Was geht ab?

Im Tiefschnee fahren wollen viele. Das Risiko kennen nur wenige. Im bayerischen Hindelang lehrt ein Lawinenkurs, worauf man achten muss Von Ulla Hanselmann

Marc Burgäzi stolpert über die bierkistengroßen Schneeklumpen. Mit seinen Skistiefeln kommt er in dem Lawinengeröll nicht so schnell voran, wie er will. Das Suchgerät in seiner Hand sendet helle Piepstöne. Der 33-Jährige schwenkt den Arm nach rechts, die Leuchtdioden blinken rechts über dem Display – also muss er in diese Richtung weitergehen. 10, 8,3, 5,6 – die Distanz wird geringer, das Piepsen schneller, lauter. Marc hält das Gerät dicht über die Schneedecke und zeichnet immer wieder ein imaginäres Kreuz nach. 1,1, 1,0, 0,9… Er sticht die Lawinenschaufel in den Schnee und fängt an zu graben. Dann reißt er den Arm in die Höhe. In der Hand hält er den Beutel mit dem auf Sendebetrieb geschalteten Piepser, den Bergführer Patrick vergraben hatte.

Ein Blick auf die Uhr. Sieben Minuten. »Ein Verschütteter überlebt höchstens 15 Minuten in einer Lawine«, hatte Patrick vor der Übung in einem schon vor Tagen abgegangenen Schneebrett erklärt. Es hätte also gut gereicht. Theoretisch. Aber meist verstreicht schon jede Menge kostbare Zeit, bis die Skifahrer, die von einer Lawine verschont wurden, ihren Schock überwunden haben und mit der Suche anfangen. Vorausgesetzt, sie und die Verschütteten sind überhaupt mit einem Piepser auf Tour gegangen. Marc war bislang immer ohne im Tiefschnee unterwegs. Kein Suchgerät der Welt hätte ihn orten können.

Das gilt für fast alle der sieben Teilnehmer des zweitägigen Lawinenkurses, mit denen sich der Hindelanger Ski- und Bergführer Patrick Jost an diesem Wochenende im Tannheimer Tal tummelt. Hervorragende Skifahrer um die dreißig, die es immer öfter ins ungesicherte Gelände zieht – und die von den Gefahren hinter den Pistenabsperrungen bislang nur wenig Ahnung hatten. Oder sie einfach ignorierten.

Sie sind typische Vertreter der neuen Wilden und Stillen im Gebirge – der steigenden Zahl von Freeridern und von Tiefschneefans, die Touren gehen wollen. Deren Lawinenkenntnisse seien häufig erbärmlich, erzählt Patrick. »Die meisten haben ein diffuses Halbwissen aus den Medien.« Deshalb steht außer der Verschüttetensuchübung auch das trockene Einmaleins der Lawinenkunde auf dem Lehrplan.

Samstagmorgen, halb neun. Der Bergführer mit dem schmalen Lausbubengesicht lässt die Truppe an der Liftstation in Schattwald den aktuellen Lawinenlagebericht studieren und macht sie mit den fünf Gefahrenstufen vertraut. Den heutigen Tag hat die bayerische Lawinenwarnzentrale mit 2 eingestuft, »mäßige Lawinengefahr« also. Im Bericht ist von »Gefahrenstellen oberhalb von 2000 Metern in eingewehten Hangzonen, vorwiegend im kammnahen Steilgelände der Hangrichtungen West über Nord bis Nordost sowie in triebschneeverfüllten Rinnen und Mulden«, die Rede.

Was das bedeutet und warum dort die Lawinen lauern, das will der Allgäuer seinen Gästen beibringen. Zuerst aber zielt er mit ein paar schlichten, jedoch ergreifenden Wahrheiten auf den Bauch seiner Zuhörer. »Es ist Wochenende, die Sonne scheint, davor hat es tagelang geschneit, es herrscht Gefahrenstufe 3, und die Gruppe ist so lustig wie schon lang nicht mehr – dann knallt’s, da kann man drauf setzen. Und am Montag stehen dann wieder die Meldungen über die Lawinentoten in den Zeitungen«, so Patricks Kurzfassung des Dramas, das sich jeden Winter in den Alpen dutzendfach wiederholt. »Wahrnehmungsverzerrung« sei für die meisten Lawinenunfälle in den Alpen mit ihren jährlich etwa 110 Toten verantwortlich. Oft säßen die Todeskandidaten fatalen Irrtümern auf. Einer lautet: Sind schon Spuren im Hang, kann man getrost auch reinfahren. Genauso verhängnisvoll und weit verbreitet sei der Unverwundbarkeitsglaube – »uns kann doch nichts passieren!«.

Vom Glauben hält Patrick im Hochgebirge gar nichts. Deshalb heißt es: möglichst viel Faktenwissen zusammentragen, über das Gelände, die Schneedecke, die Gefahrenstufe, die Wetterlage und das Können der Skifahrer, und sich dann ein Urteil bilden. Hundertprozentige Sicherheit könne es dabei allerdings nie geben, auch nicht, wenn man noch so viel Erfahrung habe. »Denn die«, so bläut er ihnen noch einmal ein, »nützt überhaupt nichts, wenn ihr die aktuellen Fakten nicht kennt! Eine Lawine kann man nicht riechen, schmecken oder sonst irgendwie spüren.«

Den Satz haben Marc und die anderen noch ihm Ohr, als der Skilehrer ihnen in dichtem Schneetreiben an der Bergstation zeigt, wie man die Felle auf die Skier zieht und die Tourenbindung handhabt. Anfangs folgen sie noch etwas unbeholfen der Spur, die der Kursleiter in den tiefen Schnee zieht, und merken schnell, wie schwer es ist, das unbekannte Gelände einzuschätzen. Ist das nun ein Nord- oder ein Südhang, über den sie stapfen? Und wie steil ist er überhaupt? Wer sich hinter die Pistenabsperrungen begibt, sollte eine Antwort darauf haben. Schließlich sind Hangrichtung und Steilheit neben der Gefahrenstufe die wichtigsten Faktoren für die Beurteilung der Lawinengefahr. »Der Schnee fällt überall gleich. Aber an einem Südhang setzt er sich an einem schönen Tag viel schneller als an einem Nord- oder Nordosthang«, klärt Patrick auf. »Aber Vorsicht: Das gilt natürlich nicht, wenn’s drei Tage Nebel gab.«

»Was meint ihr, wie viel Grad hat der Hang, über den wir gerade gehen?« 25 Grad? 35? Die Kursteilnehmer liegen mit ihren Schätzungen weit auseinander. 30 Grad, so Patrick, sei die magische Grenze; von allem, was steiler ist, solle man bei einer höheren Gefahrenstufe fernbleiben. Damit sie sich in Zukunft nicht auf Mutmaßungen verlassen müssen, bringt er seinen Schülern bei, wie man die Neigung des Geländes misst. Marc legt seinen Skistock auf die Schneedecke und setzt den Kompass darauf. Das Pendel zeigt auf die Ziffer 30 in der kreisrunden Gradskala.

Beim Steigen lässt Patrick die Gruppe Sicherheitsabstände von gut 20 Metern einhalten, um die punktuelle Belastung am Hang zu verringern und so genannte Hot Spots zu schonen, »empfindliche Punkte in der Schneedecke, die wie eine Art Lawinenzünder funktionieren« und der Grund dafür sind, dass der Hang vielleicht bei drei Skifahrern noch hält, beim vierten aber abgeht.

In einer Mulde werden die Lawinenschaufeln ausgepackt, um einen Schneeblock auszugraben und den Schneedeckenaufbau zu studieren. Denn Art, Abfolge und Verbindung der einzelnen Schichten entscheiden über die Stabilität der Schneedecke. Der Bergführer schneidet mit einem Taschenmesser eine vertikale Linie durch den Schnee. Zunächst muss er viel Druck auf die Klinge ausüben, dann rutscht sie mühelos durch eine weiche Schicht. »Weich auf hart, hart auf weich, das sorgt für eine schlechte Verbindung«, prägt er seiner Gruppe als eine der Grundregeln ein. Dann macht er sie noch auf die Gefahr von Triebschnee aufmerksam – spannungsreichem, gebundenem Schnee, der mit viel Wind gefallen ist und oft in Rinnen, Mulden und unterhalb von Kämmen im Lee zu finden ist. »Bei einer Neigung von mehr als 30 Grad bricht der bei Belastung weg wie Knäckebrot.«

Hot Spots, Triebschnee, Wahrnehmungsverzerrung – als die Lawinenschüler wieder in Patricks Van sitzen und nach Hindelang zurückfahren, wirbeln ihnen die Begriffe wie Schneeflocken bei Sturmwind im Kopf herum. Im anschließenden Theorieteil im Seminarraum des Hotels Sonne sorgt Patrick dafür, dass sich das Lawinenwissen in ihren Köpfen zu setzen beginnt. Er wiederholt die Grundlagen der Schneekunde und weist auf die häufigsten Fehler hin.

Zum Schluss ist Kopfakrobatik angesagt: Patrick erklärt ihnen die Reduktionsmethode nach Munter – eine Rechenformel, mit welcher der Schweizer Philosoph Werner Munter Anfang der neunziger Jahre das Risikomanagement in die Lawinenkunde einführte. Sie basiert auf der ernüchternden Erkenntnis, dass das menschliche Wissen nie ausreichen kann, um die Tragfähigkeit eines Hangs sicher zu beurteilen. Also gelte es, so schlussfolgerte Munter, das Risiko zu akzeptieren – und mit Hilfe der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu begrenzen. Dazu ordnet Munter dem jeweiligen Lawinengefahrengrad und den so genannten Reduktionsfaktoren – Steilheit und Geländeausrichtung – Zahlenwerte zu, die nach der Formel »Gefahrenpotenzial : (Reduktionsfaktor x Reduktionsfaktor)« miteinander verrechnet werden. Als akzeptiertes Restrisiko gilt ein Ergebnis unter eins.

Patrick gibt ein Beispiel: »Wir haben Gefahrenstufe 2. Sie erhält laut Munter-Tabelle den Wert 4. Vor uns liegt ein Hang, der nicht steiler als 35 Grad ist, dafür ist der Reduktionsfaktor 3 angesetzt. Und der Hang ist kein Nordwest-, Nord- oder Nordosthang, das bedeutet Faktor 2. Also rechnen wir 4 : (3 x 2) = 0,66. Der Hang ist befahrbar.«

Skepsis liegt in den Mienen der erschöpften Skifahrer. Mathematik beim Abenteuer Tiefschnee – wie passt das zusammen? Doch als Patrick sie die Streckenabschnitte der morgigen Tour nach Munter berechnen lässt, wird ihnen schnell bewusst: Die Rechenmethode ist ein überzeugendes Instrument, mit dem sich die schwierige Frage, ob man sich in einen Hang hineinwagen kann oder nicht, klar beantworten lässt. »Gerade für Anfänger ist sie gut geeignet«, sagt Patrick, »denn sie gibt ihnen eine Entscheidungshilfe, ohne dass sie die Zusammenhänge verstehen müssen.«

Am nächsten Morgen ist die Mathematik für kurze Zeit vergessen. Die Kursteilnehmer genießen die winterliche Stimmung in dem stillen Tal, in dem die Tour auf den 2043 Meter hohen Ponten beginnt. Es hat geschneit, auch jetzt noch stieben die Flocken. Bergführer Patrick tritt seine Rolle ab – und lässt die einzelnen Schüler führen. Die Übung erfüllt ihren Zweck. Den Anfängern wird bewusst, dass es alles andere als einfach ist, sich im unbekannten Terrain bei wenig Sicht zurechtzufinden, eine Spur so anzulegen, dass sie dem Gelände angepasst ist und gleichzeitig nonstop Risikoabschätzung zu betreiben.

So viel ist klar: Marc wird sich nicht mehr gedankenlos jeden erstbesten Tiefschneehang hinunterstürzen und auf sein Glück vertrauen. Er weiß jetzt, dass er es schon zu oft beansprucht hat.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49
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