Fotografie Wo Bilder zu Waffen werden
250 Jahre Kriegsberichterstattung. Ein Sammelband informiert über Reporter an der Front.
Kriegsberichterstattung ist ein ebenso prestigeträchtiges wie berüchtigtes Gewerbe. Dieses Doppelgesicht ist eine Folge der zweifachen Aufgabe: Kriegsreporter sollen den Krieg darstellen und gleichzeitig viele seiner Aspekte verschleiern und verharmlosen. Karl Kraus hat die janusköpfige Figur des Kriegsberichterstatters prägnant charakterisiert: »Stellt uns den Krieg vor. Stellt sich vor den Krieg.«
Die im 18. Jahrhundert einsetzende »Leserevolution« beflügelte das Pressewesen. Ein Nebeneffekt: Fortan mussten sich politisch Verantwortliche, die Kriege führen wollten, zwei Fragen stellen: Wie kommt der Krieg in die Köpfe derer, die ihn aushalten beziehungsweise bezahlen sollen? Und: Welches Kriegsbild ist geeignet, die Bürger für den Krieg zu mobilisieren? Die Kriegsberichterstattung spielte und spielt bei der Beantwortung der beiden Fragen eine zentrale Rolle. Der von der Braunschweiger Historikerin Ute Daniel herausgegebene Sammelband mit dem Titel Augenzeugen enthält neun Beiträge zur Kriegsberichterstattung vom Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) bis zum jüngsten Irak-Krieg sowie eine äußerst hilfreiche Auswahlbibliografie, in der Sekundärliteratur, Frontberichterstattung und Quellen umsichtig kommentiert werden.
Wie stark die Kriegsberichterstattung nicht nur von politischen Zielen und Interessen abhängt, sondern auch von der Struktur und Leistungsfähigkeit der verfügbaren Kommunikationstechniken und Informationsmedien, zeigt Andreas Gestrich am Beispiel des Siebenjährigen Krieges für die kaiserliche Seite am Wienerischen Diarium. Die Zeitung erschien zweimal wöchentlich und umfasste acht Seiten. Die Berichte stammten aus den Hauptquartieren der eigenen Armee und waren von dort lange unterwegs, bis sie in Wien so redigiert und selektiert werden konnten, dass sie der kaiserlichen Regierung als »Sprachrohr« taugten.
Der Krimkrieg (1853 bis 1856) ist in zweifachem Sinne der erste moderne Krieg. Neue Waffen, darunter schwere Artillerie, ermöglichten eine bislang unbekannte Brutalisierung der Kriegführung, wodurch die Zahl der Toten und Verletzten stark anstieg. Das elende Schicksal der Verletzten mobilisierte die Großfürstin Helena Pavlovna auf russischer und Florence Nightingale auf englischer Seite. Die medizinische Pflege von verletzten Soldaten sollte unabhängig von deren Armeezugehörigkeit verbessert werden. Der Krimkrieg war auch modern in dem Sinne, dass er von professionellen Journalisten und Fotografen begleitet wurde, die berichteten, was sie erfuhren beziehungsweise sahen. Für die Londoner Times schrieb William Howard Russell über militärische Operationen, aber auch über erhebliche Missstände bei der Versorgung der Truppe. Der technische Standard der Kameras und deren Gewicht engten den Aktionsradius der Fotografen stark ein. Sie beschränkten sich auf Landschaftsaufnahmen und Fotos zum soldatischen Lagerleben. Im Medium Fotografie findet der Krieg noch nicht statt. Mangels geeigneter Stoffe erfand Russell einen »tatarischen Kurier«, der die Botschaft von der Erstürmung der Festung Sewastopol durch englische und französische Truppen mit sich getragen habe und abgefangen worden sei. Auf diese Erfindung geht der Begriff »Tatarenmeldung« zurück.
Die Times war zunächst gegen, dann für den Krieg. Ute Daniel legt dar, dass die Wende nicht auf politischen Druck oder wegen der Zensur erfolgte, sondern aus wirtschaftlichen Gründen: Das Novum von Berichten direkt aus dem Kriegsgebiet steigerte die Auflage, unabhängig von der Haltung der Zeitung zum Krieg. Zur Solidarität mit den verwundeten Soldaten und zur Verbesserung ihrer medizinischen Versorgung trugen die Aktionen von Florence Nightingale viel, die Zeitungen wenig bei.
Der erste Krieg, in dem das Medium Fotografie nicht mehr nur eine Nebenrolle spielte, war – wie der Beitrag von Andreas Steinsieck zeigt – der Südafrikanische Krieg (1899 bis 1902). Seit um die Jahrhundertwende die handlichere Kodak-Brownie auf dem Markt war, wurden auch Bilder von den Schlachtfeldern (und nicht nur aus Feldlagern) möglich. Die Berichterstatter – darunter so renommierte wie Winston Churchill, Rudyard Kipling und Edgar Wallace – unterlagen zwar einem Akkreditierungszwang und der militärischen Vorzensur auf dem Kriegsschauplatz. Aber sie wie auch die Zensoren entstammten der gleichen sozialen Elite und arbeiteten wie Gentlemen zusammen. Die Selbstzensur funktionierte. Vereinzelt machten Journalisten den Zensoren sogar Vorschläge, wie man die Zensur effizienter gestalten könnte. Das Neue in der britischen Kriegführung – die Zivilbevölkerung wurde immer weniger verschont – blieb in den Zeitungsberichten ausgespart. Über die concentration camps, die die britische Armee einrichtete, berichtete zuerst die freiwillige Sanitäterin Emily Hobhouse, nicht Journalisten.
Gerhard Paul führt in seinem Beitrag über den Spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) aus, wie stark kleinere Kameras mit verbesserten Linsen (Leica, Rolleiflex, Contax) und der Boom von Illustrierten den Markt für Fotografen vergrößerten. Der Spanische Bürgerkrieg bildet insofern »eine Zäsur in der Geschichte der Kriegsberichterstattung«, als beide Seiten mit Bildern auch einen Medien- und Propagandakrieg führten, in dem Kameras zu »politischen Waffen« wurden.
Auch die Beiträge zum Ersten und Zweiten Weltkrieg (Almut Lindner-Wirsching und Kay Hoffmann) informieren vorzüglich. An Hoffmanns Aufsatz wird deutlich, welchen qualitativen Sprung die Professionalisierung und die Einbettung der Kriegsberichterstatter in militärische Strukturen bedeutet: Aus dem Propagandaapparat wurde eine riesige Propagandamaschinerie. Der herausragende unter den durchweg guten Artikeln des Sammelbandes stammt von Lars Klein und befasst sich mit der Berichterstattung zum Vietnamkrieg der USA (1964 bis 1975). Auf solider Quellenbasis und mit starken Argumenten zerstört er zwei Legenden. Die eine streute das Gerücht, nicht die Vietnamesen, sondern die eigenen Medien seien der Feind. Mit der zweiten Legende wurde den Vietnam-Korrespondenten nachgesagt, sie hätten das Ende des Kriegs herbeigeführt. Die erste Legende beruht schlicht auf Regierungspropaganda, wie Klein im Detail zeigt. Die zweite dagegen lebt von einer nachträglichen Selbststilisierung der beteiligten Journalisten zu Helden. Die Kriegsgegner im FBI, ohne die es keinen Watergate-Skandal gegeben hätte, und die Proteste der Studenten- und Friedensbewegung waren für das Kriegsende entscheidender als der Einfluss der Kriegsberichterstattung, die zwar Fehler und Verbrechen aufdeckte, aber den Krieg zu keinem Zeitpunkt grundsätzlich infrage stellte.
Zum Thema
Kriegsreporter
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Ein Erfahrungsbericht von Ulrich Ladurner »
- Datum 29.11.2006 - 02:21 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49
- Kommentare 1
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Ob sich die Kriegsfotografen des Vietnamkrieges nun nachträglich selbst zu Helden stilisiert haben oder nicht, ist wohl zeitrangig. Fakt scheint zu sein, dass es ohne ihre Bilder weder die Kriegsgegner im FBI, noch den Watergate-Skandal gegeben hätte. Denn die Proteste der Studenten- und Friedensbewegung, die für das Imageproblem der Regierung Nixo verantwortlich und also für das Kriegsende entscheidend waren, wären in ihrem ganzen Ausmaß undenkbar gewesen, hätten die Bilder schreiender nackter Kinder und mit Kopfschüssen getöteter Partisanen die Menschen in den westlichen Demokratien nicht so stark emotionalisiert. Eine Berichterstattung braucht einen Krieg nicht in Frage zu stellen, den ihn Bilder veruteilen. Der Mensch ist noch immer in erster Linie ein Augentier .
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