Lehrstellenmarkt Entscheidung fürs Leben
Lehrstelle oder Absturz: Oft wird schon am Ende der Schulzeit bestimmt, wer in die Unterschicht gerät.
In der Backstube von Hans-Peter Küpper wartet eine Chance. Der Bäckermeister aus dem rheinischen Bedburg sucht einen Lehrling. Wenn der sich geschickt anstellt, wird ihm der Chef mit dem grauweißen Schnurrbart und dem fröhlichen Singsang in der Stimme vielleicht einen Arbeitsplatz fürs Leben bieten. So wie den beiden Gesellen, die einst hier lernten und geblieben sind, oder wie Helga, die vorne im Laden frisch gebackene Weckmänner und Apfelkuchen verkauft – seit 17 Jahren. Derart ist es in der 120 Jahre alten Bäckerei Küpper meistens zugegangen.
Bloß, seit vier Jahren hat Hans-Peter Küpper keinen Lehrling mehr, und um diesen Mangel zu erklären, führt er ein kleines Schauspiel auf. In die Mitte des Raumes stellt sich der Bäckermeister, lässt die Schultern hängen, steckt die Hände in die Taschen und schaut bedrückt zum Boden. »Vor zwei Monaten hat sich hier einer vorgestellt, für ein Praktikum, der stand so da!« Sagt es und fügt noch auf gut Rheinländisch hinzu: »Der war ja zu blöd für zu kehren!«
Klar, der Bäckerberuf kann hart sein, und der Bäckermeister kann es auch. Aber Küpper hat sich darauf eingestellt, dass »die jungen Leute heute nicht mehr so belastbar sind«. Im ersten Jahr brauchten seine Lehrlinge nie um vier Uhr morgens zu erscheinen, wie es üblich ist, sondern eine Stunde später. Sie durften sich zwischendurch hinsetzen. Und ja, mit ein paar Praktikanten, die ihm die nahen Schulen schicken, ist er ganz zufrieden gewesen. Doch von denen, die der Bäcker für geeignet hielt, wollte keiner kommen. Die letzte Bewerberin hat ihm erst vor ein paar Wochen abgesagt. Statt backen zu lernen, wollte sie lieber länger zur Schule gehen.
Was geht da schief? In Deutschland starten jedes Jahr Hunderttausende Schulabgänger ohne eine Berufsausbildung ins Leben. Forscher wissen aber genau: Je schlechter die Ausbildung, desto schlechter die Aussichten auf einen Job. Nur vier von 100 Akademikern haben keinen, bei denjenigen, die lediglich eine berufliche Ausbildung vorweisen können, sind es schon zehn Prozent, und ganz düster sieht es bei den Ungelernten aus. Ein Viertel von ihnen ist arbeitslos – das sind allein 1,6 Millionen Menschen. Wer eine Lehre absolviert, kann seine Jobchancen also, statistisch gesehen, immens verbessern.
Derzeit streiten beide Volksparteien intern und miteinander darüber, was sie für die Verlierer der Gesellschaft tun müssen. Die CDU-Kanzlerin Angela Merkel ist in dieser Woche weit über ihren Schatten gesprungen und vertritt nun – um des lieben Friedens in ihrer Partei willen – die Forderung, dass ältere Arbeitslose künftig wieder länger Arbeitslosengeld I bekommen sollen. Und SPD-Chef Kurt Beck brachte den Begriff der »Unterschicht« ins Spiel, für jene Gruppe von Hoffnungslosen und Ausgeschlossenen, Hartz-IV-Klienten und Niedriglöhnern, die Forscher der Friedrich Ebert Stiftung auf ein Zehntel der Bevölkerung taxiert haben.
Alle wollen sich kümmern, aber kaum jemand setzt da an, wo über besonders viele Lebenschancen entschieden wird: am Übergang von der Schule zum Berufsleben. Hier entscheidet sich oft schon, wer später zu einem leistungsfähigen, selbstbewussten Staatsbürger heranwächst und wer zu einer neuen Generation der »Unterschicht«. Ein Grund, genau hinzusehen und zu fragen, wie diese Gruppe der Abgekoppelten entsteht. Sind das vornehmlich Leistungsverweigerer, oder bietet die Gesellschaft ihnen einfach keine Chance auf Ausbildung und Arbeit?
»Das heutige Verständnis von sozialer Gerechtigkeit«, erklärte die rot-grüne Bundesregierung noch im vergangenen Armutsbericht, orientiert sich weniger an der Verteilung von Einkommen, »sondern zunehmend daran, ob den Menschen gleiche Chancen und Möglichkeiten verschafft werden«. Wer will, findet einen Platz in der Gesellschaft – diesen Anspruch hat auch die Große Koalition.
Die Wirklichkeit: Hauptschule Bedburg, Klassenraum der 10a. Die Schüler sind gut gelaunt, fast aufgekratzt. Sie berichten von ihren Berufsplänen. Als Bürokaufmann wollen sie bald ihr Geld verdienen, als Tierarzthelferin, Friseurin, Einzelhandelskauffrau oder Anlagenmechaniker. Von Null-Bock-Mentalität ist nichts zu spüren. Niemand wolle ein »KoZ« sein, sagt einer und erklärt, wofür dieses Spottkürzel steht: für ein »Kind ohne Zukunft«, eine Hartz-IV-Nachwuchskraft sozusagen, einen Chancenlosen. Über solche macht man sich hier lustig.
Die 10a ist eine Entlassklasse, in einem halben Jahr werden die Schüler in die Welt geschickt. Dank der Ermahnungen ihrer Lehrer und einiger Praktika haben sie schon eine Vorstellung davon, was die Betriebe von ihnen erwarten. »Dass man pünktlich ist, zuverlässig und selbstständig arbeiten kann zum Beispiel«, erklärt der Schüler, der Bürokaufmann werden möchte. Sie wissen auch schon, wie viel es wo zu verdienen gibt und was sie lieber nicht werden wollen. »Bäcker«, sagt einer, »würde ich natürlich auch machen – wenn ich gar nichts anderes bekomme.« Aber als sie von der Stelle bei Bäckermeister Küpper erfahren, steht keiner auf und ruft »hier«. Die Zuversicht ist groß, dass sich etwas Besseres findet.
Wenige Minuten später im Büro des Schulleiters sieht die Welt ganz anders aus. »Die sind jetzt wegen ihres neuen Praktikums ganz euphorisch«, sagt einer der zwei Lehrer, die sich dort eingefunden haben. »Aber«, fügt er düster an, »bald kommen die Nackenschläge.« Sein Kollege nickt. Ihre Erfahrung – und die städtische Statistik – zeigen: Nur zwei, drei, vielleicht fünf aus einer Klasse machen tatsächlich gleich nach der Schule eine Ausbildung.
Das ist nicht nur in Bedburg so. Etwa die Hälfte der registrierten Lehrstellenbewerber in Deutschland, rund 300000 Jugendliche, landet nicht auf einem Ausbildungsplatz. Besonders oft gehen Hauptschüler leer aus. Einige absolvieren stattdessen Dauerpraktika, mehr noch entschließen sich, ein Jahr an einer berufsvorbereitenden Schule anzuhängen. Manche jobben auf zeitlich befristeten Stellen oder in staatlich subventionierten Jobs, um es im nächsten Jahr noch einmal zu versuchen.
Soziologen sind sich mit Statistikern einig, dass hier für viele Menschen der Pfad in die »Abkopplung« von der Arbeitsgesellschaft beginnt. Die Lehre ist so etwas wie eine Wegscheide. »Unser System der Berufsausbildung hat viele Vorteile«, sagt Walter Müller, kürzlich emeritierter Soziologieprofessor an der Universität Mannheim. »Aber es gibt einen Nachteil: Wer nicht hineinkommt, schafft es später kaum, das auszugleichen.« Nach den »Nackenschlägen« droht ein Kreislauf aus schlecht bezahlten, unsicheren Jobs, Arbeitslosigkeit und Stütze. Aus hoffnungsfrohen Schulabgängern werden dann »Grenzgänger zwischen Erwerbstätigkeit und Nichterwerbstätigkeit«, wie es der Hamburger Soziologe Berthold Vogel formuliert.
Das alles geschieht, obwohl Lehrstellen wie bei Bäckermeister Küpper unbesetzt bleiben. Doch warum?
Für Gunnar Koerdt ist diese Entwicklung ein Rätsel. Als der jugendlich wirkende Bürgermeister vor zwei Jahren sein Amt in der 25000-Seelen-Stadt Bedburg antrat, durfte er mehr heile Welt erwarten. Bedburg ist ein Provinznest, in dem man sich kennt. Verwahrlosung und Randständigkeit vermutet man hier nicht, die Arbeitslosenquote liegt mit rund zehn Prozent im Landesschnitt, es gibt 117 Sport-, Hobby- und Schützenvereine mit teilweise emsigster Jugendarbeit und eine »vielfach höhere Dichte an Jugendzentren und Sportstätten, als Sie sie in jeder Großstadt finden«, wie Bürgermeister Koerdt erklärt.
Als eine seiner ersten Amtstaten ließ er sogar das alte Gebäude der Hauptschule abreißen und einen Ersatz mit fröhlichen Farben, riesigen Glasfenstern und teurem Granitfußboden auf den Toiletten errichten. Koerdt glaubt an die erbauliche Kraft der Architektur. »Das ist Psychologie«, sagt er.
Und doch hat ausgerechnet der engagierte Bürgermeister in dieser beschaulichen Kleinstadt mit Zeichen der Ausgrenzung und Entfremdung zu kämpfen – mit Phänomenen, die Soziologen wohl als das Entstehen einer Unterschicht deuten würden. »Gewalt an den Schulen, Drogen, Vandalismus, ein bisschen von alldem können wir auch hier beobachten«, sagt Koerdt. Das fängt vielleicht bei jenen Schülern an, die nach den Worten der Ausbildungsberaterin Ursula Böllecke »ihre Bewerbungsschreiben mit Fettflecken losschicken und Urlaubsfotos draufkleben«; die schon beim Praktikum unpünktlich erscheinen oder kaum ein Wort herausbringen. »Das sind wohl Boykotte«, vermutet die städtische Sozialarbeiterin Eva Mamier, die eine wachsende Zahl von Null-Bock-Jugendlichen, Schulschwänzern und vorzeitigen Schulabgängern beobachtet. »Die denken schon ab Klasse sieben, warum mache ich das alles? Es erwartet mich ja eh nichts. Die leben in den Tag hinein.« Die Schüler und Schulabgänger, von denen sie spricht, sind höchstens 100 an der Zahl. Und doch können dort Probleme entstehen: Die Polizei verzeichnet eine Einbruchsserie bei Ärzten, wohl Drogenbeschaffungskriminalität; die Sozialarbeiterin Mamier sagt, es habe sich eine Gruppe jugendlicher Wiederholungsstraftäter herausgebildet.
Koerdt will das nicht hinnehmen, deshalb hat er die Arbeitgeber seiner Stadt zur Mithilfe aufgerufen. Flugs hatte er eine Liste mit zwölf offenen Lehrstellen in der Hand, fast alles Metzgerstellen, für die sich freilich niemand finden wollte. Da ist ihm schon ein wenig der Kragen geplatzt, er hat auf die Schulen geschimpft und sich mächtig mit dem Leiter der Hauptschule in die Haare bekommen. Koerdt ließ eine Statistik über den Verbleib Bedburger Schulabgänger erstellen und wettert seither über »falsche Einstellungen« und »Altlasten der 68er Jahre«.
»Wenn ich in die Abschlussklasse der Hauptschule gehe, höre ich, dass die zur Hälfte kaufmännische Angestellte werden wollen«, sagt Koerdt. »Da frage ich mich, ob mal einer da war, der ihnen ihre Lebenssituation kommuniziert hat. Ich verstehe das nicht, sollte die Hauptschule nicht einmal die Nachwuchsschmiede für das Handwerk sein?«
Hildegard Grüterich erklärt diesen Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit. »Die Hauptschule ist zu einer Restschule gemacht worden«, sagt die pensionierte Lehrerin, die Jahrzehnte an der Bedburger Hauptschule unterrichtet hat. Früher, erzählt sie, sei es normal gewesen, zur Hauptschule zu gehen. Man besuchte sie auch nicht zehn Jahre lang, sondern nur acht und später neun. Es sei darum gegangen, die jungen Leute schnell für das Berufsleben vorzubereiten, und immer habe es auch ein paar Lernschwache gegeben. Doch unmotiviert seien die selten gewesen, und sie hätten sich bestimmt nicht als »Rest« gefühlt.
Das lag wohl auch an Hildegard Grüterich selbst. »Ich habe mich nicht gescheut, zum Eisenwarenhandel zu gehen und zu sagen, ich habe hier einen Problemfall«, sagt sie. »Dann haben die gesagt: Wir probieren den mal aus.« Ein schulisch sehr schwaches Mädchen habe sie einmal an eine Gärtnerei vermittelt, »und die schmeißt da bis heute den Laden«. Man brauche doch nicht für jeden Beruf eine gute Note in Mathematik!
Doch die alte Welt der Lehrerin hat sich aufgelöst. Lehrer vermitteln keine Stellen mehr. Die Schüler schreiben Bewerbungen an Unternehmen in Bedburg und im ganzen Kreisgebiet, mancher verfasst davon mehr als hundert, und etliche Betriebe laden dann zu einem »Assessment-Center« ein. Da werden dann so ähnliche Dinge abgefragt, wie man sie in der Schule lernt. In dieser neuen Welt gilt, was die Beraterin Sylvia Borger vom örtlichen Arbeitsamt sagt: »Für viele Berufe wird der einfache Hauptschulabschluss inwischen als unzureichend angesehen.«
Hildegard Grüterich beschreibt die Entwicklung so: »Erst gab es den Kraftfahrzeugschlosser, dann wurde er zum Kraftfahrzeugmechaniker und heute zum Mechatroniker, für den man fortgeschrittene elektronische Kenntnisse benötigt und eine dreieinhalbjährige Fachausbildung.« Pflegekräfte, wie sie in den Altersheimen der Region händeringend gesucht werden, brauchen die mittlere Reife. Einfache Anlernberufe sind von der Bildfläche verschwunden: Im benachbarten Braunkohletagebau arbeiten immer mehr Maschinen, die Bauern haben keine Knechte mehr. Doch »dreckige Hände«, sagt Grüterich schulterzuckend, wollten sich viele der »Herrschaften Schulabgänger« ohnehin nicht mehr machen. Dachdecken bei Wind und Wetter? Tiere zerlegen in der Schlachterei? »Das will doch keiner.«
Fragt man Ökonomen, Soziologen und Historiker, dann ist es mal der technische Fortschritt, der für den Wandel am Arbeitsmarkt verantwortlich gemacht wird, mal die Konkurrenz aus Niedriglohnländern, mal der erdrückende Wohlfahrtsstaat, der den Menschen den Leistungswillen nimmt. Tatsächlich ist schon der technisch bedingte Wandel ein wesentlicher Teil des Problems: »Etwa zwei Drittel der Stellen, die in unserer modernen Wirtschaft entstehen, erfordern eine fachliche Bildung, Kenntnisse der Informationstechnik und andere spezifische Fertigkeiten«, schätzt der britische Soziologe Anthony Giddens. » Wired workers«, verdrahtete Arbeiter, nennt er jene Beschäftigten, die früher simplen Tätigkeiten nachgegangen wären, heute aber als Büroarbeiter einen Computer bedienen, als Lagerarbeiter ein elektronisches Inventar führen und Förderbänder programmieren müssen.
Eigentlich sollte die in den siebziger Jahren begonnene Bildungsexpansion – die längeren Schulzeiten und die Zunahme höherer Schulabschlüsse – eine Lösung dafür bieten. Doch wer dennoch bildungsarm bleibt, für den haben sich die Probleme dadurch noch verschärft. »Früher gab es eine Art zweiten Bildungsweg über die Praxis«, sagt Stephan Leibfried, Soziologieprofessor an der Universität Bremen. »Man konnte als Pförtner oder Lehrling beginnen und weit aufsteigen.« Vorbei. Anlernkarrieren im Betrieb sind in Deutschland immer seltener geworden, heute gibt es für jede Aufgabe einen formalisierten Schul- und Ausbildungsweg. Leute, die eigentlich nicht recht für die Schule taugen, verbringen nun immer mehr Zeit im Klassenzimmer, in Berufsschulen und Kollegs. Und statt früher Erfolgserlebnisse im Beruf sammeln sie dort eine Serie von Misserfolgen.
»Das Gefühl des Versagens gräbt sich von Jahr zu Jahr tiefer ein, und dann wenden sie sich irgendwann von allen Leistungsanforderungen ab, um nicht wieder ein Scheitern zu erleben«, erklärt die Soziologin Heike Solga von der Universität Göttingen. Selbst motivierte Hauptschüler, die heute über mehr Kenntnisse als ihre Vorgänger verfügten, würden allein deshalb stigmatisiert, weil sie als abgeschlagene Minderheit im Bildungssystem gälten. »Leute wie Müntefering oder Schröder, die sich selbst hochgearbeitet haben, verstehen gar nicht, was sich da verändert hat«, sagt Solga. Für die Forscherin sind diese Prozesse ein wesentlicher Grund für die »Verfestigung von Arbeitslosigkeit«.
Zu dieser These passen viele Fakten aus dem deutschen Arbeitsmarkt: Formale Qualifikationen sind für die berufliche Platzierung viel wichtiger als in anderen Ländern. »Das zeigt sich«, laut dem Mannheimer Soziologen Walter Müller, »bei allen internationalen Vergleichen.« Geringqualifizierte haben da schlechte Karten. Zahlen der OECD zeigen: Unter 20 analysierten Industrieländern ist die Arbeitslosigkeit der weniger Gebildeten nirgendwo so hoch wie in der Bundesrepublik. Und selbst wer hierzulande doch einen Job ergattert, hat geringe Aufstiegschancen. Eine EU-Untersuchung ergab schon Ende der neunziger Jahre, dass Niedriglöhner es in keinem anderen Land so schwer haben wie in Deutschland, eine höhere Einkommensstufe zu erklimmen. Diese Tendenz hat sich verschärft. Nach einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg sank der Anteil der Niedriglöhner, die einen Aufstieg schaffen, in den vergangenen zehn Jahren deutlich.
Der Soziologe Heinz Bude von der Universität Kassel sieht in alldem ein grundlegendes Problem mit der Chancengerechtigkeit in Deutschland: »Es gibt kein Modell mehr für eine einfache Arbeit, die einem Menschen ein einfaches Leben ermöglicht.« Die Jobs für Geringqualifizierte seien einfach weg oder gälten als sozial inakzeptabel: zeitlich befristete Aufgaben etwa, dreckige Arbeiten, das Putzengehen oder das frühe Aufstehen des Bäckers können dazugehören. Und viele seien schlecht bezahlt. In unserer Werbe- und Konsumgesellschaft falle es Menschen aller Schichten heute »schwer, ihre Konsumchancen einzuschränken«, meint Bude. Als Alternative böte sich jungen Schulabgängern gelegentlich ein Lebensentwurf an, in dem man sich mit Hartz IV, Schwarzarbeit oder Kleinkriminalität durchschlage.
Zwar sind etliche attraktive Jobs geblieben, die ein fleißiger Mensch auch mit wenig Bildung und Berufstraining gut ausfüllen könnte. Aber um die tobt ein Verdrängungswettbewerb: Realschüler bewerben sich um Stellen, die früher Hauptschüler besetzt hätten, Gymnasiasten bringen die Realschüler unter Druck – allein schon, weil es heute viel mehr Gymnasiasten und Realschüler gibt als früher. »In den sechziger Jahren konnten Jugendliche ohne Hauptschulabschluss eine Lehrstelle bekommen, um die sich heute Abiturienten streiten«, sagt der Bochumer Sozialforscher Ernst-Ulrich Huster.
Manche Arbeitsmarktexperten, wie der Kasseler Professor Bude, gehen daher schon so weit, die aufgeregte Debatte um die Pisa-Bildungsstudie als »eher schädlich« zu bezeichnen. Weil Pisa Bildungslücken offenbart hat, wird nach immer mehr Bildung an den Schulen gerufen. Umso größer wird die Barriere für diejenigen, die sich in Schulen nicht zurechtfinden – die aber vielleicht als Gärtner oder Eisenwarenhändler reüssieren könnten.
Mehr Bildungsanstrengungen allein werden die Misere daher nicht beseitigen. Die Probleme, das zeigt das Bedburger Beispiel, entstehen aus einem Geflecht von Faktoren: Es gibt weniger einfache Arbeitsplätze als früher, gleichzeitig mehr höher qualifizierte Bewerber; die Erwartungen mancher Schulabgänger sind falsch, wie auch ihre Vorbereitung auf das Berufsleben in der Schule; die Chancen, sich in der Praxis zu bewähren, werden immer seltener, dafür wächst die Gefahr, als Bildungsverlierer und damit als komplett unfähig abgestempelt zu werden – und es gibt Wechselwirkungen wie ständige Enttäuschungen, die wiederum zu weniger Anstrengungen führen.
Unter dem Strich schrumpfen die Chancen selbst für Hauptschüler, die hoch motiviert geblieben sind. Zum Beispiel Laura Gerlach. Die 16-Jährige hat ihr Ziel klar vor Augen: Sie will »möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen«, am liebsten als Zahnarzthelferin. Ein Praktikum bei der Bedburger Zahnärztin Elke Krämer hat sie schon absolviert und – mehr als ein halbes Jahr vor ihrem Schulabschluss – bereits sieben Bewerbungen verschickt. »Dreimal wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen«, erzählt die junge Frau. Eine Ausbildungsstelle hat sie trotzdem noch nicht.
»Die Laura war gut«, sagt Krämer. Doch bis auf weiteres ist sie mit Auszubildenden versorgt – von der Realschule. »Früher habe ich meine Auszubildenden immer von der Hauptschule genommen.« Doch nach einigen schlechten Erfahrungen mit Hauptschülern – »Manche konnten nicht rechnen, andere verschliefen einfach oder fluchten unflätig vor meinen Patienten herum« – sind ihr die von der Realschule nun lieber. Für eine besonders engagierte Bewerberin schuf sie kürzlich sogar eine zweite Lehrstelle, für Laura aber keine dritte.
Laura weiß, dass die Konkurrenz groß ist. Sie will demnächst mit 17 den Führerschein machen, damit sie auch zu Lehrstellen fahren kann, die weit weg liegen. Für den Fall, dass trotzdem alles nichts wird, hat sie sich beim nahen Berufskolleg nach den Möglichkeiten für ein Fachabi erkundigt. Obwohl sie mehr Schule »schon für verlorene Zeit« hielte. »Denn eigentlich brauche ich das als Zahnarzthelferin nicht.«
Zum Thema
Arbeitsmarkt und Politik
-
Ein Überblick über die aktuellen Reformen
»
Sozial abgehängt - Wächst eine neue Unterschicht in Deutschland heran?
Ein Schwerpunkt zur aktuellen Debatte »
- Datum 08.12.2006 - 10:59 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




"TEIL 3"
"Hildegard Grüterich erklärt diesen Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit. »Die Hauptschule ist zu einer Restschule gemacht worden«"
Diesen Beitrag habe ich gelesen, muss sagen, das sie voll und ganz Recht hat.
Ich habe diese Erfahrung selbst machen muessen, habe mich jedoch selbst gekuemmert und meinen Beruflichen Abschluss schon seit 10 Jahren in der Tasche.
Es ist heutzutage ein Jammer, das Jugendliche nicht immer so unterstuetzt werden, wie es haette sein muessen.
Ich bedanke mich trotzdem bei meiner alten Klassenlehrerin
Fr. Hildegard Grüterich fuer die Unterstuetzung, wo ich im Jahre 1978-1980 von Ihr unterrichtet wurde.
Meinen Abschluss habe ich nachtraeglich bei der VHS in Neuss absolviert, weiterführende Schulen besucht und den CNC-Programmierer als Hauptberuf erlernt.
Mit bestandener Abschlusspruefung bekam ich mein Diplom Als CNC-CAD-CAM Programmierer/Softwareentwicklung und uebe diesen Beruf schon seit 10 Jahren mit Erfolg aus.
Es waere schön, wenn auch andere die aus der Schule kommen eine Chance bekaemen, das wuerde die Problematik deutlich reduzieren.
Juergen-Langen
(edv-langen@web.de)
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren