Schwerindustrie Die weiche Seite des Stahls

Dank der heißlaufenden Stahlkonjunktur steht ThyssenKrupp so gut da wie noch nie. Das Problem: Die Konzernspitze tut so, als währe der Boom ewig.

Berthold Beitz hat wenig an seinen Gewohnheiten geändert. Bis heute trägt der 93-Jährige die dreiteiligen Anzüge, die ihm als oberster Krupp-Manager zur Arbeitsuniform wurden. Bis heute kommt der Vorsitzende der Krupp-Stiftung täglich ins Büro, um an seinem lederbezogenen Schreibtisch Akten zu studieren. Bis heute nimmt er Anteil an allem, was im Konzern geschieht. Vor den Sitzungen des ThyssenKrupp-Aufsichtsrats lädt der Ehrenvorsitzende die Vorstände zum Rapport beim Abendessen.

In letzter Zeit gab es bei diesen Terminen eine Menge erfreuliche Nachrichten für Beitz: Der Boom in China kurbelt die Stahlnachfrage an, weltweit laufen die Hochöfen auf Hochtouren. ThyssenKrupp schwimmt im Geld, weswegen Konzernchef Ekkehard Schulz an diesem Freitag eine Rekordbilanz präsentieren wird. Weder Thyssen oder Krupp alleine noch der 1999 aus den beiden Traditionsunternehmen entstandene Konzern hätten je auch nur annähernd so gute Zahlen erreicht, rechnete Schulz schon vor Monaten vor. Auch in der Öffentlichkeit steht ThyssenKrupp gut da: Der Börsenkurs hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren fast verdoppelt.

Der Konzern leuchtet hell, doch Schulz und Beitz kennen auch die Schattenseiten, über die im Moment kaum jemand redet. Die Aufzugsparte des Mischkonzerns kämpft mit Kartellproblemen (siehe Kasten), das Autozulieferergeschäft widersetzt sich allen Sanierungsversuchen (siehe Kasten). Vor allem aber: Der Hauptgewinnbringer von ThyssenKrupp, das Stahlgeschäft, steht vor den größten Herausforderungen seit Jahren. Nach dem Boom droht nun die Branchenkonjunktur einzubrechen, Erzeuger aus Indien, Russland und Brasilien greifen an, weltweit rollt bereits die Konsolidierungswelle. Dabei wird auch ThyssenKrupp immer wieder als Übernahmekandidat genannt, weshalb Beitz schon seit Monaten darüber nachsinnt, wie sich die Unabhängigkeit des siebtgrößten deutschen Konzerns am besten wahren ließe.

Wer in Duisburg am Hochofen arbeitet, spürt nicht, dass draußen Herbst ist. Weißglühend ergießt sich das Roheisen aus dem Ofenschlund. 33000 Tonnen produziert ThyssenKrupp jeden Tag. Mehr geben die Anlagen nicht her. Die Arbeiter fühlen sich sicher auf dem Gipfel des Stahlbooms. Satte 3,8 Prozent mehr Lohn hat die Gewerkschaft fürs kommende Jahr ausgehandelt. Und bei ThyssenKrupp bekommen die Stahlarbeiter sogar noch eine Ergebnisbeteiligung. Außerdem investiert ihr Unternehmen kräftig. Von Krise ist keine Rede.

In Brasilien baut Vorstandschef Schulz Hochöfen und Hafenanlagen für fast drei Milliarden Euro, eine Milliarde mehr als ursprünglich geplant. Außerdem bereitet er den Neubau eines Stahlwerks in Nordamerika für mindestens zwei Milliarden Euro vor, um den Großteil der brasilianischen Brammen weiterzuverarbeiten. Der Rest geht nach Deutschland, wo ThyssenKrupp ebenfalls über eine halbe Milliarde Euro investieren will.

Der Konzern steckt mehr Geld in die Stahlproduktion als jemals zuvor – und mehr als in jede andere Sparte. »Dieses Investitionsprogramm steht auf einer soliden Basis und wird ThyssenKrupp in eine neue Größenordnung führen«, glaubt Konzernchef Ekkehard Schulz.

Wirklich? Längst diskutieren Stahlmanager darüber, wie schnell der Boom enden könnte – diese Frage beherrschte den Weltstahlkongress in Buenos Aires Anfang Oktober und erst recht den Stahltag in Düsseldorf im November. »Die Stahlleute haben aus den vergangenen Krisen nichts gelernt und bauen munter Kapazitäten auf«, kritisiert Wolfgang Leese, heute Chef des Stahlkonzerns Salzgitter und früher selbst Manager von ThyssenKrupp. Leese erwartet spätestens von 2010 an weltweit einen großen Produktionsüberhang. Genau dann aber sollen die neuen ThyssenKrupp-Anlagen anfangen zu produzieren.

Der Grund für die Warnungen liegt in China: Zwar baut man dort unvermindert Bürotürme, Wohnhäuser, Hochstraßen und Brücken – entsprechend steigt die Stahlnachfrage. Aber gleichzeitig gehen dort auch neue Hochöfen und Walzwerke in Betrieb, was das Angebot sprunghaft wachsen lässt. Erstmals werde die Volksrepublik in diesem Jahr mehr Stahl exportieren als importieren, rechnete Philippe Varin, der Präsident des europäischen Stahlverbandes Eurofer in Düsseldorf, vor. Europa dagegen sei zum ersten Mal wieder Nettoimporteur. »Wir müssen wachsam sein«, warnte Varin. Und China steht erst am Anfang: Die Regierung in Peking will die erst 1998 entstandene Baosteel-Gruppe zu einem Weltkonzern ausbauen und die Produktion in den nächsten fünf Jahren noch einmal verdoppeln.

Noch ist die Qualität des chinesischen Stahls bescheiden. Doch die fernöstliche Konkurrenz lernt schnell, und wenn sich der Trend bestätigt, bekäme ThyssenKrupp ein Problem. Analysten, Aktionärsvertreter und alle anderen Kritiker, die angesichts üppiger Gewinne zwischenzeitlich verstummten, würden wieder laut anfangen zu zweifeln, ob der weit verzweigte Mischkonzern nicht zu viele Geschäfte betreibt. Sie würden fragen, wo die Synergien liegen zwischen so unterschiedlichen Aktivitäten wie Stahl, Werkstoffhandel und Anlagenbau, Aufzügen, Autoteilen und UBooten. Sie würden monieren, dass die Mittel nicht reichen, um überall zu investieren. Sie würden vorrechnen, dass der Konzern an der Börse weniger wert ist als seine einzelnen Teile. Sie würden die Aufspaltung fordern.

»Momentan steht ThyssenKrupp glänzend da, aber der Boom wird enden, darauf muss sich der Konzern vorbereiten«, warnt Thomas Hofmann von der Landesbank Rheinland-Pfalz schon heute. Genau an diesem Punkt war ThyssenKrupp schon einmal, nämlich kurz nach dem Zusammenschluss von Thyssen und Krupp.

Damals waren die Manager an der Spitze zum Äußersten entschlossen, sie planten den Ausstieg aus dem Stahl. Doch sie hatten Probleme mit dem Timing. Das Projekt verzögerte sich, derweil sanken die Stahlpreise, und die Aktienkurse fielen ins Bodenlose. Im Herbst 2000 wurde der Börsengang in letzter Minute abgesagt.

Seither ist viel geschehen. Der Konzern hat zahllose Aktivitäten gekauft und verkauft. Mehrfach wurde der Zuschnitt der Sparten verändert und bei einigen auch der Namen. Doch das Grundproblem ist das Gleiche geblieben: ThyssenKrupp ist zyklisch, zerklüftet und deshalb von Börsianern tendenziell unterbewertet.

Das ist brisant in einer Zeit, in der die Stahlriesen zusammenrücken, um sich auf den nächsten Abschwung vorzubereiten. Nach monatelangem Bieterkampf verleibte sich Weltmarktführer Mittal aus Indien vor wenigen Wochen den Luxemburger Wettbewerber Arcelor ein. Kurz darauf legte der ebenfalls in Indien beheimatete Tata-Konzern ein Angebot für den britisch-holländischen Hersteller Corus vor. Weil der brasilianische Eisenerzkonzern CSN nun dagegen bietet, steht ein weiterer Übernahmekampf bevor. Darüber hinaus will Russlands größter Stahlproduzent Evras den amerikanischen Hersteller Oregon Steel kaufen.

Alle Übernahmen folgten bisher dem gleichen Muster: Hersteller aus weniger entwickelten Regionen, die aber dank eigener Rohstoffe besonders vom Boom profitieren, investieren in westliche High-Tech-Anbieter mit krisenfesten Produkten.

Es ist schwer zu glauben, dass die Neuordnung der Branche damit beendet sein soll. »In Europa gibt es klar noch Spielraum für eine weitere Konsolidierung«, sagt Philippe Varin. Der Mann weiß, wovon er spricht: Varin ist nicht nur Vorsitzender des europäischen Stahlverbandes, sondern auch Chef des gerade heiß umkämpften Corus-Konzerns. »Es wird noch mehr Schachzüge auf globalem Niveau geben«, prognostiziert er.

Dann könnte auch ThyssenKrupp betroffen sein. Schon im Sommer gab es erste Gerüchte, wonach sich der russische Konzern Severstal, der bei Arcelor abblitzte, alternativ für ThyssenKrupp interessiere. Auch für andere Wettbewerber könnte ThyssenKrupp, inzwischen auf Platz elf der Weltrangliste abgerutscht, ein interessantes Schnäppchen sein – dies umso mehr, als der Verkauf der Aufzüge und anderer stahlferner Sparten den Deal zu finanzieren hülfe.

Bei ThyssenKrupp will man davon nichts hören. Gegen Übernahmen sei man bestens geschützt, heißt es, wann immer ein neues Gerücht die Runde macht.

Die Hoffnung ruht im Park der Essener Villa Hügel. Dort, im kleinen, aber gediegen eingerichteten ehemaligen Gästehaus des Konzerns, residiert Berthold Beitz, umgeben von Fotos. Sie zeigen ihn mit den Mächtigen dieser Welt, von Nikita Chruschtschow über Willy Brandt bis hin zu Angela Merkel. Beitz – einst Generalbevollmächtigter der Firma Krupp und nach dem Tode Alfred Krupps dann Sachwalter dessen Vermögens – will das Erbe um jeden Preis zusammenhalten. Als Kopf der schwerreichen Krupp-Stiftung hält er Aktien von ThyssenKrupp. Erst in diesem Jahr hat der die Position noch einmal aufgestockt. Auch die Thyssen-Stiftung besitzt Anteile. Sie wird vom ehemaligen Chef des Bayer-Konzerns und Beitz-Freund Manfred Schneider dirigiert. So sind fast 30 Prozent der Aktien dem Zugriff von außen entzogen.

Doch im Ernstfall könnte das eine Übernahme wohl nur verzögern. Aufhalten lässt sich die Konsolidierung nicht. Keiner weiß das besser als der 93-Jährige Beitz, der die Branche bewegte wie kaum ein anderer. Sowohl bei der Übernahme von Hoesch durch Krupp als auch beim Zusammenschluss von Thyssen und Krupp zog er als graue Eminenz im Hintergrund die Fäden. Stets stieß er auf Widerstand, vor allem in letzterem Fall. Politiker intervenierten, Arbeiter demonstrierten, als die Pläne 1997 bekannt wurden. Damals dauerte es zwei Jahre, bevor das heutige Unternehmen entstand.

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