Wie der Alkoholiker seine Flaschen in harmlose Achterln unterteilt und man bei der Bassena zu einem Plauscherl zusammenkommt – auch wenn es Stunden über Stunden dauern sollte –, so werden hier selbst dickbauchige Kunststofftaschen liebevoll Sackerl genannt, Mehrzahl Sackerln.

Marcel Prawy besaß sie in Mehrzahl – im Finale seines Lebens wurde daraus eine erdrückende Überzahl, die ihn aus seiner Wohnung in das Refugium des Hotel Sacher vertrieb. Natürlich gelang es ihm, aus der Nobelherberge im Handumdrehen sein eigenes »Hotel Sackerl« zu machen. Er mied Papiersäcke (zu reißfreudig), verabscheute feine Aktentaschen (»Auf die kann man doch nichts draufschreiben!«), bevorzugte die großen, grellen Exemplare (von Billa, Spar oder Löwa), die er im oberen Viertel mit dickem schwarzem Filzstift beschriftete.

Auch noch dreieinhalb Jahre nach seinem Tode bleibt Prawy als ein Herr mit vielen Sackerln in Erinnerung: als der Herr der Sackerln. Er hat sie nobilitiert, nicht bloß, weil er den großväterlichen Adelsbrief in einer seiner tausend Plastiktüten aufbewahrte. Kosmopolit und kauziges Wiener Original zugleich, lebte er sein monomanisches Opern-Liebe-Lehr-Leben aus seinen Sackerln heraus und in sie hinein. Denn für ihn waren sie ja nicht nur Transportmittel, sondern auch Ordner, archivalische Einheiten, Schatzkisten, die sich dehnen ließen und aus denen je nach Bedarf Dokumente, Briefe, Erinnerungsstücke, Noten, Manuskripte, CDs oder Fotos (Letztere bisweilen beklagenswert zerknittert) herausgezaubert wurden. Und neues Material verschwand – »am besten in dreifacher Ausführung, weil eins verliert man, das zweite findet man nicht, das dritte hat man dann« – in alten oder neu angelegten Sackerln. Sie alle, und natürlich ihr Inhalt, sind sein Vermächtnis, das nun aus Anlass von Prawys 95. Geburtstag ab dem 14. Dezember in einem Ausstellungslabyrinth (in der Wienbibliothek im Rathaus, der Volksoper, dem Theater an der Wien und im Hotel Sacher) ausgebreitet wird.

Es war ein berührender Moment, als der alte Herr einmal – ich durfte ihn zu Hause besuchen, Kaffee gab es keinen, da der Herd überwuchert von Sackerln war – im schlampigen Hausanzug ein unbeschriftetes Exemplar unter dem Bett und aus diesem ein vergilbtes Foto hervorzog. »Das ist meine Mutter«, stammelte er mehrmals. In das sorgfältig organisierte Chaos hatte sich ein Stückchen private Vergangenheit eingeschlichen.

Zweimal durfte ich Marcel Prawy in Schriftform porträtieren. Meinen biografischen Versuchen war jeweils die Ehre vorausgegangen, unter den wachsamen Blicken des Eigentümers in die Wunderwelt des Plastikarchivs einzutauchen: 1990/91, als ich an einem Buchprojekt zu Prawys Achtzigstem beteiligt war, und ein Jahrzehnt später, als es galt, zum 90. Geburtstag des Meisters eine Ausstellung im Theatermuseum zu gestalten. Die erste Biografie hat er virtuos vereitelt, nur um dann anlässlich seines 85. Geburtstages selbst »aus seinem Leben« in Buchform zu erzählen. Das hielt mich nicht davon ab, monatelang mehrere Dutzend seiner prall gefüllten Sackerln in meiner Wohnung zu lagern: eine latente Gesundheitsgefährdung. Denn Kunststofftüten haben nun einmal die elektrostatische Marotte, Staub anzuziehen und ihn bei jeder Berührung in reichem Maße wieder abzugeben.

Nur seine Stofftiere bewahrte Prawy nie in Plastiksackerln auf

Im Jahr der Ausstellung, 2001, war man schon klüger: Thomas Trabitsch, der Direktor des Theatermuseums, und ich drangen mit Mund- und Handschutz in Prawys Wohnung ein wie japanische Gesundheitspolizisten bei der Inspektion eines verdächtigen Sushi-Restaurants. Der Ausstellungsarchitekt hat den Rechercheprozess anschaulich nachempfunden: Jede der großen, kreisrunden Vitrinen stellte einen Lebensabschnitt des Gefeierten dar und beinhaltete ein von Prawy eigenhändig beschriftetes Sackerl, dem das entsprechende Material entfloss. Nur seinen Stoffeseln – von denen wir höchstens ein Dutzend in eine Vitrine zwängten – blieb es erspart, von ihrem Besitzer in einer Plastikbehausung aufbewahrt zu werden.

Aha. Mit Stofftieren spielte er also auch? Allerdings, und zwar hingebungsvoll. Je älter man ist, desto mehr wird man zum Kind, und desto mehr findet man zu sich selbst. Ein Widerspruch? Bei Marcel Prawy jedenfalls nicht. Er hat die Verletzungen seiner Kindheit einerseits virtuos verdrängt, andererseits unübersehbar und mit bekennender Infantilität mitgeschleppt. Die Kränkungen, die Sehnsüchte und die Idole der frühen Jahre, sie blieben noch im hohen Alter für ihn prägend. Sie bewirkten, dass er neugierig und begeisterungsfähig blieb, und machten ihn gleichzeitig, nun, sagen wir: kurios und individuell. Man könnte, will man von Prawys gewinnender Liebenswürdigkeit absehen (unmöglich!), auch von Rechthaberei und Intoleranz sprechen. Ein Opernzelt für Kinder auf dem Dach der Wiener Staatsoper? »Eine Verschandelung! Man sollte dieses blöde Zelt mit einer Rakete herunterschießen!« (»Marcel, bitte, sag das nicht drei Wochen nach dem 11. September!«) »Und überhaupt, wozu Kinderoper? Die Opern meiner Kindheit waren Die Meistersinger und Der Ring! Die Kleinen sollen die großen, ewigen Meisterwerke besuchen und nicht glauben, in der Oper gehe es um singende Häschen und Äffchen!«