker der Steuern für die Reichen, vor kurzem noch sagen können. Nun verlieren die Neoliberalen langsam ihre führende Stellung. Zu groß sind die Ungleichheiten, die der internationale Wettbewerb erzeugt, zu sichtbar sind die ambivalenten Ergebnisse so mancher Privatisierung. In Großbritannien ist der Staat nach der Thatcher-Ära längst wieder gewachsen und hat neuen Einfluss erlangt. In den USA werden die Forderungen nach sozialen Korrekturen lauter. Und in Deutschland, wo die herrschenden Argumente immer besonders laut hergebetet werden und die Wirtschaftspolitik im Gegensatz dazu eher zögerlich agiert, wendet sich die Rhetorik ebenfalls.

Da stellt sich die Frage nach der nächsten Bewegung. In Ansätzen ist sie erkennbar: Der Staat soll für sein Geld vom Einzelnen (Fördern und Fordern) und von Institutionen wie den Schulen (Leistungsvergleich) mehr verlangen. Er soll aber auch die Reichen zum Teilen bewegen. Er soll sich nicht von ganzen Industrien wie der Energiewirtschaft auf der Nase herumtanzen lassen. Das einzelne Land und die Weltgemeinschaft sollen Mittel finden, um die Verlierer der Globalisierung zu schützen.

Aber welche Person folgt auf Keynes und Friedman, die großen Polarisierer? Die führenden Globalisierungskritiker wie Joseph Stiglitz und Jeffrey Sachs sind es nicht. Ihr Ausschnitt ist zu klein, ihre früheren theoretischen Arbeiten und ihre heutigen Kommentare ergeben kein großes Ganzes.

Die einflussreichsten Ökonomen der Vergangenheit konnten vieles von ihrem festen Menschenbild ableiten. Heute revidieren junge Forscher dieses ökonomische Menschenbild einmal mehr. Vielleicht liegt da ein Ansatz zur Revolution. Vielleicht auch hat die Bewegung diesmal gar kein einzelnes Gesicht. Aber wahrscheinlich ist das nicht. Wahrscheinlich ist, dass irgendwo in einem Hinterzimmer ein begabter, charismatischer Denker die Ideen aufgeschrieben hat, deren sich Politiker und Forscher bedienen werden – und mit denen sie die Welt verändern.

 
Leser-Kommentare
    • hkeske
    • 22.01.2007 um 9:56 Uhr

    Friedman mag ein begnadeter Ideologe gewesen sein - aber das kann uns ja nicht fröhlich stimmen. Ideologie, die mit der Täuschung daher kommt, sie sei Wissenschaft, hat doch wahrhaftig schon genug Unheil angerichtet.

    Wie bedauerlich, dass die Lernfähigkeit so ausserordentlich beschränkt ist. Wie viele Ökonomen laufen in Deutschland herum, die Friedmans Ideologie immer noch für Wissenschaft halten und aus ihr Notwendigkeiten für die politischen Entscheidungsträger herleiten wollen.

    Wenn Friedman selbst gewusst haben sollte, dass er nur Ideologie verbreitet und weit davon entfernt ist, etwas wie halbwegs gesicherte Erkenntnis zur Hand zu haben, dann hätte er es auch sagen sollen.

    Aber an Ethik fehlt es ihm gerade - selbst für die Unterstützung eines Massenmörders wie Pinochet war er sich nicht zu schade.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service