Rechtsstreit Betrifft: Contergan

»Eine einzige Tablette« ist ein bewegender Film über den Arzneiskandal. Doch er darf nicht gezeigt werden, weil er Fakten und Fiktion vermischt. Ist das Verbot ein Anschlag auf die Kunstfreiheit?

Deutschland, Mitte der fünfziger Jahre. Dr. Heinrich Mückter, Chefchemiker der Grünenthal GmbH, sucht nach einem Schlafmittel, das auch bei Überdosis ungefährlich ist. Mit Experimenten kennt sich Dr. Mückter aus. Die polnische Justiz wirft ihm vor, er habe Fleckfieberversuche an KZ-Häftlingen durchgeführt, doch im Wirtschaftswunderland kräht danach kein Hahn mehr. Schließlich wird Dr. Mückter fündig. Thalidomid heißt der Wirkstoff, aus dem seine Träume sind. Er löst im Organismus jähe Schlafbereitschaft aus und lässt die Laborhamster todmüde vom Rad fallen. Nebenwirkungen: keine. Rasch wird Dr. Mückters Schlummerdroge zum Verkaufsschlager der Firma Grünenthal. Es sei »unschädlich wie Zuckerplätzchen«, verspricht die Werbung 1957. »Wahlweise auch mit Himbeergeschmack.« Der Name des Wunderschlafmittels: Contergan.

Kein anderes Medikament hat mehr Leid über die Menschen gebracht als diese »Jahrhundert-Entdeckung«. Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft Contergan eingenommen hatten, kamen mit extremen Missbildungen zur Welt, ohne Arme, ohne Beine, mit verstümmelten Organen. 12000 Opfer waren es weltweit, davon über 5000 in der Bundesrepublik. Nach Jahren des Taktierens und Verschleppens kam es endlich zum Prozess gegen Angestellte der Pharmafirma. 1970 wurde das Verfahren »wegen geringfügiger Schuld« eingestellt; Grünenthal zahlte 100 Millionen Mark in eine Stiftung. Es sollte endlich Ruhe sein.

Der Skandal enthält reichlich Stoff für einen Spielfilm, und diesen Film gibt es auch, gedreht von Adolf Winkelmann und produziert von der Kölner Firma Zeitsprung im Auftrag des WDR. Er heißt Eine einzige Tablette, doch der Zuschauer wird den Zweiteiler nicht zu sehen bekommen, jedenfalls nicht in seiner ursprünglichen Fassung. Das Landgericht Hamburg hat die Ausstrahlung untersagt und damit eine einstweilige Verfügung auf ganzer Linie bestätigt. Das Kuriose daran: Sowohl Grünenthal wie auch ihr früherer Gegenspieler, der Opferanwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen, wehren sich gegen Falschdarstellung, Verdrehung, Herabwürdigung und die Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte. Eine »ausreichende Verfremdung« der Realität sei im Drehbuch von Benedikt Röskau nicht festzustellen. Folgt man dem ellenlangen Sündenregister, dann stimmt an Winkelmanns Film nur der Abspann, wenn überhaupt.

Die Empörung ist groß, das Wort »Zensur« liegt in der Luft. Soll also die Kunstfreiheit geopfert und die Wahrheit über Contergan erneut unterdrückt werden? Wiederholt sich der Skandal der sechziger Jahre, als die Firma Grünenthal mit juristischem Sperrfeuer und einer Kaltschnäuzigkeit, die einem heute noch das Blut in den Adern gefrieren lässt, Kritiker mundtot machen wollte?

So sieht es aus, aber so einfach ist es nicht. Tatsächlich pflegt Adolf Winkelmann einen lässigen Umgang mit Fakten und Fiktionen, und deshalb haben sich seine Kölner Produktionsfirma und der wachhabende WDR ganz unnötig den gegnerischen Anwälten ans Messer geliefert. Sie kündigen ihren Film als »packende Tele-Fiction« an und beteuern im Vorspann, Eine einzige Tablette sei »kein Dokumentarfilm, sondern ein Spielfilm auf der Grundlage eines historischen Stoffes. Die im Film handelnden Personen sind frei erfunden.« Wer so einen Beipackzettel dichtet, hat Angst vor Nebenwirkungen. Denn was ist schon »frei erfunden«? Im Film heißt das Medikament Contergan und sein Erfinder Grünenthal aus Stolberg bei Aachen. Die Haupthandlung folgt dem historischen Geschehen; ein Kanzlei-Sozius, einige Neben- sowie eine zart angedeutete Bettgeschichte wurden freizügig hinzuerfunden. Der junge Anwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen alias Paul Wegener (Benjamin Sadler), selbst Vater einer contergangeschädigten Tochter (Denise Marko), kämpft als David gegen Goliath – eben gegen jenen Pharmahersteller Grünenthal, der mit einer Armada durchtriebener Anwälte ein Präzedenzurteil verhindern will. Alles wie in der Wirklichkeit. Sogar die Frage, ob hinter dem »Pillendreher aus Aachen« ein großer Waschmittelkonzern stand, der im Interesse der ganzen Industrie den Skandal weißer waschen wollte als weiß, wird von Winkelmann artig gestellt. Der Film endet schließlich in einem Nierentisch-Idyll. Es weihnachtet sehr, und auf einer kleinkarierten Decke liegt sich die Anwaltsfamilie frisch versöhnt in den Armen. Grünenthal zahlt eine Entschädigung. Es schneit, und alles scheint gut.

Nichts gegen ein anrührendes Finale, aber es beweist Winkelmanns Dilemma: Zwei Herzen schlagen, ach, in seiner Brust. Er will wahrheitsgemäß den größten Arzneimittelskandal der Bundesrepublik dokumentieren und am Beispiel einer Familie zeigen, was es heißt, wenn die Schuldigen einfach davonkommen, wenn das Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden mit Füßen getreten wird. Das ist das edle Motiv. Es gibt auch ein anderes, nennen wir es: ein kommerzielles. Winkelmann und die Zeitsprung-Produzenten träumen von einem satten Gefühlsdrama, in dem nicht staubige Dokumente, sondern empfindliche Seelen bewegt werden – und das als Exportknüller sein Geld einspielt. Köln goes Hollywood. Das ist legitim, aber es nötigt Winkelmann zu extremer Intimisierung. Denn nun muss er den Contergan-Skandal durch das Nadelöhr einer Home-Story zwingen, und was nicht durch die Wohnzimmertür passt, wird sanft zurechtgebogen oder muss ganz draußen bleiben. Wo die wahre Geschichte dünn wird, trägt Winkelmann in fiktiven Nebengeschichten dick auf, und wo ihm ein juristischer Knoten den Weg versperrt, greift er schon mal zur Axt. Gefühlslage geht vor Aktenlage, denn die Träne muss rollen, bevor ihr ein Hindernis in die Quere kommt.

»Emotion Dressing« nennt sich dieses Verfahren, das nicht nur in der Suppenküche historischer Spielfilme, sondern auch im Journalismus allmählich zur Seuche wird. Erst werden Fakten mit Fiktionen nachgewürzt, dann mit Gefühl pikant abgeschmeckt. Tatsächlich handelt es sich um einen Hütchenspielertrick, denn der Zuschauer weiß nie genau, wo die Kugel der Wahrheit wirklich liegt. Nur ein Beispiel: In Winkelmanns Film hetzt der Grünenthal-Anwalt (hinreißend gespielt von August Zirner) dem Opferanwalt Wegener einen Detektiv auf den Hals und lässt ihn denunzieren – nach Art des Hauses. Die Wirklichkeit sah anders aus. Grünenthal setzte einen Detektiv auf Widukind Lenz an, jenen Hamburger Arzt, der als Erster den Zusammenhang zwischen Contergan und den epidemischen Missbildungen erkannte.

Das mag eine Petitesse sein, und gewiss ist es keine grobe Entstellung, aber für die gegnerischen Anwälte ist es ein gefundenes Fressen. Schwerer wiegt die Behauptung, nur mit einem Bluff habe Wegener eine angemessene Entschädigung erzielt. Angreifbar ist auch die Suggestion, es sei trotz massiver Hinweise auf Missbildungen eine quälend lange Zeit vergangen, bis Grünenthal das Teufelszeug vom Markt nahm. Richtig aber ist: Es dauerte zwölf Tage. Wovon die Firma Grünenthal seit Jahren tatsächlich Kenntnis hatte, das waren zahllose Nervenschäden durch Contergan. Aus reiner Profitgier und mit unfassbarem propagandistischem Aufwand hat das Unternehmen diese Nebenwirkungen geleugnet, vertuscht, beschwiegen. Hätte der Firmenpatriarch nur einen Funken Verantwortung gezeigt und sein Spitzenprodukt aus dem Verkehr gezogen, wäre auch vielen Kindern ihr Schicksal erspart geblieben.

Um Missverständnissen vorzubeugen:Eine einzige Tablette ist ein glänzend gedrehter (und geschnittener) Film mit wunderbaren Schauspielern, um Längen besser als der Bilder- und Phrasenmüll, den Gebührensender dem Publikum häufig vor die Füße kippen. Und selbstverständlich ist solch ein historischer Spielfilm frei, Charaktere auszumalen, Dialoge zu erfinden und den Erzählfaden fortzuspinnen. Dennoch gewinnt er seine Fallhöhe und seine moralische Autorität aus einem dokumentarischen Anspruch – und genau das sollte ihm verbieten, aus Gründen des Emotionsdesigns fröhlich zu vereinfachen oder mit Detailwahrheiten Schlitten zu fahren. Ganz nebenbei verrät der Geist der Doku-Fiktion ein ausbeuterisches Verhältnis zum historischen Stoff. Die Zeitgeschichte wird allein nach ihrem Affektpotenzial abgetastet, nach ihrem dramaturgischen Kitzel. Am Ende befördert die Fiktionalisierung der Fakten genau das, was Grünenthal sich so sehnlich wünscht. Der Zuschauer hat sich eingefühlt, und nun ist Ruhe.

Natürlich hätte es der Wahrheitsfindung ebenso gedient, der Streit um den Contergan-Film wäre nicht mit einstweiligen Verfügungen, sondern mit langlebigen Argumenten ausgetragen worden, nicht vor den Schranken des Gerichts, sondern vor dem »Gerichtshof« der Kritik. Aber der legere Umgang mit Fakten und Fiktionen hat den Einsatz von Rechtsmitteln nachgerade provoziert – auch wenn es der Firma Grünenthal, die in ihrer Vergangenheit so viel Unglück über die Welt brachte und nicht einen Hauch moralischer Größe zeigte, gut angestanden hätte, Winkelmanns Unkorrektheiten demütig zu ertragen und als Ausdruck künstlerischer Freiheit hinzunehmen. Und ganz abwegig ist es, dass sich das Gericht in seiner Urteilsbegründung nur auf die Drehbuchfassung bezieht und nicht auf den sendefertigen Film.

Im Januar steht Eine einzige Tablette wieder zur Verhandlung – vor jenem Hamburger Gericht, das im Fall des Baulöwen Schneider für die Kunstfreiheit entschied und die von ihm handelnde Komödie Peanuts ungeschoren davonkommen ließ. Aber Herr Schneider war damals ein armer Hund, und Chemie Grünenthal ist heute ein großes Unternehmen. Sollte das Urteil hingegen Bestand haben, wäre es mit der Verfilmung historischer Stoffe vorbei, und Hitlers Erben könnten gegen Eichingers Der Untergang mit dem Argument klagen, der Führer habe keine Streichhölzer zerbissen. Das Paradox ästhetischer Freiheit aber bleibt. Wer zu viel verfremdet, treibt mit der Wahrheit Schindluder. Wer es nur halbherzig tut, landet vor Gericht.

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Leser-Kommentare
    • marxo
    • 04.11.2007 um 13:39 Uhr
    1. naja

    "Kein anderes Medikament hat mehr Leid über die Menschen gebracht als diese »Jahrhundert-Entdeckung«. "Belege? Wie sieht es aus mit "Heroin", als Hustenmittel auf den Markt gebracht? Morphium, Kokain, beide als Medikamente entworfen? Das gute alte Valium, ein Psychopharmakum mit einer bis zu 100-fach stärkeren Suchtwirkung als Heroin?  http://myblog.de/nichtide...

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