Klassiker der Moderne (42) Der Teufelspakt

Der Tenorsaxofonist Sonny Rollins hielt 1957 den improvisierten Augenblick für die Ewigkeit fest. Seine Platte "A Night at the Village Vanguard" ist ein Meilenstein des modernen Jazz

In einer Kunst, die im Moment entsteht und mit diesem vergeht, liegt die Tiefe an der Oberfläche. Da ist Vollendung kein tauglicher Begriff. In der Improvisation gibt es den geglückten Moment, nicht aber das der Zeit entrückte Meisterwerk. Nicht auf das Resultat, auf den Vorgang kommt es an. Auf die Intensität. So gesehen, ist es absurd, von den Aufnahmen, die der Tenorsaxofonist Sonny Rollins am 3. November 1957 im New Yorker Village Vanguard einspielte, als von einem Monument des Jazz zu sprechen. Und doch es ist so. Das liegt am Paradox, dass einer der Spontaneität verschriebenen Musik erst ihre technische Reproduzierbarkeit zu Geschichte verhilft. Ohne Teufelspakt dauert kein Augenblick.

Der Ruhm des Village Vanguard an New Yorks 178. Straße ist umgekehrt proportional zur beklagenswerten Ausstattung des Lokals, eines engen, verrauchten Schlauchs. Er war eine Art Wohnzimmer des Jazz. Dort wurden mehr Meilensteine des modernen Jazz mitgeschnitten als sonstwo, am Anfang aber stand dieses Trio von Sonny Rollins: A Night at the Village Vanguard. Ein Meisterwerk. Rollins war die mächtigste neue Tenorstimme der fünfziger Jahre, bevor Coltrane zur Kultfigur avancierte, und auch dann noch dessen Antipode. Wie Trane war Rollins ein high energy -Improvisator, aber weniger Ekstatiker als Ironiker. Ein Verwandlungskünstler und Klabautermann, der mit haarsträubendsten Verschränkungen, Verzögerungen, Verzerrungen in Rhythmik und Tonbildung operierte. Ein Francis Bacon des Tenors. Zog Coltranes Zug ins Manische, tanzte Rollins auf der Grenze zwischen Witz und Irrwitz, weniger getrieben vom Horror Vacui als von einem fast dadaistischen Humor. Der brauchte Raum. Bei den Aufnahmen aus dem Vanguard mochte Rollins nicht durch einen Pianisten auf die Harmoniekorsetts seiner Vorgaben verpflichtet werden. Den Standards zauberte er seinen eigenen Gegensinn in den trojanischen Bauch.

Sonny Rollins, ein Zwei-Meter-Titan, sprach immer leise und war ein Selbstzweifler. Wiederholt entzog er sich dem Rausch des Beifalls durch längere Auszeiten, blies nächtens einsam auf der Williamsburg Bridge gegen den Verkehrslärm an und verzauberte, nach zwei Jahren zurück in der Szene, seine Fans durch ein intimes Quartett mit Jim Hall (The Bridge), oder er verblüffte sie durch wilde freie Improvisationsflüge. Endlich rettete er sich in einen mehrheitsfähigen Calypso-Harmonismus, der bis heute eines seiner Markenzeichen ist. Denn Sonny Rollins ist mit 76 nach wie vor aktiv – mit eher heterogenen Bands, etwas uneinheitlichen CDs und bei ebenso raren wie hinreißenden Live-Auftritten. Da beweist er sich als Entfesselungsartist, der in Selbstgesprächen und barocken Codas alle selbst gezogenen Grenzen über den Haufen bläst. Sonny Rollins ist zuerst ein Live-Künstler. War er immer schon. Und selten intensiver als im Village Vanguard.

Sonny Rollins: A Night at the Village Vanguard (Blue Note 7243 4 99795 2 9)

Lesen Sie hier, wovon Sonny Rollins träumt

 
Leser-Kommentare
    • deepa
    • 20.01.2007 um 21:16 Uhr

    Diese Platte verdient es tatsächlich, herausgestellt zu werden - vielen Dank! Allerdings weise ich außer auf Elvin Jones auch noch auf Wilbur Ware hin, den Bassisten dieses Konzertes (bis auf einen Track): Absolut unglaublich, einer der meistunterschätzten (weil immer noch unbekannten), am härtesten swingenden Bassisten des Jazz. Laid back & BIG!!!

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  • Quelle DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49
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  • Schlagworte Jazz | Musik | New York
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