Man muss wohl Schweizer sein, um so einen Film zu drehen. Mit einem gewaltigen Berg, der über Sehnen und Leiden, Streiten und Lieben, kurz: über allem menschlichen Gewurschtel thront. Wie ein ewiges Ausrufungszeichen ragt der Berg in Thomas Imbachs Film in die Ewigkeit, während sich an seinem Fuß eine sehr privates, in feinste Seelenverästelungen reichendes Drama entspinnt. Es handelt von einem Vater, der überraschend seinen Sohn in den Ferien besucht. Von einem Mann, der seine Frau zurückgewinnen will. Von einem Künstler, der auf den Spuren von Georg Büchners Lenz verzweifelt versucht, dem Wirklichkeitsverlust zu entgehen, indem er euphorisches Naturerleben, aber auch menschliche Nähe bis zur Selbstaufgabe sucht. Unter allen Gipfeln ist Gewurschtel – Lenz (Milan Peschel) und die Ex-Frau (Barbara Maurer). BILD

Lenz (Milan Peschel), Ende dreißig und Filmemacher aus Berlin, fährt zu seinem neunjährigen Sohn Noah (Noah Gsell) in eine Skihütte bei Zermatt. Das Kindermädchen ist nicht begeistert, die Mutter (Barbara Maurer) am Telefon noch weniger. Doch Lenz kommt und bleibt. Es beginnt eine ausgelassene Zeit des Skifahrens und Tobens, des Spielens und Witzelns, des ganz banalen Vater-Sohn-Seins. Mit der Ankunft der Mutter wird die Kleinfamilie komplett. Ihre misstrauischen Blicke, kleine Irritationen, ein hin und wieder gereizter Ton verraten jedoch, dass die Skihüttenidylle zerbrechlich ist. Lenz’ Überschwang, seine immer wieder hervorbrechende Unsicherheit und seine exzessiven Ausflüge in die nächtliche Schneelandschaft verdichten sich zu einem schleichenden Zusammenbruch. Ein neues Filmprojekt wird angedeutet, das in der Krise stecken geblieben ist oder nie angefangen wurde. Es ist die Krise eines Künstlers, dem die Grenze zwischen sich und der Welt abhanden gekommen ist.

Wie ein Drogensüchtiger überlässt sich Lenz dem Sog des Gebirges. Aus seiner Wahrnehmung filmt Imbach die nebligen, manchmal beklemmend düsteren Hänge rund um Zermatt. Die Lichtwechsel, die sich den manisch-depressiven Stimmungsschwankungen des Helden angleichen. Und immer wieder das Matterhorn, ein in metaphysische Höhen wachsendes Felsmassiv, das sich den Wolken und Winden entgegenzustellen scheint. Immer tiefer lässt sich der Zerrüttete von der Landschaft in andere, abseitige Gefilde ziehen. Er unternimmt wilde nächtliche Schlittenfahrten und Wanderungen, die im eiskalten Gletscherfluss enden. Morgens liegt er erschöpft und verwirrt im Schnee. »Er war sich selbst ein Traum«, heißt es bei Büchner.

Der großartige Milan Peschel spielt Lenz mit der Unruhe des Verzweifelten. Als Vater und Künstler, dessen Verhältnis zur Welt zwischen Verschmelzungsfantasien und schwärzester Einsamkeit, rauschhaftem Naturerleben und der Sehnsucht nach Geborgenheit schwankt. Ein Iglu, das er eigentlich im Spiel für seinen Sohn gebaut hat, wird für den Filmemacher ohne Film zum Kokon und Rückzugsort. Hier hallen in leicht ironisierter Form die büchnerschen Kunstdiskurse nach, an deren Widersprüchen auch Imbachs Held letztlich zerbricht. In der Novelle tritt Lenz im Streit mit dem Dichter Christoph Kaufmann gegen die idealistische Abstraktion und für eine unmittelbare Kunst ein, in der »das Gefühl, dass was geschaffen sei, Leben habe«, einziges Kriterium sei. Aber ist eine rein menschliche, distanzlose Kunst möglich? Bei Imbach findet der Disput eine schöne Entsprechung durch den Besuch einer ungeduldigen Produzentin, die Lenz im Eremiten-Iglu aufsucht. »Was macht man mit der Traurigkeit?« fragt Lenz, ganz eins mit seiner mitfühlenden Künstlerexistenz. »Mach wieder Filme und nicht diese Scheiße hier oben«, sagt die Produzentin.

Im Bademantel irrt der Held durch den Wahnsinn des Skizirkus

Auf seiner Suche nach einem modernen Seelenverwandten von Büchners Krisenfigur kommt Imbach dem manchmal abgehackten, jeden Zeitfluss auflösenden Duktus der büchnerschen »Psychosensprache« auf intuitive Weise nahe. In der Skihütte etwa rückt die Kamera den Figuren so sehr auf den Leib, dass sie unsichtbar wird. Sie folgt ihnen in Küche, Badewanne, Schlafzimmer und Bett. Sie verweilt auf Lenz’ nervösen Augen und Händen, fährt an sein Gesicht heran, zerstückelt die engen Räume, die Körper und Blicke. Dabei stellt sich jene irritierende Intimität und Unmittelbarkeit ein, die zu den seltenen Glücksfällen digitaler Kamera-Arbeit gehört. In der Landschaft wiederum wechselt Imbach zu tableauhaften Einstellungen und gelangt damit zu jener »mächtigen Ruhe«, die bei Büchner teils beruhigend, teils bodenlos bedrohlich wirkt.

Natürlich ist ein Film, der die Schweizer Winter- und Skilandschaft mit der Überempfindsamkeit eines Manisch-Depressiven wahrnimmt, auch ein Stück Heimatkino. In Lenz wird das autolose Skistädtchen Zermatt zum Jenseitsort, bevölkert von Zombies in Schneeanzügen. Wenn Lenz im Bademantel durch die Straßen irrt, Touristen belästigt oder wildfremde Passanten auf ein Süppchen einlädt, dann ist er nur ein weiterer Besucher im großen Panoptikum des globalisierten Skitourismus. Zwischen Glühweinpartys und Massenabfahrten, Andenkenläden und kitschigen Ferienwohnungen stellt Lenz die leise Frage, ob sich kreative Obsession und Künstlerwahnsinn in einer so natürlich durchgeknallten Umgebung auch einfach erübrigen könnten.