Fünf Jahre Pisa Generation Pisa wird erwachsen

Was ist aus den Schülern geworden, die damals am ersten Test in Deutschland teilgenommen haben?

Das ist seine Chance, und er weiß, sie kommt nicht wieder. Janos Kamel steht im Innenhof des alten Fabrikgebäudes, um ihn herum wirbeln bunte Blätter, doch er sieht sie nicht. Er erzählt von seiner Zukunft, wie er sie sich vorstellt, atemlos erzählt er, dabei kriegt er normalerweise kaum den Mund auf. Er schwärmt von einem Leben als Manager in einem großen Hotel, vielleicht ja in Ägypten, wäre doch toll, da kommt sein Vater her.

Das Bemerkenswerteste an seinen Plänen ist, dass er wieder welche hat. Vorbei die Zeit der zerplatzten Hoffnungen mit dem immergleichen Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Seit drei Wochen hat Janos einen Ausbildungsplatz hier im öffentlich geförderten BildungsWerk Kreuzberg, nach fünf Jahren und Hunderten von Bewerbungen. »Ich war kurz davor, mit dem Bewerben aufzuhören«, sagt er. »Endgültig.«

Janos Kamel, geboren 1984, gehört zur Generation Pisa. Vor sechs Jahren mussten junge Menschen seines Jahrgangs überall auf der Welt bei mehrtägigen Tests in Klassenräumen und Aulen schwitzen und ihre mathematische Grundbildung, ihre Lesekompetenz und ihr naturwissenschaftliches Wissen unter Beweis stellen. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Die deutschen 15-Jährigen schnitten unerwartet schlecht ab, die Öffentlichkeit reagierte schockiert, Pisa 2000 wurde zum Symbol für Tiefpunkt und Neuanfang in der deutschen Bildungspolitik. Nicht bekannt ist, was aus den Teilnehmern der damaligen Studie geworden ist. »Der Datenschutz hat es uns unmöglich gemacht, die Schüler in ihrem Werdegang weiterzuverfolgen«, sagt Manfred Prenzel, Leiter des Pisa-Konsortiums 2006. Darum wissen die Forscher bis heute nicht, ob sie Recht hatten mit ihren damaligen Prognosen, dass die schlechten Pisa-Noten auf eine finstere berufliche Zukunft für viele der deutschen Teilnehmer hindeuteten – besonders für das so genannte »untere Fünftel«, die gut 20 Prozent starke Risikogruppe extrem leistungsschwacher Schüler, die als kaum mehr ausbildungsfähig gelten. »Wir haben den Jahrgang komplett aus den Augen verloren«, sagt Prenzel.

Die Generation Pisa hat sich also ohne wissenschaftliche Beobachtung auf den Weg aus der Schule ins Leben gemacht, mitten hinein in die erste Wirtschaftskrise des neuen Jahrtausends. Janos Kamel hat sie von Anfang an zu spüren bekommen. Er passte ja auch ins Profil der Risikogruppe, wie sie die Wissenschaftler beschrieben hatten, einerseits zumindest: Er ist Migrant, und er ist männlich. Andererseits hat er einen Realschulabschluss geschafft, nicht einmal einen schlechten. So oder so war er immer derjenige, der, wenn er denn mal eingeladen wurde zum Bewerbungsgespräch, am Ende ohne Ausbildungsplatz nach Hause ging. »Meine Bewerbungsmappe war echt gut«, sagt er und streicht sich über seine Stoppelhaare. »Ich habe die aufwändig am Computer gestaltet, als aufklappbare Broschüre.« Zeit zum Herumwerkeln daran hatte er ja. Doch am Ende, sagt er, seien immer die Bewerber genommen worden, die deutscher aussahen als er. »Du bist halt der Ausländer«, sagt er mit seinem ausdruckslosen Gesicht. So hat er sich nach seinem Zivildienst jahrelang mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, gekellnert, Keller renoviert. »Zum Glück hatte ich in anderer Hinsicht Glück im Leben«, sagt Janos, und plötzlich lächelt er sogar. Er ist verheiratet, und Vater eines Zweijährigen ist er auch.

Vor etwas mehr als einem Monat hat ihn ein Kumpel angerufen, der gerade im BildungsWerk untergekommen war, und hat Janos erzählt, es seien noch ein paar Nachrückerplätze offen, wenn er schnell mache, könne es vielleicht klappen, man wisse ja nie. Janos hat schnell gemacht; wenn man nie eine Chance hat, greift man zu, wenn sich eine bietet. Er ist zum Arbeitsamt marschiert, hat sich einen Schrieb geben lassen, dass sie ihn fördern wollen. Ist damit zum BildungsWerk, hat seine Bewerbung für die Ausbildung zum Hotelfachmann abgegeben, diesmal noch besser, noch individueller. Eine Woche später saß er beim Vorstellungsgespräch, seine Ausbildungsleiterin hat ihn gleich in seine Klasse geschickt. Er hatte schließlich schon genug Unterricht verpasst. Das war die Wende in seinem Leben. Sie passierte so schnell, fast beiläufig, es hat eine Weile gedauert, bis er sie kapiert hatte.

Eigentlich bis heute. Als die Ausbildungsleiterin an diesem Morgen mit einem Stapel Flugtickets die Treppe hochkommt, für ihre Reise in die Türkei, wo sie drei Monate lang Praktika in Urlauberhotels machen, fragt Janos, ob dort wirklich jeder einen Arbeitsplatz bekomme, nur so zur Sicherheit. Ja, sagt die Ausbildungsleiterin. Wirklich jeder.

Doch es war nicht nur die Risikogruppe, die den Pisa-Forschern Sorgen bereitet hatte, denn die breite Masse, die ganz normalen deutschen Durchschnittsschüler, hatte mies abgeschnitten. Mit dem Ergebnis, dass die Generation Pisa auch sechs Jahre nach den Tests mit dem Label herumläuft. Wenn Kerstin Schumann, 22, Bekannten erzählt, dass sie damals unter den etwa 45000 getesteten deutschen 15-Jährigen war, fangen ihre Gesprächspartner schnell zu feixen an.

»Ach, du warst das«, lautet dann der Standardsatz, so nach der Art: Irgendwer muss den Schnitt ja heruntergezogen haben. Kerstin lacht dann meistens mit. Sie hat niemals eine Rückmeldung bekommen, wie sie damals gepunktet hat, das ärgert sie ein bisschen, denn so wird sie nie eine Bestätigung finden für ihr Gefühl, dass sie den Test eigentlich ganz gut gemeistert hat. Trotzdem möchte sie in einem Artikel über die Generation Pisa nicht mit ihrem richtigen Namen erscheinen.

Als sie 2004 mit ihrem Abi-Zeugnis vor der Schule stand, war eigentlich alles klar. Was sie werden wollte, wusste sie schon, seit sie acht war: Apothekerin, wie ihre Tante. Und während ihre Klassenkameraden sich noch mit der Berufswahl herumquälten und irgendwelche Online-Tests ausfüllten, machte sie Praktika und fieberte dem ersten Semester entgegen. Die Krise kam erst zwei Jahre später. Irgendwann im Frühjahr 2006 horchte Kerstin in sich hinein, und da war nichts mehr, kein Traumberuf, keine Zukunft als Apothekerin. »Ich studierte vor mich hin, doch das Ziel war mir abhanden gekommen«, sagt sie heute. Plötzlich musste Kerstin das nachholen, was ihre Schulkameraden vor dem Abi gemacht hatten: Ratgeber wälzen, Broschüren mit den angesagtesten Studiengängen und spannendsten Ausbildungsberufen. Doch selbst als sie sich dann entschieden hatte, ihr Studium abzubrechen und Kauffrau für Marketingkommunikation zu werden, blieben die Zweifel, schließlich war sie sich schon einmal so sicher gewesen. Die Zweifel blieben auch, als auf ihre fünf Bewerbungen vier Einladungen zum Vorstellungsgespräch ins Haus flatterten. Erst als der Anruf mit der Zusage kam, atmete Kerstin auf. Jetzt sitzt sie schon seit acht Wochen in einer Agentur am Berliner Kurfürstendamm, schreibt Pressemitteilungen, recherchiert im Internet, beobachtet und lernt von ihren Kollegen. »Ich fühle mich sehr wohl«, sagt sie. »Ich bin angekommen.«

Wahrscheinlich kann man sich kaum typischere Vertreter der Generation Pisa als Janos und Kerstin denken: In ihrer Verunsicherung, in ihrer Suche nach dem richtigen Weg, aber auch in ihrer Bereitschaft, sich den Verhältnissen anzupassen, stehen sie für einen Jahrgang, der sich keineswegs aus Versagern rekrutiert, sondern einer der ersten war, der sich unter den Bedingungen von Globalisierung und neuer Armut behaupten musste – und es auch tut. Vielleicht sogar besser, als die Bildungsexperten ihm vorausgesagt haben. Doch wegen der miesen Datenlage bleiben nur ein paar Hinweise, Vermutungen. Erst in künftigen Pisa-Runden sollen Langzeitstudien eingebaut werden, um verlässliche Schlussfolgerungen ziehen zu können. »Auf internationaler Ebene gibt es dafür erste Planungen, in Deutschland werden wir allerdings wieder Probleme mit dem Datenschutz haben«, sagt Manfred Prenzel.

Einige der Pisa-Schüler von damals sind derweil bereits dabei, in die Welt der Spitzenforschung vorzustoßen. 10000 Kilometer von ihrer Heimatstadt Kiel entfernt, spaziert Anne Schümann, 22, an diesem Mittag durch das spätsommerlich warme San Diego. Seit drei Monaten studiert sie hier in Kalifornien als Fulbright-Stipendiatin Biologie mit dem Schwerpunkt Neurowissenschaften, zuvor hat sie an der Universität Göttingen einen Bachelor in Molekularer Medizin abgeschlossen. Heute will sie sich bei einem bekannten Professor vorstellen und sich um die Mitarbeit in seinem Labor bewerben, um dabei zu sein bei der »Erforschung von Signalwegen im Gehirn«. Zumindest versucht sie so, übers Handy mit einfachen Worten ihre wissenschaftlichen Interessen zu erklären. In der Vorlesung, aus der sie gerade kommt, ging es übrigens um »synaptische Plastizität«. Für ihr Stipendium hat Anne sich auf den letzten Drücker beworben, gerade so die Frist eingehalten, dabei hatte sie schon lange zuvor beschlossen, dass sie irgendwann ins englischsprachige Ausland gehen würde, für eine Weile zumindest. »Englisch ist die Sprache der Wissenschaft, und die Amerikaner sind auf dem Gebiet der Neurowissenschaft viel weiter.«

Manchmal denkt sie noch an die zwei Vormittage vor sechs Jahren, als sie mit ein paar Dutzend Mitschülern in der Aula des Max-Planck-Gymnasiums in Kiel gehockt hat. An die Frage, bei welcher Temperatur Wasser am dichtesten ist, zum Beispiel. »Das habe ich gleich gewusst, das war einfach«, sagt sie. »Diese Worterkennungsaufgaben dagegen, wo man einen Begriff seinem genauen Gegenteil zuordnen sollte, die hatten es in sich.« Lange her, und doch wird auch Anne Schümann das Label nicht mehr los. »Wir sind die Generation Pisa«, sagt sie, stolz irgendwie. Fast klingt es wie ein Versprechen: Von uns werdet ihr noch hören. Und ihr werdet überrascht sein, wie gut wir wirklich sind.

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Leser-Kommentare
  1. Was soll dieser Artikel eigentlich belegen? Daß die guten Leute auch heute noch einen Job kriegen, ist keine Überraschung. Daß es dem ein oder anderen Gymnasiasten gelingt, in die 'Spitzenforschung' zu kommen, auch nicht.
    Interessant (weil problematisch) sind die schlechtesten Schüler, jene 20%, die - wie der Artikel sagt - als 'nicht ausbildungsfähig' gelten. Deren Schicksal wird nicht beleuchtet - oder doch, indirekt: in Gestalt der Probleme eines guten Realschülers mit Migrationshintergrund. Selbst der schafft es nur in eine öffentlich geförderte Ausbildung. Man kann sich ausrechnen, wie es um die vielen steht, die ohne Abschluß oder mit einem mäßigen Hauptschulabschluß dastehen und (trotz Computer-Rechtschreibprüfung) nicht mal eine fehlerfreie Bewerbungsmappe zustandekriegen.

    Um den Realschüler mache ich mir weniger Sorgen. Mit oder ohne deutsche Großeltern: schon bald wird man sich um ordentliche jungen Leuten reißen. Aber im untersten Segment wird die Langzeitarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit wachsen, wachsen, wachsen.

  2. 2. Leider

    lesen die betroffenen Leute diese Artikel nicht .

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