Nur ein Schein von Grün
Der Markt für Biokunststoffe wächst rasant. Doch die Ökobilanz ist durchwachsen. Die intensive Bewirtschaftung belastet die Äcker
Plastiktüten, die auf dem Feld wachsen, Einwickelfolie aus Mais und Zuckerrüben: Mit Ideen wie diesen wollen die Hersteller von Biokunststoffen das ökologische Gewissen der Verbraucher beruhigen.Supermärkte der Ketten Plus und Edeka lassen bereits einen Teil ihres Gemüsesortiments in grünem Plastik der niederländischen Firma Eosta verpacken.Rewe bietet Ökotomaten und -birnen in Biokunststoff-Folien an, ebenfalls von Eosta.Außen öko, innen öko das Konzept scheint anzukommen. Wir rechnen mit jährlichen Zuwachsraten zwischen 30 und 40 Prozent, sagt Harald Kälb, Vorstandssprecher von European Bioplastics, einem Verband der europäischen Kunststoff-, Lebensmittel- und Verpackungsindustrie. Auch Namen, die man nicht sofort mit grünen Ideen verbindet, sind bei European Bioplastics vertreten: BASF, Nestlé und Tetra Pak.Sie suchen nach Alternativen zum immer teureren Erdöl.Immerhin fünf Prozent des in Deutschland verbrauchten Öls fließen derzeit in die Kunststoffindustrie.Hauptbestandteil des Bioplastiks sind nachwachsende Rohstoffe, überwiegend Stärke aus Mais, Kartoffeln oder Zuckerrüben.Die Ernte aus einem Hektar Ackerland ergibt zwei bis drei Tonnen Kunststoff. Ganz ölfrei ist allerdings auch die grüne Variante nicht. Wir sprechen von Biokunststoffen, wenn der Anteil von nachwachsenden Rohstoffen bei der Herstellung mindestens 50 Prozent beträgt, erklärt Kälb. Unser Ziel ist es, den Erdölanteil zu verringern.Beim Biokunststoff Polymilchsäure etwa beträgt er nur 0,1 Prozent, bei anderen jedoch bewegt er sich im zweistelligen Bereich. Zurzeit produziert die europäische Branche 50000 Tonnen Bioplastik pro Jahr 0,1 Prozent des Kunststoff-Gesamtaufkommens von 40 Millionen Tonnen. 45 Prozent des Biostoffs gehen in Verpackungen, der Rest in Autoteile und Baustoffe sowie ein geringer Anteil in Trinkbecher, Bauklötze und andere Kleinteile. Bekanntestes Verkaufsargument für die Bioverpackungen ist, dass sie vollständig kompostierbar sind.Das allerdings ist leichter gesagt als getan.Auf schlichten Komposthaufen sind die Temperaturen dafür zu niedrig, deshalb sind spezielle Kompostierungsanlagen nötig und damit eine lange Entsorgungskette, beginnend in der Biotonne beim Verbraucher.Der Entsorgungsdienstleister Interseroh verhandelt derzeit mit Kommunen und Verbänden über den Aufbau eines bundesweiten Samme lsystems für kompostierbare Verpackungen.Ein Gütesiegel für solche Verpackungen gibt es auch schon: den Keimling. Ein brauner Aufdruck mit dem Schriftzug kompostierbar zeigt an, dass eine Verpackung der EU-Norm EN 13432 entspricht.Das bedeutet, dass sie theoretisch vollständig zu Qualitätskompost zerfallen kann.Es bleiben keine Schwermetalle oder anderen Schadstoffe zurück.Das Siegel garantiert jedoch nur, dass der Stoff kompostierbar ist, nicht aber, dass er ökologisch unbedenklich hergestellt wird.Auch einige Kunststoffe auf Erdölbasis können vollständig kompostierbar sein und somit das Zeiche n tragen.Die Zertifizierungsorganisation Din Certco und der Verband European Bioplastics wollen den Keimling als Gütezeichen für Verpackungen etablieren.Bei einigen Einzelhändlern ist er bereits im Gemüseregal zu finden. Die große ökologische Stärke der Biokunststoffe gegenüber ihren konventionellen Verwandten ist ihre neutrale Kohlendioxidbilanz.Die Pflanzen, die den Rohstoff bilden, binden Kohlendioxid durch Fotosynthese.Beim Verfall der Plastikfolien wird nicht mehr als diese Menge Treibhausgas wieder freigesetzt.So entsteht ein Kreislauf ohne zusätzliche Emissionen.Selbst wenn man den Schadstoffausstoß der landwirtschaftlichen Maschinen beim Anbau einrechnet, ist die Bilanz besser als bei herkömmlichen K unststoffen.Nach einer Studie des Energieexperten Martin Patel von der Universität Utrecht aus dem Jahr 2003 liegt die Kohlendioxid- und Energieeinsparung bei 20 Prozent. Dennoch zögert die Politik noch, das Plastik vom Feld zu fördern. Wir stehen der Sache skeptisch gegenüber, sagt Wolfgang Beyer vom Umweltbundesamt. Es liegen keine Ökobilanzen vor, die internationalen Standards genügen und belegen, dass diese Stoffe umweltfreundlicher sind.Denn die Entsorgung der Biokunststoffe führt in eine Sackgasse. Zwar fällt als Endprodukt ausschließlich Kompost an.Aber für den gebe es keine Verwendung, meint Beyer.Beim Recycling von herkömmlichem Plastik dagegen werden 36 Prozent der Verpackungen wieder zu neuem Kunststoff.Der Rest wird als Brennstoff oder zur Herstellung von Methanol wiederverwertet. Ökologisch fragwürdig ist bereits der Anbau der Plastik-Pflanzen. Damit er sich rechnet, müssen große Flächen intensiv bewirtschaftet werden.Die Düngung belastet Wasser und Boden.Manche Biokunststoffe werden gar aus gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellt, wobei das Endprodukt keine Reste von Gentechnik enthält. Kein Wunder, dass große Umweltorganisationen wie BUND, Nabu und Greenpeace sich zurückhaltend zum Thema Biokunststoff äußern.Die Produkte seien zu jung für eine präzise Einschätzung aus Sicht des Umweltschutzes.Der BUND fordert ein grundsätzliches Umdenken. Wir sollten unsere überzogene Verpackungskultur infrage stellen, mahnt Pressesprecher Rüdiger Rosenthal.Die ökologisch beste Verpackung ist immer noch keine Verpackung.
- Datum 23.11.2006 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 48/2006
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