In den vergangenen Wochen hat die bundesrepublikanische Öffentlichkeit ein bizarres Schauspiel erlebt: Die von ihren internen Konflikten gebeutelte Große Koalition war sich in einem verblüffenden Punkt plötzlich einig, nämlich dass es hierzulande keine Unterschicht gebe. Der SPD-Parteivorsitzende Kurt Beck hatte diesen Begriff gebraucht und damit eine heftige Debatte ausgelöst. Sie lief im Kern darauf hinaus, die – eigentlich unbestreitbare – Existenz schlichtweg und wortreich zu leugnen. Nur eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu politischen Einstellungen und Wertemustern erlaubt unter dem Kunstbegriff des »Prekariats« einen Blick, der die Schichtungspyramide wenigstens streift. Hinterhof-Kindheiten sind kein neues Phänomen: Aufnahme aus Berlin-Wedding von 1968

Eine Vogel-Strauß-Taktik, die einem den Atem verschlägt: Denn nirgendwo auf der Welt hat es bisher, in welchem Kulturkreis auch immer, Gesellschaften ohne ausgeprägte Sozialhierarchie gegeben, zu der auch stets Oberklassen, Eliten und Unterschichten gehören. Warum nur darf in Deutschland nicht darüber geredet werden? Hofft man, dass Beschweigen unser Land davor bewahrt, ein System der sozialen Ungleichheit, eine in oben und unten gegliederte Stratifikationsordnung auszubilden?

Die zeitgeschichtlich interessierte Soziologie hat sich in drei vorzüglichen Handbüchern von Rainer Geißler, Bernhard Schäfers und Stefan Hradil (die alle in hoher Auflage, dazu als Taschenbücher erschienen sind) durchaus darum bemüht, ein möglichst exaktes Bild der westdeutschen, später der gesamtdeutschen Sozialstruktur zu präsentieren. Doch alle wissenschaftlichen Anstrengungen waren offenbar für die Katz – was die Aberhunderte von Volksvertretern im Bundestag angeht. Außer den Abgeordneten des Steinzeitmarxismus der Linkspartei hat keiner sachkundige Kritik an dieser entschlossenen Leugnung der Wirklichkeit angemeldet.

Ob wirklich Leute an die nivellierenden Wirkungen der »Sozialpartnerschaft« glauben? Hat die auffällige Konfliktarmut in den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften die Sinne derart eingelullt, dass die Empirie der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr wahrgenommen wird? Ist den Deutschen das Reden in Klassenbegriffen besonders zuwider? Aber wie soll eine realitätsangemessene Gesellschaftspolitik betrieben werden, wenn die strukturellen Unterschiede in der deutschen Gesellschaft ignoriert, verdrängt, rundheraus bestritten werden?

Die Bundesrepublik kennt kein militantes Klassenbewusstsein

Zu den Ergebnissen einer erfolgreich durchgesetzten Marktwirtschaft gehört nun einmal auch die Ausbildung einer Marktgesellschaft, in welcher die Organisationsprinzipien des Marktes weithin die sozialen Beziehungen regieren – das mag man beklagen, aber durch Verschweigen ändert man es nicht. Auf Arbeitsmärkten wird zum Beispiel die Leistungskapazität der Individuen zu Marktpreisen abgerufen (oder eben nicht honoriert). Dadurch entstehen große Sozialverbände mit einer gemeinsamen Mentalität: Max Weber hat sie treffend »marktbedingte Klassen« genannt. Das aggressiv aufgeladene Klassenbewusstsein von Proletariat und Bourgeoisie ist nur ein extremer, vergänglicher Sonderfall dieser Mentalität gewesen.

Die marktwirtschaftlich durchstrukturierte Bundesrepublik hat selbstverständlich, wenn auch in milderer Form, ebenfalls Marktklassen hervorgebracht, und wen der Markt ausspie, den hat sie mit Transferleistungen in die sozialstaatlichen Versorgungsklassen befördert. Allerdings hat die Bundesrepublik als Folge der Nivellierungstendenzen im »Dritten Reich« sowie in der Kriegs- und Nachkriegszeit kein militantes Klassenbewusstsein gefördert.