Zeitschrift Rennen und Hinken

Die neue Zeitschrift »polar« will das politische Denken beleben. Nur wie?

Als »Hilfeschrei« könne man diese Zeitschrift verstehen. Eine »Anstiftung zum Uncoolsein« wolle sie liefern. Lange Zeit habe Politik als tot gegolten, es fehle eine lebhafte Auseinandersetzung über »gesellschaftliche Entwürfe und Entwicklungen« sowie »Orte politischer Auseinandersetzung« für Politik und Kultur, Theorie und Praxis. Polar will darauf reagieren und dieser Ort sein. So begründen die Initiatoren ihr Wagnis, eine neue Zeitschrift ins Leben zu rufen.

Dort, wo man sie am dringendsten braucht, als avantgardistische Spähtruppe mit wachsam-kritischem Blick, erscheint die Zeitschriftenlandschaft merkwürdig ausgedünnt oder gar ins Kulturkriegerische gewendet und intellektuell eng geführt wie der Merkur . »Politisierung« lautet das Generalthema dieses ersten Heftes des neuen Halbjahresmagazins für politische Philosophie und Kultur, »Ökonomisierung« soll folgen. »Macht euch lächerlich!«, schlägt der Philosoph Christoph Menke vor, versucht Politik und »Politisierung« auseinander zu halten und plädiert für eine »untaktische« Politisierung, um die Möglichkeit von Politik erst wieder herzustellen.

Nicht schlecht, bloß wie, bitte? Richtig, etwas hat sich entkoppelt. Politik hinkt den Verhältnissen hinterher. Zudem braucht sie viel Zeit, während sich das Tempo extrem beschleunigt. Die »demokratische Gestaltungsmacht der Institutionen kann und muss zurückerobert werden«, schreiben Peter Siller (der Chefredakteur) und Arnd Pollmann. Den Parlamentarismus gelte es zu »beleben«, die Demokratie solle gegen die »Wucht ökonomischer Entgrenzung verteidigt« werden, die »mediale Inszenierung« und Zersplitterung verlangten nach einer anderen Art Öffentlichkeit, zugleich aber heiße »Politisierung«, die mehr als Selbstzweck sein will, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung ernst zu nehmen und »für gleiche reale Verwirklichungschancen zu streiten«. Das ist untaktisch, vermutlich auch uncool, aber, puh!, es ist eine ziemliche Menge!

Ich fürchte, man kann das Verschwinden des Institutionellen (Kohls Notizbuch, Schröders »Basta!«) nicht nur dadurch beheben, dass man das Politische neu definiert und die Ärmel hochkrempelt. Und den verschwundenen Diskurs interessieren Hilferufe nicht weiter. Der Soziologe Hartmut Rosa hat kürzlich in seiner Untersuchung über Beschleunigung vermutet, das gesamte »Projekt der Moderne« stehe wohl zur Disposition, wenn gestaltende Politik wirklich unmöglich werde und rasender Stillstand eintrete. Wenn diese düstere Annahme zutrifft, wäre etwas passiert, was sich weder mit Hilferufen noch vernünftigen Einsichten beheben ließe.

Was, wenn die Institutionen selbst blockieren? Was, wenn nicht nur das »Inszenatorische«, die »Weltflucht eingelullter Fernsehzuschauer« und der Wandel des »professionellen Selbstverständnisses in Teilen des politischen Journalismus« die Medien verändern? Wenn ein radikaler Strukturwandel stattfand und die politische Öffentlichkeit in eine Marketingwelt eingebettet ist, führt in diese klassische Welt kein einfacher Weg zurück. Die Pointe ist ja: Das läuft nicht nur falsch, wie es läuft, es spiegelt sich auch eine Erfolgsgeschichte darin wider, nämlich der Siegeszug liberaler Demokratien mit ihrem vielfältigen Stimmengewirr. Der Markt ist nicht per se illiberal, definiert aber die Rahmenbedingungen. Deshalb dampft auch polar die Texte schematisch auf eine maximale Länge ein, dann fällt das Fallbeil – die Weihnachtsgänse in der Truhe wiegen alle exakt 4,6 Kilo.

Auch die Spielereien mit der Grafik, die Fotos (mal liebevoll, mal lieblos), der Rückgriff auf das »Narrative«, das hängt doch wohl ebenfalls mit solchen Rücksichten, mit Kompromissen und Taktik zusammen. Was sollte man schon gegen das Erzählen haben? Die Crux ist nur – Spaß macht es nur, wenn es exzellent ist. Beispiel: The New Yorker. Dort übrigens im Zweifel auch mit sehr langen Texten. Für das Thema »Politisierung« gilt übrigens Ähnliches: Statt allzu vieler Metabeiträge über Politik erhoffte man sich politische Einmischungen, die der praktischen Politik zurückspiegeln, wie man Komplexes reduziert und »repolitisiert« ohne Hintergedanken. Es hilft nicht, das »Politische« radikal neu zu denken, verändert hat sich radikal die Realität. Und damit die Frage, was Politik noch vermag. Avantgarde sind nicht die Meinungsmacher, Avantgarde ist diese Wirklichkeit, Postglobalisierung, Postwachstum und wohlfahrt, Postirak, Postklima oder -energiesicherheit. Ihr hinkt man schreibend hinterher.

Anregend bleiben die Suchbewegungen auf der Metaebene dennoch allemal, die Gespräche mit Jacques Rancière über demokratische Anarchie innerhalb der Institutionen (obwohl – wo ist dann der Hebel für Politik?) oder Martti Koskenniemi über die künftige Rolle des Völkerrechts oder die kleine Prosa von Kathrin Röggla. »Politisierung«, argumentiert der Philosoph Rainer Forst, »heißt somit nichts anderes, als den konventionellen Raum politischer Gründe (und entsprechender Institutionen) aufzubrechen und Dinge auf neue Weise zu thematisieren – und zwar nicht allein in Vertretung von, sondern unter Beteiligung der Betroffenen.« Das Phänomen der Macht, behauptet er kühn, sei in erster Linie im »›intelligiblen‹ Raum zu verorten«, Macht könne diesen Raum aufbrechen oder versiegeln. Bloß, wie beteiligen sich die Betroffenen? Und wenn sie sich beteiligen, können sie in der alles schluckenden Marketingwelt wirklich etwas »aufbrechen«? Kaum hat man begonnen, sich auf die Argumente für eine »reflexive Form der Politik« einzulassen, endet der »intelligible Raum« für den Text.

Zum Glück führt der Blick häufig übers Nationale hinaus. Es tauchen Namen auf, denen man viel mehr Resonanz wünschte. Man vermisst aber auch Namen, die einfach zu einem programmatischen Auftakt gehören, wenn man der Meinung ist, das »Projekt der Moderne« sei unter anderen Bedingungen dringend neu zu formulieren. Weniger formale und appellative, mehr inhaltliche »Radikalität« in dem Sinne wäre dem Sternchen zu wünschen, wenn es ein Stern werden will.

 
Leser-Kommentare
    • hagego
    • 28.11.2006 um 14:37 Uhr

    Es ist nicht einfach, im (immer) Mehr der deutschen Zeitschriftenlandschaft eine polar-Expedition auf die Reise zu schicken. Selbst die stolze Transatlantik-Flotte unter dem Admiral Enzensberger versank eines schlechten Tages im Bermuda-Dreieck. Das mit großen Vorschlusslorbeeren bedachte Magazin Tango tanzte in Realgeschwindigkeit nicht mal einen Sommer.
    Nein, nein - es ist wohl doch leichter, ein Kind in diese Welt zu setzen, als eine Zeitschrift so zu etablieren, dass sie gelesen wird und wirtschaftlichen Erfolg verspricht.

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  • Quelle DIE ZEIT, 23.11.2006 Nr. 48
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