Vor 52 Jahren debütierte Nana Mouskouri mit 20 als Jazzsängerin im Athener Rundfunk. In Deutschland wurde sie 1962 mit dem Schlager »Weiße Rosen aus Athen« bekannt, später folgten Aufnahmen mit Quincy Jones und Harry Belafonte. Bis heute hat sie 250 Millionen Platten verkauft – etwa so viele wie die Rolling Stones. 

Die meiste Zeit meiner Kindheit habe ich mit Musik und Filmen verbracht. Mein Vater arbeitete als Vorführer in einem Open-Air-Kino. Das Kino war eine Leinwand mit einer kleinen Bühne in einem Garten in Athen. Hinter der Leinwand stand ein kleines Haus mit zwei Zimmern und einer Küche. Darin lebten wir. Manchmal saß ich den ganzen Tag vor der Bühne und träumte davon, dort oben zu stehen und zu singen.

Es waren schwere Zeiten, in denen ich aufwuchs; der Zweite Weltkrieg, dann der Bürgerkrieg in Griechenland. Meine Mutter sang sehr viel und hat es immer bedauert, nicht Opernsängerin geworden zu sein. Aber sie ermunterte meine Schwester und mich, zu singen. Mit vier oder fünf Jahren entdeckte ich meine Stimme. Ich hatte nicht das Gefühl, es handele sich um etwas Besonderes. Für mich war es das Natürlichste auf der Welt.

Wenn ich vor der Bühne saß und träumte, waren in meiner kindlichen Vorstellung die Stühle leer. In dieser Einsamkeit konnte ich mich konzentrieren und träumen. Das brauche ich bis heute. Einsamkeit bedeutet auch: zu wissen, wer du bist und was du willst. Wenn du dich selbst verstehst, kannst du auch andere Menschen besser verstehen. Aber als junges Mädchen fühlte ich mich oft allein. Ich hatte viele Freunde, aber eben nur Freunde, niemanden, in den ich verliebt war. Ich fand mich selbst nicht schön. Irgendwann wollte ich nur noch Stimme sein und kein Körper mehr.

Ich hatte immer ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, Liebe und Sicherheit. Auf der Bühne verschwand meine Angst. Ich hatte das Gefühl, alle Leute im Publikum verstehen mich. Sie schienen das Gleiche zu suchen wie ich. So hat meine Stimme mich ins Leben hinausgeführt. Sie gab mir die Sicherheit, eine Frau zu werden wie andere auch und eine gute Mutter für meine Kinder. Die Liebe kommt nicht vorbei und sagt: Hallo, hier bin ich. Du musst suchen. Ich habe Liebe und Frieden gesucht und zunächst gar nicht bemerkt, dass ich selbst es war, die Liebe gab.

Meine Stimme ist ein Geschenk, aber sie war nicht von Anfang an perfekt. Meine Stimmbänder sind verschieden dick. Das dickere braucht einen stärkeren Luftstrom und mehr Kraft, um einen guten Ton zu produzieren. Am Konservatorium wunderte ich mich, dass ich immer wieder eine blockierte Stimme hatte. Eines Tages war ich vollkommen tonlos. Der Arzt verordnete mir drei Monate Schweigen. Kein Sprechen, kein Singen, gar nichts. Das Problem blieb. Also musste ich lernen, wie ich meine beiden verschiedenen Stimmbänder gleichzeitig zum Schwingen bringe. Ich habe lange an meiner Atemtechnik gearbeitet. Ich lernte, so zu atmen, dass meine Zuhörer es gar nicht bemerken. Das ist wie eine Zen-Übung. Es hilft mir auch, klarer zu denken.

Die Stimme ist ein lebendes Instrument. Es hat seine Launen, aber es beherrscht dich nicht. Du musst es kontrollieren und respektieren. Aber die Stimme muss auch dich respektieren. Die Stimme zu respektieren bedeutet, auf eine bestimmte Art zu leben, um sie zu beschützen. Das verlangt Disziplin. Wenn du weißt, dass du singen musst, lernst du, deine Muskeln zu kontrollieren. Du musst lernen, deine Stimme bei Laune zu halten. Das bedeutet auch: nicht unglücklich oder zornig zu sein. Du musst sie lieben. Du musst mit Liebe in dir leben. Das ist das Wichtigste. Dann musst du gut schlafen können und ein diszipliniertes Leben führen. Ich glaube, Disziplin ist im Leben gutfür vieles. Ich bin verantwortlich für meine Stimme. Und sie ist verantwortlich für mich.

Singen war für mich nicht einfach nur singen. Mir ging es immer darum, verschiedene Kulturen zu erreichen. Wenn ich daran denke, wie ich in Hongkong oder Taiwan Am Brunnen vor dem Tore oder eine Serenade von Schubert gesungen habe – das ist noch heute ein großartiges Gefühl.

Ich spreche Spanisch, Griechisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Deutsch und ein wenig Portugiesisch. Wenn ich auf Gälisch singe, auf Japanisch oder Maori – dann beherrsche ich diese Sprachen nicht. In China finde ich es eine schöne Geste, das Publikum mit ein paar Worten auf Chinesisch zu begrüßen und vielleicht ein Lied in seiner Sprache zu singen. In Korea hatte ich großen Erfolg mit einem griechischen Lied auf Koreanisch. Letztes Jahr habe ich meinen Geburtstag in Südkorea gefeiert. Da haben sechseinhalbtausend Leute für mich Happy Birthday gesungen.

Es spielt keine Rolle, ob man eine Brille trägt oder ein dickes Mädchen ist. Und wenn du keine Lust hast, deine Hüften zu schwingen, dann tust du es einfach nicht. Es geht allein darum, was du in deinem Herzen trägst. Ich habe es auf meine Art geschafft.

Ich weiß nicht, in welcher Sprache ich nachts träume. Ich glaube, Träume haben ihre eigene Sprache. Da ist eigentlich gar keine Sprache, sondern das bist einfach du selbst. Meine Träume sind Mischungen aus meinen Hoffnungen und Ängsten. Wenn ich zum Beispiel im Traum eine Treppe sehe, die abwärts führt, dann regt mich das so sehr auf, dass ich davon aufwache. Ich weigere mich, die Treppe abwärts zu gehen. Das widerstrebt meinem Optimismus.

Trotzdem geht nun die Zeit des Singens für mich zu Ende. Damit meine ich nicht, dass ich aufhöre zu existieren. Nur glaube ich, dass ich keine Überraschungen mehr zu bieten habe. Das Leben hat mich verwöhnt, und ich bin dankbar dafür. Es ist an der Zeit, zur Seite zu treten. Ich weiß, dass noch immer viele junge Menschen meine Musik hören, aber ich kann nicht ihre Zukunft sein. Sie sind meine Zukunft.

Ist es nicht wunderbar, wenn junge Leute etwas machen, was du noch nie zuvor gehört hast, und sie dich mit ihrem Enthusiasmus anstecken? Und ich hoffe, dass sie auch die Musik der Älteren hören. Viele alte Lieder sind es wert, gesungen zu werden, zum Beispiel die von Leonard Cohen, Bob Dylan und Harry Belafonte, die ich in den sechziger Jahren kennen lernte. Was sie sagten, war zu dieser Zeit eine Revolution. Für mich hatte das großen Einfluss.

Es geht nicht immer darum, ein Ziel zu erreichen. Ein Traum ist manchmal einfach der Weg dorthin. Ich habe versucht, der Musik zu dienen. Dadurch habe ich Liebe in mir selbst und viele Freunde gefunden. Ohne sie wäre ich ein trauriger Mensch und würde nicht so singen, wie ich es tue. Ich glaube, Musik hat einen schönen Menschen aus mir gemacht.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke