Glosse Das Letzte
Finis kommentiert eine weltmeisterliche Verwertungskette
Liebe Leser, erlauben Sie uns ein offenes Wort in eigener Sache. Wie Sie aus der Zeitung wissen, haben es Zeitungen heutzutage nicht leicht im Leben. Die Anzeigen sprudeln nicht mehr so reich wie früher, und so müssen wir alle unsere Brötchen durch den Handel von Kulturgütern verdienen. Wir verkaufen Ihnen alles, nur nicht unsere Seele! Nehmen wir das jüngste Magazin der Süddeutschen Zeitung, das unserem steuerflüchtigen Helden Michael Schumacher gewidmet ist. »Das exklusive Interview zum Ende einer großen Karriere.«
Dickes Papier, schwarz-silbern, prächtig. Ein Silberpfeil von einem Heft. »Herr Schumacher, wie fühlen Sie sich?« Der Frührentner S. beichtet dem SZ- Leser, dass er »immer geliebt werden wollte«, oder wie Wilhelm Busch gesagt hätte: »Liebe – sagt man schön und richtig – Ist ein Ding, was äußerst wichtig.« Achtung, auch wichtig: Die SZ wird das Interview in der SZ- Edition als persönliches Buch herausbringen, »Die offizielle und autorisierte Inside-Story zum Karriere-Ende«. Das ist eine weltmeisterliche Verwertungskette, so exakt gearbeitet wie ein Formel-1-Auto! Und diese Beschleunigung: von Journalismus auf Werbung in weniger als einmal umblättern.
Und damit man mit der Verwertungskette besser rasseln kann, haben die lieben Kollegen noch etwas Schumi-Reklame drangelötet, denn wenn alle Schumi super finden, ist das super für ein Buch über Schumi, das die super SZ verkauft. So schließen Auto Teile Unger (»Der Wechsel des Jahres – Winterreifen ab 27 Euro«), Antriebstechnik ZF Sachs, Rosbacher Mineralwasser (»Mein Vorteil seit 5 Jahren«) und der Dekra-Prüfdienst (»Lieber Michael, danke Schumi«) den Kreis. Weil nun zweifelsfrei bewiesen ist, dass das SZ- Schumi-Buch super ist (weil ja alle anderen auch dem Mann und sich selbst die Taschen voll machen), kann man in eigener Sache noch mal aufs Gas drücken. Kaufen Sie die SZ Cinemathek! Die SZ Kalender-Edition!
Und trinken Sie auf so viele Schnäppchen exklusiv den Distinctively Islay Malt Whiskey aus der Edition SZ Magazin, 650 Flaschen, handnummeriert, torfige Note. Damit wir nicht vergessen, wem wir das alles verdanken, schreitet hinten auf dem Magazin Schumacher, der Marlboro-Mann, in den Sonnenuntergang. »Danke für die geile Zeit«, exklusiv in eigener Handschrift. Oder war es seine Signiermaschine? Egal. Das Buch gibt’s in der SZ- Edition, und nun ab in den Warenkorb. Wie gesagt, Zeitungen habe es heute schwer im Leben. Liebe SZ, wie fühlst du dich? Rein persönlich?
- Datum 29.11.2006 - 06:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49
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