Die Wintermacher Der Pistenraupenfahrer

Siggi Trenkwalder, 30, St. Anton

Was er anrichtet, der Skifahrer, tagsüber, wenn er die Hänge runterschießt und schwingt und wedelt und juchzt – davon hat er ja keine Ahnung. Aus der Sicht von Siggi Trenkwalder macht der Skifahrer vor allem eins: Er befördert Schnee von oben nach unten. Jede Abfahrt bedeutet für die Piste ein kleines Desaster. Hunderte, Tausende von Abfahrten führen zum großen Desaster: Oben fehlt der Schnee, unten stapelt er sich. Dann geht der Skifahrer zum Après-Ski – und Trenkwalders Sisyphusarbeit beginnt: Schneeschieben.

Siggi Trenkwalder ist Pistenraupenfahrer. Hierarchisch korrekt: Betriebsleiter Fuhrpark Pistengeräte in St. Anton am Arlberg, Österreich. 30 Jahre jung, schon 25 Mann unter sich, jedenfalls im Winter. Außerhalb der Saison schraubt er mit reduzierter Mannschaft an den monströsen »Geräten«, und der Job ist locker. Doch von Dezember bis Ende April herrscht Stress.

Kaum sind die letzten Abfahrer von der Piste verschwunden, wirft Trenkwalder sein 330-PS-Kettenfahrzeug an, zirkelt es aus der Garage, wo die am Heck montierte fünf Meter breite Fräse so eben durchs Portal passt, und verschwindet in der Einsamkeit der Nacht. Er hakt die Raupe bei der Piste mit einem Seil in einer soliden Verankerung ein, lässt sich talwärts ab und beginnt, mit dem mächtigen Schild den Schnee in Position zu bringen. Ebnet hier ein Hügelchen ein, füllt dort ein Loch, und wo er ein bisschen Schnee übrig hat, legt er Depots an. Für schlechte Zeiten. Nein, so eine Piste ist nicht mehr das natürliche Produkt der meteorologischen Spezialität Schneefall. Der Schnee kommt aus der Kanone. Und wo er am nächsten Morgen liegt, entscheidet Trenkwalder. Der Pistenraupenfahrer nimmt keine Schönheitskorrekturen vor: Er betreibt Schneemanagement.

Der Arbeitsplatz ist einigermaßen komfortabel. Beheizte Kabine, körperfreundlicher Sessel, Stereo. Trenkwalder steht nicht auf Humba tätärä und Anton aus Tirol, er hört lieber Reggae. »Vom lustigen Leben kriegen wir nichts mit«, sagt er, »das überlassen wir den Skilehrern.« Außerdem muss er Acht geben. Der Schrecken der Pistenraupenfahrer sind die nächtlichen Tourengeher, die mit untergeschnalltem Fell und besonders bei Vollmond die Pisten raufkraxeln, um später fröhlich abzufahren. Und schlimmstenfalls über das bis zu einem Kilometer lange Halteseil der Pistenraupe zu stürzen. Im Übrigen sind die Nächte nicht immer sternenfunkelnd. Es gibt Nebel, da kann man sich regelrecht verirren. Oder es kommt zur Begegnung mit frischem Naturschnee. Ist der pulvrig und tief, findet nur der Erfahrene den richtigen Weg. Man kann auch ins Rutschen kommen. Sogar umkippen. Ist das also ein gefährlicher Job? »Ich finde nicht. Eine Hausfrau lebt gefährlicher.« Im Alltag gibt es vor allem eine Gefahr: dass der Sprit ausgeht. Wem das passiert, der muss den Kollegen eine Kiste Bier ausgeben.

Ist die Schneedecke erst einmal prinzipiell okay, kommt der ästhetische Teil der Arbeit. Über Funk ruft Trenkwalder zwei Kollegen herbei, zum »Finishen«. In Formation fahren drei Pistengeräte nebeneinander die Piste talwärts. Sie fräsen das »Pistenbild«, jenen Idealzustand, den der Skifahrer am nächsten Morgen für selbstverständlich hält. Die Oberfläche soll fein krümelig sein, mit leichter Rippenstruktur, die ein hinter der Fräse herlaufender Gummilappen in den Schnee prägt. Am Ende liegt der Schnee »wie ein Teppich da, ohne Falten«.

Um Mitternacht ist Feierabend. Dann wird im Sozialraum des Betriebshofs noch ein wenig geschwatzt. Die Kollegen, die von weiter her kommen, verziehen sich auf die Übernachtungszimmer, Siggi Trenkwalder fährt nach Hause ins 20 Kilometer entfernte Landeck. Die Freundin, so viel verrät er, ist nicht nur begeistert über die Nachtarbeit. Zum Glück ist nicht immer Saison.
Burkhard Strassmann

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    • Quelle DIE ZEIT, 30.11.2006 Nr. 49
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    • Schlagworte Tirol | Tourismus | Schnee | Österreich | Reggae | Saison | Wintersport | St. Anton
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