Wer von Lima aus auf der Panamericana gen Süden fährt, nach Nasca oder gar bis Arequipa, der muss durch eine der merkwürdigsten Wüsten der Welt.Die Merkwürdigkeiten beginnen damit, dass diese Wüste keinen Namen hat.Als wolle das Land nicht wahrhaben, dass fast seine gesamte 2000 Kilometer lange Küste eine einzige Wüste ist. Merkwürdig wirkt auch ihre Unansehnlichkeit.Sie birgt keine Verlockungen, betört nicht durch Farbnuancen und Formenschatz, sie überwältigt niemanden durch ihre Erhabenheit.Nur unförmige Halden säumen die Fernstraße, Schutthaufen der Erdgeschichte, bleich und stumpf.Als wären, Staub zu Staub, hier die überzähligen Gebeine aus den Katakomben von Lima zermahlen und verstreut worden.Graubraun beherrscht die Szenerie. Und damit nicht genug: Das halbe Jahr über kennt dieser Landstrich keinen Himmel und keinen Horizont.Dann legt sich von der See her die Garúa, der winterliche Küstennebel, wie ein Leichentuch darüber, auch der Himmel wird zur Einöde. Dorthin also soll man reisen?Ich zögerte.Doch Freunde versicherten mir, dass mich ein gewisser Enzo schon bekehren würde.Ein italienischer Hotelier in Nasca, der in diese Gegend ganz vernarrt sei.Die einen schilderten ihn als Verrückten, die anderen als Genie. Und natürlich wollte ich die berühmten Linien von Nasca sehen.Sie stehen für die dritte große Merkwürdigkeit dieser Wüste: dass nämlich just hier zahlreiche altperuanische Kulturen existierten.Über Jahrtausende hinweg erblühten sie unter denkbar widrigen Bedingungen und verschwanden dann wieder auf genauso rätselhafte Art, wie sie entstanden waren. Also auf zum Busbahnhof von Lima, wo der doppelstöckige Überlandbus schon eine halbe Stunde vor Abfahrt mit laufendem Motor herumsteht. Meine erste Station ist Paracas, Perus einziges Naturreservat an der Küste, drei Fahrstunden von Lima entfernt: kahl wie der Mond und doch ein Traumziel für Tierfilmer.Wo sonst begegnen sich Pinguine und Flamingos, Krabben und Kondore? Die Sandstürme, die oft dort wüten, gaben dieser Halbinsel südlich von Pisco den Namen.Als Erstes fällt auf, dass kein Müll mehr entlang der Straße liegt.Nicht weil die Peruaner dieser Unsitte plötzlich abgeschworen hätten, sondern weil all das Blech und Plastik hier weggeräumt wird.Nur Haufen von Muschelschalen blinken im Sand Reste prähistorischer Festschmäuse etwa?Warum aber befinden sie sich mehrere Kilometer landeinwärts?Schon zu diesem Mini-Mysterium ist keine befriedigende Antwort zu beko mmen.So ergeht es einem hier allenthalben: Je bedeutender die Entdeckungen, desto größer werden nur die Rätsel, die sie aufgeben. Ausgerechnet diese Ödnis beherbergte eine der frühesten prähispanischen Zivilisationen.Das kümmerliche Museum am Eingang des Reservats entlässt einen noch neugieriger, als man gekommen ist.Das meiste, was man über die Menschen von Paracas weiß, stammt aus ihren Gräbern.Die ältesten sind rund 2700, die jüngsten 1900 Jahre alt.Es scheint, als hätte dieses Volk sich allen Luxus fürs Jenseits aufgespart.Es kleidete seine Mumien in prachtvolle Gewänder und umwickelte sie mit kostbaren Stoff en.Diese Farbigkeit und Bildkraft der Textilien hat keine spätere Kultur in Peru mehr erreicht. Die Küste erweist sich als Kampfzone der Elemente.Mächtige Sandsteinklippen trotzen dem Ansturm des Pazifiks.Auf der höchsten steht ein Felsenfischer barfuß am Abgrund.Er lässt die Angelschnur über seinem Kopf rotieren, bevor er sie in weitem Bogen in die Tiefe wirft.Ob in der strudelnden Brandung ein Fisch anbeißt, kann er nicht sehen.Aber er spürt es über die 40, 50 Meter lange Leine hinweg.Zug um Zug hievt er den Fang empor, bis schließlich ein tellergroßer Fisch auf die Klippe klatscht.So verdienen er und ein paar Kollegen hier draußen ihren Lebensunterhalt. Die See war seit Menschengedenken der Garten dieser Einöde.Als die Inka den Küstenstrich unterwerfen wollten, beschied ihnen ein örtlicher Häuptling zornig: Unser Gott ist das Meer, und er ist größer und besser als eure Sonne.Denn er gibt uns Nahrung, die Sonne aber versengt unsere Erde.Vom maritimen Reichtum künden neben der Armada der Fischkutter in Pisco die riesigen Vogelschwärme auf den Klippen, in den Lüften, auf den Wogen.Unermüdlich schreien sie gegen Wind und Brandung an: räuberische Kormorane, keifende Möwen, pöbelnde Pelikane, die einander die Beute aus dem Kehlsack schnappen. Zu den ungewöhnlichsten Gästen gehören Flamingos, die man sonst eher in tropischen Lagunen vermutet.Doch diese hier pendeln zwischen dem Wüstenstrand und 5000 Meter hoch gelegenen Bergseen, die nachts zufrieren mitsamt den Flamingos darin.Die Morgensonne befreit sie dann wieder.Noch mehr verblüffen die Pinguine am Fuß der Klippen. Pinguine in der Wüste!Der Humboldt-Strom hat sie hergeführt.Diese Strömung aus antarktischen Gefilden, deren Namensgeber übrigens einräumte, sie sei von Chile bis Paita schon im 16.Jahrhundert jedem Schiffsjungen bekannt gewesen, ist für die Küstenwüste verantwortlich.Statt Regen zu spenden, saugt das kalte Meer noch das letzte bisschen Feuchtigkeit vom Kontinent weg.Nur der Nebel bleibt zurück, dem Land so hilfreich wie ein Erfrischungstuch einem Verdurstenden.Erst oben in den And en fällt etwas pazifischer Regen. Sporadisch geht er als Sturzbach zu Tal, nährt ein halbwegs verlässliches Flüsschen, entlang dessen Ufern Ackerbau möglich ist.In solchen Fluss-Oasen entstanden die frühen Hochkulturen, die allesamt ausgeklügelte Bewässerungstechniken entwickelten. Zwischen Pisco und Nasca jedoch gibt es absolut kein Wasser.Sodass die Panamericana, der alten Inkastraße folgend, einen weiten Bogen ins Landesinnere schlägt, um nach Ica zu kommen.Denn dort, nach einer Stunde Fahrt mit dem Überlandbus, liegt eine echte Oase: Huacachina. Ein Wüstenidyll, umgeben von Palmen und hohen blonden Dünen.Als der König von Marokko unlängst auf Staatsbesuch hier weilte, führte man ihm diese Kuriosität vor.Seine Majestät spendierte 40 Kamele, damit die wohl einzige Oase beider Amerikas noch authentischer anmute. Nach zwei weiteren Stunden rollt der Bus in Nasca ein.Ein staubiges Transitstädtchen mit Autowerkstätten, Imbissbuden und Absteigen, deren erhabene Namen über ihre banale Wirklichkeit hinweghelfen sollen.Aber an Orten wie diesem stellt schon das Banale etwas Besonderes dar, weil überhaupt etwas ist und nicht nichts.Dennoch unterhält dieses Nest einen der betriebsamsten Flugplätze des Landes.Oft kreist ein halbes Dutzend kleiner Maschinen wie ein Mobile über der Ebene.Sie halten Ausschau nach den Spuren der Nasca-Kultur. Nichts wissen wir, nada!Mit diesem unerwarteten Befund empfängt mich besagter Enzo Destro in seinem Hotel Hacienda Cantayo.Die Gäste löchern ihn derart über die berühmten Erdzeichen, dass er lieber selbst in die Offensive geht.Die in den Boden eingravierten Figuren sind zwischen 1400 und 2100 Jahre alt und bis vor kurzem vermochten allein die Kondore sie zu sehen.Denn sie sind nur aus der Luft erkennbar. Was immer Sie darüber lesen: Niemand versteht sie.Aber sie sind da! Mit Panamahut, Künstlerbart und wehenden Hemdschößen rauscht Enzo durchs Foyer.Vorbei an tibetischer Kunst, abstrakten Skulpturen und Antiquitäten vom Gauchosattel bis zur Camera obscura.Hinaus in den weitläufigen Park, der neben einem extragroßen Schwimmbecken und Biofeldern auch einen kleinen Zoo mit Lamas, Pferden und Greifvögeln beherbergt.Pfauen durchschreiten den Kakteengarten, Papageien machen in den Mangobäumen Rabatz.Enzo und seine Frau Lucia haben sich ihr eigenes Eden geschaffen. Nasca ist auch kulturell eine Wüste.Wir wollten etwas dagegensetzen.Dabei hatten sie keine Erfahrungen in der Hotellerie. 20 Jahre lang war Enzo Bademeister in einem Schwimmstadion.Als Langstreckler bestritt er zahlreiche Wettkämpfe: Der Rhein!Die Mosel!Alles durchschwommen.Lucia löwengelber Wuschelkopf und rosarote Brille setzte als Heilpraktikerin ebenfalls aufs nasse Element, vom Wasser-Shiatsu bis zur Wassergeburt. Für den nächsten Morgen haben sie einen Rundflug arrangiert.Per Hubschrauber. Eine fliegende Glaskugel.Die ist teurer, aber viel beweglicher als ein Flugzeug.Vom hauseigenen Landeplatz aus sausen wir über die Ebene, hinein in die Vorberge und bis hinüber ins Palpa-Tal, wo sich weniger bekannte Figuren finden.Insgesamt verteilen sie sich über 350 Quadratkilometer.Mega-Graffiti sind es, akkurat ausgescharrt, sodass unter der rötlichen Deckschicht, dem Wüstenlack, der hellere Untergrund zum Vorschein kommt. Unter uns eine Tarantel vom Durchmesser eines Stadions.Ein Kolibri von der Größe eines Kampfjets.Ein Wal.Ein Affe.Gezeichnet in fortlaufenden Linien und meist perfekt symmetrisch.Dem heutigen Blick erscheinen sie als wirkungsvolle Land-Art, als magisches Leitsystem. Aber wofür?Seit diese Zeichen in den dreißiger Jahren entdeckt wurden, seit die deutschstämmige Mathematikerin Maria Reiche sich ihrem Studium verschrieb, hat es an Erklärungsversuchen nicht gefehlt. Ein gigantischer Kalender oder Zodiakus?Logos für die Götter oder, wie Erich von Däniken glaubt, Huldigung an Außerirdische? Wallfahrtswege oder archaische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme? Nichts illustriert so sehr die Unerbittlichkeit der Wüste wie diese Scharrbilder.Hier hat es seit 2000 Jahren nicht anständig geregnet. Ein Hamburger Sommer, und sie wären dahin, ausgelöscht wie Kreidestriche von einem Schwamm.Wieder zurück, wirkt die Hacienda erst recht wie eine Oase: alles hell, harmonisch, ästhetisch, mit Kunst statt mit Folklore bestückt.Und beseelt durch Gastgeber von einer reizend paradoxen Gemütsverfassung, die so wohl nur Italiener zustande bringen: beschwingte Melancholie. Die Wüste kann wunderschön sein, meint Lucia träumerisch.Mit gurgelndem Motor wartet der Geländewagen vor dem Eingang.Stundenlang kreuzen wir durch reine Leere.Lunochod I an Erde: Steine, Staub und Sand.Vereinzelt Stachelgräser und Kriechgewächse.Dann wieder Sand. Kein Wunder, sage ich, dass die Außerirdischen sich hier zu Hause fühlen. Das stimmt, entgegnet Lucia gleichmütig. Die Leute sehen hier allerhand. Was denn? Na, so Sachen eben. Was denn für Sachen? Lichter zum Beispiel.Große, starke Lichter.Eigentlich überall. Das Meer wogt, die Brandung detoniert.Girlandenartig reihen sich die Buchten aneinander, eine zerklüfteter als die andere.Fast jede beherbergt eine Seelöwenkolonie.Darüber kreisen ganze Zentrifugen aus Vögeln, die Felsen sind mit Guano überzogen wie mit Zuckerguss.Wo unsereins zu Fuß zaudern würde, fegt Enzo mit dem Geländewagen drüber. Wäre es nicht schon spät, würde er den Picknicktisch aufbauen, das Urmeer zur Linken, die Wüste zur Rechten.Ein Stück landeinwärts glitzern die Dünen wie die Auslagen eines Juweliers.Lucia steckt eine Hand voll Quarzsand ein. Er ist voller Energie, glaubt sie.Danach halten wir in einer welligen Formation, die die ganze Farbenpalette der Wüste zeigt: Himbeer und Maracuja, Silber und Sepia, Elfenbein und Umbra. Dieses Bild wird sich dir einprägen, raunt Lucia.Wahrhaftig! Man ist ja nicht alle Tage auf einem fremden Planeten zu Gast. InformationAnreise: Flüge nach Lima mit Iberia oder KLM.Mit dem Flugzeug nach Ica und Nasca.Per Bus drei Stunden bis Pisco/Paracas, bis Nasca sechsUnterkunft: Hotel Paracas: ehrwürdiges Haus aus den vierziger Jahren in Pisco/Paracas.DZ ab 85 Euro.Tel. 0051-1/4459376, www.hotelparacas.comHotel Cantayo, Nasca.DZ ab 125 Euro.Tel. 0051-34/522264, www.hotelcantayo.comRundflüge Nasca: Mit dem Flugzeug 47, mit dem Hubschrauber 117 EuroVeranstalter: Tucán Travel bietet individuelle Touren, etwa nach Nasca mit Hotel und Rundflug.Tel. 0041-1/2111616, www.tucan.ch.Peru-Reisen auch bei Studiosus und Hauser Exkursionen