Bitte, gebt uns kein Geld!

Ein Bürgermeister in Bayern will ein Dorf aufpolieren und spaltet damit seine Gemeinde von Dietmar Bruckner

BurghaslachKirchrimbach, inmitten des Naturparks Steigerwald gelegen, hat alles, was ein Dorf braucht: die auf einem Hügel über dem Ort thronende Mauritiuskirche, die bereits im 14.Jahrhundert gebaut wurde und die der weithin bekannte, wie man in Kirchrimbach gern sagt, Kirchenmaler Matthias Schiestl als Muster für sein Genrebild Kirchlein in Franken nahm - einen von den Anwohnern selbst gestalteten Kinderspielplatz, der direkt an der Friedhofsmauer gelegen ist und damit sehr schön dokumentiert, wie Anfa ng und Ende allen menschlichen Lebens zusammengehören - einen trüben Karpfenweiher am Ortsrand, die Haltestelle für den Schulbus mitten im Ort, vor allem aber viele enge, um Scheunen, Ställe und Wohnhäuser sich windende Sträßchen und Gässchen, durch die gerade noch ein Traktor hindurchpasst, aber schon kein Heuwagen mehr. Kurz, dies ist ein dörfliches Idyll wie aus einem Lehrbuch für Großstadtkinder, und alles könnte so schön sein und bleiben, würde den Kirchrimbachern nicht die Dorferneuerung drohen.Wie die genau aussehen würde, darüber gibts im Augenblick nur Gerüchte: Angeblich sollen lange Bürgersteige durch das Dorf gezogen werden, von einem Buswendeplatz im Ortskern ist die Rede, der Kinderspielplatz soll natürlich schöner und größer neben dem Weiher neu entstehen, damit unsere Kinder dann mögl ichst gleich hineinfallen, wie sich einige Kirchrimbacher aufregen.Eine neue Straßenbeleuchtung ist im Gespräch, geteerte Radwege am Bächlein entlang, Parkplätze am Ortsrand und was bei keiner Dorferneuerung fehlen darf: der obligate Dorfbrunn en, munter vor sich hinplätschernd und so originell wie aus dem Baumarkt. Jedes Dorf sieht anschließend wie das andere aus, empört sich ein Anwohner, Ziel ist eine Uniformität, die jedem Dorf sein ureigenes Gesicht austreibt. Und weil die Kirchrimbacher das nicht wollen, haben sie mobilgemacht gegen die vom Bayerischen Landwirtschafts- und Forstministerium verordnete Schönheitskur: Dreimal bereits haben sie sich in einer Unterschriftenaktion dagegen ausgesprochen, eine vierte ist gerade in Gang. Kriegt die Firma noch Aufträge, wenn der Chef gegen das Projekt ist?22 von den hier ansässigen 36 Haushalten haben dagegengestimmt, berichten die Initiatoren um das Ärzte-Ehepaar Michael und Beatrice Kressel stolz.Für sie ist das ein eindeutiges Mehrheitsvotum, und würde nicht der Bürgermeister abends von Haus zu H aus gehen, so erzählen sie, und den Anwohnern ins Gewissen reden, wären es noch viel mehr.So allerdings fürchtet schon der eine oder andere Jäger um die Verlängerung seines Pachtvertrags, und bei der Maschinenbaufirma wissen sie nicht so recht, ob si e künftig noch Aufträge von der Gemeinde bekommen, wenn sich der Chef weiterhin bei den Widerständlern exponiert.Auf dem flachen Land wird so etwas eher abgestraft als in der Stadt. Viele Kirchrimbacher fürchten aber einfach die Beteiligungs- und Erschließungskosten, die auf sie zukommen könnten.Horrormeldungen aus anderen Dörfern machen die Runde: Bis zu 15000 Euro habe ein Privatmann zuzahlen müssen, heißt es, und dass es in der Gegend einen Fall gegeben habe, in dem nach einiger Zeit der staatliche Zuschuss plötzlich nicht mehr wie angekündigt gesprudelt sei, weshalb die Dorfstraße des fraglichen Orts nun eine Baustelle sei und es bis auf weiteres wohl auch bleiben wer de.Das sind Gerüchte, niemand weiß Genaueres, gleichwohl denken die ersten Kirchrimbacher schon über den Verkauf von Grund und Boden nach. Wir haben hier viele Rentner, sagt die Protestkoordinatorin Beatrice Kressel, die könnten sich das überhaupt nicht leisten. In Kirchrimbachs Nachbardorf Oberrimbach, wo eine ganze Freizeitanlage mit Backhaus, Grillhütte und einem Kletter- und Niedrigseilgarten entstehen soll, ist die Dorferneuerung nicht populärer als nebenan. Die beiden Orte sind die Rebellendörfer der Gemeinde Burghaslach, aus der auch der Bürgermeister Friedrich Kropf kommt und deren Gemeinderat die Dorferneuerung im nächsten Jahr beschließen soll.Dass es so kommen wird, daran zweifelt kaum jemand. Das ist alles noch in der Planungsphase, wiegelt der Bürgermeister gleichwohl ab, wie das dann im Einzelnen aussehen wird, kann ich noch nicht sagen.Über den augenfälligen Mangel an Begeisterung, mit dem die Kirch- und Oberrimbacher seinem Erneuerungsvorhaben begegnen, will sich der Bürgermeister lieber nicht äußern. Kommen S in die Versammlungen, knurrt er, dann sehen S schon, wie die Stimmung ist. Schönen Tag noch! So jemand ist durch eine Hand voll Unterschriften nicht zu beeindrucken. Im zuständigen Amt für Ländliche Entwicklung ist man auskunftsfreudiger. Wir kennen die Sorgen der Kirchrimbacher, sagt Wolfgang Zilker, aber die Summen, die da in die Welt gesetzt werden, sind abwegig. Freilich, ganz ausräumen kann er die Bedenken der Anwohner dann auch nicht.So müssten sie sich an den Kosten der Bürgersteige wohl beteiligen, wie es die Gemeindesatzung vorsieht - aber wenn es beispielsweise um eine Sanierung des mittelalterlichen Schiestl-Kirchleins ginge, dann wäre das auf die Bürger nicht umlagefähig. Knapp zwei Kilometer Radweg kosten 300000 Euro wer will das bezahlen? Im Allgemeinen, so Zilker, gelte bei der Dorferneuerung die Formel: Fünfzig Prozent der Kosten trägt der Staat, die anderen fünfzig Prozent die Gemeinde, also die Bürger.Was das konkret heißt, dafür hat die Interessengemeinschaft Beispiele zur Hand: 1800 Meter geteerter Radweg beispielsweise kosten bei einer Breite von 2,50 Meter satte 300000 Euro - da kann ein quer durch den Naturpark gelegtes Radwegenetz ziemlich teuer werden.Andererseits: Wenn die beiden Rebellengemeinden sagen: Ohne uns, d ann kann man den ganzen schönen Vernetzungsgedanken vergessen, gibt der Sachverständige zu. Bei einer ihrer zahlreichen Bürgerversammlungen äußerten die Kirchrimbacher jedenfalls schon einmal prophylaktisch den Wunsch: Bitte, gebt uns kein Geld!

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