Am 11. Dezember 1981 wird ein Mann dem Volkspolizeikreisamt Neubrandenburg »zugeführt«. Er hat ein Transparent gebastelt, 100 mal 60 Zentimeter, mit der Aufschrift »Raus mit allen Atomraketen aus ganz Europa«. Das Wort »allen« ist rot unterstrichen. »An der weiteren Klärung des Sachverhaltes wird gearbeitet«, heißt es in einem Lagebericht der Staatssicherheit. Die »Klärung« erfolgt unter Einsatz gängiger »Methoden«, Schlafentzug ist eine davon. Nach drei Tagen weiß der »Zugeführte« nicht mehr, ist es Tag oder Nacht, wie lange bin ich schon hier? Güstrow im Griff. Tür für Tür wird die kleine Stadt in Mecklenburg hermetisch bewacht BILD

Für den »Zugriff« war es allerdings auch höchste Zeit gewesen. Denn just an jenem 11. Dezember begann der Besuch des Bundeskanzlers Helmut Schmidt in der DDR, da mussten pazifistische »Störer« rechtzeitig ausgeschaltet werden. An diesem Tag und am nächsten waren Gespräche mit dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker im Gästehaus der DDR-Regierung vorgesehen, dem Schloss Hubertusstock am Werbellinsee bei Berlin, am 13. dann noch ein gemeinsamer Besuch in dem mecklenburgischen Städtchen Güstrow. Diese Visite vor allem war es, die den monströsen Sicherheitsapparat der DDR, mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) an der Spitze, heiß laufen und zu »Maßnahmen« greifen ließ, wie sie in der Stasi-Geschichte ihresgleichen suchen.

Das Treffen zwischen Schmidt und Honecker war seit Herbst 1979 im Gespräch gewesen. Immer wieder hatte man es verschoben. Die Zeitläufte waren widrig. Der Streit um die SS-20- und Pershing-II-Raketen eskalierte. Im Dezember 1979 hatte Moskau Truppen nach Afghanistan geschickt, die Welt war schockiert. Ein halbes Jahr später begann der Kampf der Danziger Werftarbeiter, die Gewerkschaft Solidarność wurde gegründet – der Anfang vom Ende des Staatskommunismus in Europa.

Die instabile Lage im Nachbarland führte dazu, dass die SED-Führung die noch bei den ersten Besuchsplänen 1979/80 vorgesehene Visite Schmidts in Rostock ablehnte. Man befürchtete in Ost-Berlin offenbar, die Rostocker Werft- und Hafenarbeiter könnten sich ihre Danziger Kollegen zum Vorbild nehmen, sich gar mit ihnen solidarisieren. Dagegen stand allerdings schon das antipolnische Ressentiment, das in der DDR-Gesellschaft weit verbreitet war; zudem fehlte eine charismatische Figur vom Schlage Lech Wałęsas.

Aber Rostock kam noch aus einem anderen, ganz einfachen Grund für die SED-Führung und vor allem für das MfS nicht infrage: Eine Großstadt war weit schwerer zu kontrollieren als ein kleiner Ort – ein kleiner Ort wie das 38.000 Einwohner zählende Güstrow zum Beispiel, auf das die Wahl schließlich fiel. Das Städtchen, in dem der expressionistische, von den Nazis verfemte Bildhauer Ernst Barlach gelebt und gearbeitet hatte, entsprach auch dem Wunsch des Barlach-Kenners Helmut Schmidt.

»Der Bundeskanzler der BRD wird unter den Augen der internationalen Presse direkt Kontakt mit unserer Bevölkerung haben. Gerade westliche Massenmedien werden alle Möglichkeiten nutzen, zu provozieren und uns international zu diskreditieren«, gab das MfS im Dezember 1981 zu Protokoll. Dem musste man entgegenwirken. Es sollte eine selbstbewusste DDR inszeniert werden, weltoffen und freundlich, in der die Bevölkerung in Einklang mit der Staatsmacht lebte.

Vor allem aber musste ein »zweites Erfurt« verhindert werden. Die Bilder aus der thüringischen Stadt vom März 1970, als DDR-Bürger Bundeskanzler Willy Brandt begeistert empfangen und die Sicherheitskräfte alle Hände voll zu tun gehabt hatten, die Menschenmenge im Zaum zu halten, waren noch gut in Erinnerung, und die begeisterten Willy-Willy-Rufe klangen den Stasi-Führern immer noch schmerzhaft im Ohr. Derartiges sollte sich jetzt, zehn Jahre später, unter keinen Umständen wiederholen. Was tun? Es musste etwas geschehen mit der Bevölkerung, mit der »der Gast aus der BRD« in Kontakt kam.