Die irdische Tiefe ist ein gemächlicher Produzent. 500000 Jahre lässt sich der Planet Zeit, bis er jene Menge an Energieträgern erzeugt hat, die wir in einem einzigen Jahr verbrennen. Dass wir die fossilen Produkte Kohle, Gas und Öl viel schneller verbrauchen, als die Erde sie produziert, hat einen Nebeneffekt in der Atmosphäre: Beim Verfeuern der kohlenstoffhaltigen Substanzen setzen wir in kürzester Zeit das CO2 frei, das die Natur in all den Jahrtausenden eingesammelt hat. Die Folge: Das viele Gas macht die Erde zum Treibhaus. Das Öl der Zukunft? Schön wär's! BILD

An der Oberfläche aber produziert die Natur viel schneller als tief in der Unterwelt. »Biomasse« ist der Sammelbegriff für alles Pflanzliche, das in Wäldern und auf Äckern und Wiesen gedeiht und bei dessen Produktion Kohlendioxid aus der Atmosphäre eingesammelt und eingelagert wird. Der entscheidende Unterschied zu den fossilen Brennstoffen: Verfeuern wir Biomasse, kann dabei nicht mehr CO2 entstehen, als die Pflanzen zuvor in ihrer Wachstumsphase aufgenommen haben.

Deshalb trägt Biomasse das Etikett »klimaneutral«. Der nachwachsende Rohstoff fasziniert gegenwärtig Politiker aller Parteien. Sie schwärmen von der »grünen Energie«. Die ehemalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast sah in Deutschlands Bauern gar die »Ölscheichs von morgen«. Biotonne, Biogas und Biodiesel sind zu Schlagwörtern eines in zehn Jahren entstandenen Industriezweigs geworden, der mit Pflanzenverwertung Milliarden umsetzt.

Die größte Begeisterung entfacht derzeit die Vorstellung, Biomasse-Extrakte könnten in Zukunft unseren Fahrzeugpark bewegen. Schon jetzt bepflanzen die Bauern doppelt so viel Fläche mit Raps für den Tank wie mit Roggen für den Teller. An 2000 Zapfsäulen können wir Biodiesel tanken. Auch dem normalen Sprit dürfen bis zu fünf Prozent Ethanol aus Zuckerrüben, Getreide und Zuckerrohr beigemischt werden, aber auch Rapsölmethylester, Palmöl oder andere Pflanzenprodukte.

Daneben wird der stinkende Inhalt von Millionen Biotonnen zu Kompost verarbeitet. Gülle, Schlempe und Pflanzenreste landen in über 2000 Biogasanlagen, die daraus vor allem Strom erzeugen. Manches »Biogasdorf« versorgt sich sogar komplett mit grüner Energie. Und 50000 Haushalte haben sich bereits eine Holzpellet-Heizung in den Keller gestellt.

20 Jahre lang mit Sperrmüll heizen – dafür gibt es Bares

Die Vielfalt ist faszinierend. Aber ist sie der richtige Weg zu einer ökologisch und ökonomisch sinnvollen Nutzung unserer Biomasse? Entstanden ist dieser Boom nämlich vor allem, weil Politiker ihn haben wollen. Er ist das Ergebnis eines kaum zu durchdringenden Dickichts an Gesetzen, Verordnungen, Subventionen, Beihilfen, Steuerermäßigungen, Forschungsmitteln und anderen Anreizen. Bauern können beim EU-Agrarministerium eine Prämie von 45 Euro pro Hektar beantragen – wenn sie Energiepflanzen anbauen wollen. Strom aus Biogasanlagen wird über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit 12 bis 17 Cent je Kilowattstunde vergütet. Biodiesel war bisher komplett von der Mineralölsteuer befreit; erst seit August wird er schrittweise immer höher besteuert, parallel dazu soll es aber eine Beimischungspflicht geben. Die EU will den Marktanteil der Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen so bis 2010 auf 5,75 Prozent, bis 2030 sogar auf 25 Prozent steigern. Wer seine Heizungsanlage auf Holzfeuerung umstellt, kann bei Bund oder Land einen Investitionszuschuss bekommen.