Bosque ist ein Dorf, irgendwo in Argentinien. Bosque heißt Wald, aber nirgendwo ist Wald zu sehen. Muto kommt mit dem Auto aus der Hauptstadt. Kurz bevor er Bosque erreicht, beobachtet er zwei Männer. Sie springen auf einen langsam fahrenden Güterzug, in dem Vieh transportiert wird. Sie fesseln eines der Tiere und schneiden Fleischstücke aus ihm heraus, die sie aus dem Zug werfen. »Der Waggon mit den beiden Männern verschwand in der Kurve, und es war nur noch das langsame Hingleiten des Zuges und das laute Wehklagen des Tieres unter dem Himmel wahrzunehmen.« Eine Szene wie aus einem Western. Ein gleichgültiger Himmel, darunter winzige Bewegungen. Diesen Himmel vergisst man nicht.

Anderthalb Jahre bevor Muto nach Bosque fährt, waren vier Männer aus der Hauptstadt hierher gereist. Am Abend ihrer Ankunft wurden sie Zeugen einer Verarschung. Unter dem hämischen Jubel der Dorfjugend hatte man den Dorftrottel Pedro mit einer herbeigeholten Nutte verheiratet – zum Schein. Am nächsten Morgen hatten die vier die Bank ausgeraubt. Doch es war ihnen nicht gelungen, aus dem Dorf herauszukommen. Sie hatten Bosque herausgefordert und nicht einmal die folgende Nacht überlebt. Noch eine Nacht – so heißt Antonio dal Masettos Roman dieser Begebenheit, erschienen im Frühjahr 2006 (Rotpunktverlag, Zürich; 280 S., 22,– €) – ist eine Erzählung über Gewalt. Über die verborgene, heimliche Gewalt, die im ehelichen Schlafgemach begangen wird, und über die Gewalt, die ans Licht des Tages bricht, wenn sich genug davon angestaut hat und die passenden Opfer verfügbar sind. In Dal Masettos wunderbar lakonischer Sprache, die Susanna Mende glänzend ins Deutsche übertragen hat, wirkt jeder einzelne Gewaltakt zugleich natürlich, notwendig und grotesk. In der Kälte und Gleichgültigkeit seiner Beobachtungen lösen sich die üblichen Erklärungen psychischer oder sozialer Ursachen auf.

Noch eine Nacht war die Tragödie, auf die – dank dem leserfreudigen Timing des Verlages – jetzt mit Blut und Spiele (aus dem Spanischen von Susanna Mende; 240 S., 19,80 €) die Farce folgt. Muto hat in einer Illustrierten vom Ende der Bankräuber gelesen. Auf der Liste der Toten hat er seinen alten Feind Dante entdeckt, der ihm die Frau ausgespannt hat. Muto ist ein Mann, der gerne den Dingen ihren Lauf lässt und dabei zuschaut. Aus einer Laune heraus gibt er vor, einen Film über die Ereignisse vor anderthalb Jahren drehen zu wollen, mit den Akteuren von damals als Darstellern. Kaum ist das Gerücht herum, bieten sie sich an: die nymphomane Schulleiterin, die sich von ihrem Neffen quälen lässt, der Bankdirektor mit seiner Zinnsoldatensammlung, Rechtsanwalt Varini, der seinerzeit die Jagd nach den Bankräuber dazu genutzt hatte, seine Frau zu töten, der gelähmte Ingenieur Zamudio, der von seinem Lager aus auf alles schießt, was sich bewegt. Alle wollen eine Rolle spielen. Schon der Anblick von Mutos gezückter Nikon, in der gar kein Film ist, lässt sie posieren. »Im Grunde war Bosque ein Dorf wie viele andere, klein und apathisch, von träger Geschäftigkeit und mit geregeltem Tagesablauf.« Doch Mutos Anwesenheit wirkt als Katalysator. Mit der Lust, sich zur Schau zu stellen, regen sich auch die anderen Triebe: Quällust, Mordgier, Rachsucht. Das Dorf als Spiegel der Gesellschaft, das ist nichts Neues. Aber Dal Masetto, der als 12-Jähriger aus Italien nach Argentinien emigriert ist, hat Gesellschaft als Außenseiter gelernt. Sein Fazit, nachzulesen in zwei bösen Romanen voll grimmigem Humor: Nichts ist leichter zu bewerkstelligen als der Wechsel vom Frieden zur Gewalt. Ein Gerücht, eine Nikon – und schon fallen sie übereinander her. Willkommen in Bosque. Tobias Gohlis