Klassiker der Moderne (43) Hexe, Fee, Elfe
Kate Bush brachte die Menstruation in den Pop und fügte dem Artrock der Siebziger eine weibliche Seite hinzu. Ihr eigenwilliger Ohrwurm "Wuthering Heights" hat sich im kulturellen Gedächtnis eingenistet
Die Siebziger des letzten Jahrhunderts waren das Jahrzehnt, in dem Frauen entdeckten, dass der Logozentrismus eine männliche Erfindung ist – und das Debütalbum einer jungen Britin war künstlerischer Ausdruck dieser Entdeckung. Zwar hätte sich die damals neunzehnjährige Kate Bush wohl dagegen gewehrt, The Kick Inside als Pamphlet anzusehen. Und doch tat sie nichts anderes, als mit dieser Platte die feministische Kritik an der Rationalität in den britischen Artrock zu überführen. Dass die Linearität der Sprache nur der Doktrin eines patriarchialen Denkens folgt, die écriture féminine, das weibliche Schreiben, andere Formen annehmen müsse, zyklische beispielsweise, gehört zu den Thesen von Theoretikerinnen wie Hélène Cixous. Kate Bush übersetzte die graue Theorie in ästhetische Praxis.
Nicht nur ihre Themen – weiblicher Zyklus, Inzest und wiederkehrende Versuche, das Realitätsprinzip links liegen zu lassen – überraschten zum Zeitpunkt ihres Erscheinens die Musikwelt, es war auch die Form, in der dies geschah. Bush erschien als Hexe, Fee, Elfe, Peter Pan, sie kam als japanophiles Oberexzentriker-Girl auf dem Drachen einhergeschwebt und stand im Bund mit den Elementen. In ihrem Megahit Wuthering Heights brachte sie literarisches Zitat, Zeitgeist und weibliche Emotionen derart einfühlsam und zugleich eigenwillig zueinander, dass die Texte bis heute im konventionellen Sinne unverständlich sind. Was der Faszination des Songs jedoch keinerlei Abbruch tut.
Kate Bush ist eine herausragend gute Schreiberin und Wuthering Heights ein Ohrwurm, der sich für immer im kulturellen Gedächtnis eingenistet hat. Sinnliche Wahrnehmung ist in der Popmusik eben genau so stark und wichtig wie das, was Männer bevorzugt leisten: ihre intellektuelle Aneignung. Ironischerweise waren es allerdings weniger weibliche Fans, die Kate Bush in den Status eines Superstars katapultierten, sondern durchschnittliche britische Lads. In Kate Bush fanden die Jungs von nebenan ihr eigenes UK Sex Symbol: die brünette kleine Hexe aus Bexleyheath in Kent.
Auch das deutsche Publikum musste kapitulieren, als Kate Bush am 9. Februar 1978 bei Bios Bahnhof auftrat, ein paar Wochen vor der geistesverwandten Nina Hagen. Bush sang über Menstruationsbeschwerden, die Hagen darüber, dass Männer die weibliche Physis beim Sex nicht immer so sträflich vernachlässigen sollten – das Publikum staunte noch mehr als der Gastgeber Biolek: Mit einem Mal floss Menstruationsblut im Pop.
Seither ist nichts, wie es einmal war, auch wenn die Männerwelt zurückzurudern versuchte. Bereits 1978 nörgelte der Melody Maker, bei dieser Musik kenne man sich beim besten Willen nicht mehr aus, Sounds ließ sich gar zu dem Urteil hinreißen, Bushs Debüt enthalte »einige der schlechtesten Texte aller Zeiten«. Gerade deswegen ist The Kick Inside ein Meilenstein in der Geschichte der weird female music. Die exzentrische Kate hat den Sinn dafür geschärft, dass Sinn im Pop nicht alles ist.
Kate Bush: The Kick Inside (EMI)
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Serie -
- Quelle DIE ZEIT, 07.12.2006 Nr. 50
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren