Vatikan Rom und das Kondom
Die katholische Kirche untersucht, ob sie Präservative erlauben soll - ausnahmsweise, zum Schutz vor HIV. Viel ändern würde das nicht, kommentiert
Jetzt könnte Galileo Galilei sein berühmtes Diktum sogar auf die römische Kirche selber anwenden, die ihn seinerzeit als Ketzer verfolgt hatte: »Und siehe, sie bewegt sich doch!« Denn im Vatikan denkt man über das bisher geltende bedingungslose Verbot aller Empfängnisverhütungsmittel nach.
Mit einer Revision der Enzyklika Humanae vitae ist zwar nicht zu rechnen, denn es geht derzeit nicht um die Familienplanung als solche, sondern allein um das Kondom. Kondome kann man nämlich als dual use- Instrument betrachten – als Mittel zur Empfängnisverhütung und/oder zur Aids-Prävention. Rom ist nun offenbar bereit, Kondome wenigstens ausnahmsweise zuzulassen, wenn sie die Weitergabe des tödlichen Virus aufhalten, obwohl sie doch gleichzeitig auch die Weitergabe künftigen Lebens (freilich auch: meist von Anfang an tödlich kontaminierten Lebens) verhindern.
Jedenfalls hat der Präsident des Päpstlichen Rates für Gesundheitsfragen, der Kardinal Javier Barragán, dem Papst in der vorigen Woche eine Studie von fast 200 Seiten Umfang zu diesem Thema übergeben. Man darf davon ausgehen, dass solche Studien nie unverlangt ausgearbeitet werden. Und eine ganz große Überraschung ist diese vorsichtige Vorbereitung auch nicht, seit Papst Benedikt XVI. wenige Wochen nach seinem Amtsantritt am 6. Juni vorigen Jahres folgenden scheinbar völlig traditionellen Satz verkündete: »Von daher wird ganz klar, wie sehr es der menschlichen Liebe, der tiefen Berufung von Mann und Frau widerspricht, ihre Verbindung systematisch gegen das Geschenk des Lebens zu verschließen und noch mehr, das werdende Leben zu beseitigen oder zu verletzen.«
Überraschend wirkte damals der Einschub des Wortes »systematisch«. Was also, wenn sich Mann und Frau nicht mehr systematisch gegen jenes Geschenk verschließen, sondern nur noch situativ? Seither hält das Raunen an, ob mit diesem Wörtlein gewisse Lücken in die bisher so fest gemauerte moraltheologische Position geschlagen werden sollten.
Was immer nun der Papst aus der ihm vorgelegten Studie machen wird, die Frage bleibt: Was bringt’s – für die einzelnen Menschen wie für die Menschheit? Auf der individuellen Ebene wird man, jedenfalls in der modernen Welt, kaum jemanden finden, der sich in jüngster Zeit noch vom römischen Totalverbot der »künstlichen« Familienplanung beeindrucken ließ. Hier wirkte eher das Beharren der katholischen Kirche auf ihrer Position künstlich. Überall dort aber, wo der Heilige Stuhl als Völkerrechtssubjekt auftritt, etwa auf UN-Konferenzen, die auf einstimmige Beschlüsse angewiesen sind, hatte Rom bisher alle Initiativen zur Familienplanung (angesichts des massiven Bevölkerungswachstums) ebenso wie bei der Aids-Eindämmung blockiert.
Vielleicht wird sich dies nun wenigstens bei der Bekämpfung der Pandemie ändern. Ansonsten bleibt gegenüber einer solchen kasuistischen Moraltheologie die scholastisch-spitzfindige Rückfrage: Muss man erst Aids haben oder die Ansteckung befürchten (oder die Furcht vorschützen) – um ein Kondom benutzen zu dürfen?
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- Datum 01.12.2006 - 02:16 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49
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Durch die weltweite Propagierung des Kondomverbots hat sich der Vatikan eine schwere Schuld aufgeladen. Man kann es nicht leugnen: die Verbreitung von HIV und AIDS gerade in jenen Gebieten der Welt, wo der letzte Papst unentwegt das Kondomverbot predigte, ist ungeheuer. Gewiss ist das nicht der alleinige Grund, doch ist sich der Vatikan dieser Tatsache jetzt offensichtlich bewusst und versucht, noch schlimmere Konsequenzen zu vermeiden. Better late than never.
Schöner Kommentar.
....vielleicht reicht auch schon die Syphilis aut simile.
Angesichts der Tatsache dass alle (auch 'echt' gläubigen!) Katholiken die ich kenne, sowohl aus Deutschland, Polen und Italien, alle Geschlechtsverkehr mit empfängnisverhütenden Maßnahmen betreiben, auch vor der Ehe, wundert es mich, dass der Vatikan sich immer noch derartig querstellt. Irgendwann reicht es doch auch mit der Scheinheiligkeit?!
Die katholische Kirche hat über 350 Jahre gebraucht, um Galileus Galilei zu rehabilitieren !
Im Jahre 2006 nach Christi macht sie sich vorsichtig Gedanken, ob das Kondom vielleicht nicht doch möglicherweise unter ganz bestimmten Bedingungen, in extremen Ausnahmefällen, nach vorheriger ausführlicher Gewissenbefragung und sorgfältigster Abwägung aller ethischer, moralischer Argumente erlaubt werden kann, um die Ausbreitung von AIDS einzudämmen !!
Entschuldigung, aber das kann ich nur als lächerlich und weltfremd bezeichnen. Die katholische Kirche hat ein Problem, ernst genommen zu werden.
Bemerkenswert, dass der Artikel in dem Kontext zur Kirche unter der Rubrik Gesundheit erscheint.
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