Pressefreiheit Der verbotene Reporter

Für das Recht, seine Meinung zu veröffentlichen, wäre der Kubaner Guillermo Fariñas beinahe im Hungerstreik gestorben. Jetzt erhielt er den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar

Santa Clara/Kuba

Der Kontaktmann rät, Guillermo Fariñas ohne telefonische Ankündigung aufzusuchen. Wenn die kubanische Staatssicherheit Wind bekomme vom anstehenden Besuch eines westlichen Reporters, werde der Gastgeber womöglich auf die Schnelle ins Krankenhaus eingewiesen, eine der gängigen Methoden, um solche Zusammenkünfte zu verhindern.

Nun könnte ein unbefangener Beobachter auf die Idee kommen, dass ein Krankenhausaufenthalt für Guillermo Fariñas Hernández genau das Richtige wäre. Vorsichtig, mit zähen Armbewegungen, manövriert der kubanische Journalist seinen Rollstuhl neben den Küchentisch seines Hauses in Santa Clara. Es bereitet ihm sichtbare Mühe, den Kopf aufrecht zu halten. Immer wieder stemmt sich der 43-Jährige auf, um nicht zwischen den Armlehnen zusammenzusinken. Die Knochen, die sich unter der vernarbten Haut seines Oberkörpers abzeichnen, wirken wie weich gekocht. Er habe Schmerzen in den Gelenken, sagt er und deutet auf Ellenbogen und Handgelenke, sie seien entzündet.

Die Schmerzen, die Katheter-narben, der Rollstuhl, der Haarausfall sind Folgen eines Hungerstreiks, den der Regimekritiker hinter sich hat. Sieben Monate lang, von Februar bis Ende August, verweigerte der gelernte Psychologe in einem Militärhospital die Nahrungsaufnahme. Erst als der Dissident dem Tod nahe war, berichten Freunde, sei es ihnen gelungen, ihn zum Aufgeben zu bewegen. Fariñas wollte mit seinem Protest ein sehr schlichtes Recht einfordern: Dinge zu sagen, die die Regierung nicht hören will.

Für seinen friedlichen Widerstand gegen die Linksdiktatur der Gebrüder Fidel und Raúl Castro auf Kuba zeichnet die Stadt Weimar Guillermo Fariñas am kommenden Sonntag mit ihrem renommierten Menschenrechtspreis aus. Allein der Preisträger wird nicht nach Deutschland kommen können. Fariñas darf nicht ausreisen, weil die kubanische Regierung Angst hat, Foto- und Filmaufnahmen von ihm könnten als Kritik für sich sprechen. »Ein Geheimdienstoffizier kam zu mir nach Hause und sagte mir, mein Anblick im Rollstuhl würde das Ansehen der kubanischen Revolution beschädigen«, erzählt er.

Wer sich vor Augen hält, aus welchem Grund Guillermo Fariñas sich fast zu Tode gehungert hätte, ahnt, welche politische Paranoia die Fidelisten noch im Jahr 2006 plagt. Nichts weiter als seine Internet-Plattform wollte sich Fariñas zurückerstreiten, ein Portal zur Außenwelt für seine Nachrichtenagentur Cubanacán Press. Seit 1996 hatten Fariñas und ein gutes Dutzend anderer kubanischer Journalisten unter diesem Namen Berichte über Missstände und Menschenrechtsverletzungen in Fidel Castros Reich ins spanischsprachige Ausland geschickt. Anfang dieses Jahres sperrten die Behörden ihnen den Internet-Zugang. Es war der Versuch, einige der letzten kritischen Berichterstatter auf Kuba mundtot zu machen.

Seit 2003 hat das sozialistische Regime die Repression gegenüber Andersdenkenden in erschreckender Weise verstärkt. Im Schatten des Irak-Krieges ließ Fidel Castro damals 75 prominente Oppositionelle, Schriftsteller und Reporter festnehmen. In Schnellverfahren wurden sie zu Haftstrafen zwischen sechs und 28 Jahren verurteilt. Kuba ist heute im Verhältnis zu seiner 11-Millionen-Bevölkerung das größte Journalistengefängnis der Welt. 23 Reporter sitzen nach einer Zählung der Organisation Reporter ohne Grenzen derzeit auf der Tropeninsel ein. Nur im Riesenreich China sind es mit 32 noch mehr. Gerechtfertigt werden die Inhaftierungen zumeist mit Artikel 88 des kubanischen Strafgesetzbuches, der die Zusammenarbeit mit ausländischen Medien als »Kollaboration« und »feindliche Propaganda« unter Strafe stellt. Seit Fidel Castro 1959 mit der Bewegung 26. Juli den US-hörigen Diktator Fulgencio Batista von der Insel verjagte, stützt der máximo líder seine totalitäre Regierungspraxis auf die ständige Beschwörung einer drohenden amerikanischen Konterrevolution. Fantasievolle Staatsanwälte weiten die Anklagen schon einmal auf »Vergehen gegen die Sicherheit des Staates«, »Spionage« oder »Terrorismus« aus, berichten westliche Diplomaten. Europäische Botschafter, die Dissidenten zu Nationalfeiertagen einladen, erhalten ihrerseits keine Einladungen mehr zu offiziellen Anlässen und werden dadurch »eingefroren«, wie sie sagen. Auch Deutschland traf dieser Bannfluch. Die Bundesrepublik pflege mittlerweile ein »politisches Nichtverhältnis« gegenüber Havanna, heißt es aus Diplomatenkreisen.

Guillermo Fariñas wurde ebenfalls wegen »Verbrechen gegen die Staatssicherheit« verurteilt. Seine Strafe sollte er eigentlich bis 2009 absitzen – doch nach einem ersten, 14-monatigen Hungerstreik entließen die Behörden den schwer kranken Dissidenten 2005 mit einer »außergerichtlichen Genehmigung« nach Hause. Seitdem wird sein Telefon abgehört, Mitarbeiter der Staatssicherheit überwachen das Haus seiner Familie. »Kleine Freiheit« heißt dieser Status im Oppositionellenjargon.

Fariñas Mutter öffnet schweigend die Tür und bedeutet schweigend, hereinzukommen. Bevor sie die Tür schließt, blickt sie ängstlich die Straße hinab. Dann zieht sie die Gardinen vors Fenster und hebt warnend den Zeigefinger. Ausländische Journalisten, die Dissidenten treffen, müssen damit rechnen, vom Staatsschutz festgesetzt und unter Verlust ihres Fotomaterials mit dem nächsten Linienflugzeug aus dem Land befördert zu werden.

Im hinteren Teil des Hauses nutzt Guillermo Fariñas seine »kleine Freiheit«, um am Küchentisch seine Artikel zu verfassen. Über das angeblich so vorbildliche kubanische Gesundheitssystem zum Beispiel, aus dem Fidel Castro schätzungsweise zehntausend Ärztinnen und Ärzte abziehen ließ, um sie nach Venezuela zu schicken – als menschliche Tauschware für Ölimporte. Über Epidemien wie das Dengue-Fieber; laut Regierungsangaben ist es auf Kuba ausgerottet, gleichwohl ziehen noch immer Kolonnen mit Rauchwerfern durchs Land und hüllen ganze Stadtteile in Desinfektionsqualm. Und über die Engpässe bei der Lebensmittelversorgung; seit 1990 die sozialistischen Brüderländer des Ostblocks kollabierten, verwaltet Kubas zentralistische Planwirtschaft vor allem den Mangel.

Für einen Gutteil der kubanischen Versorgungskrise mag die amerikanische Blockadepolitik mitverantwortlich sein, deren Ziel es seit über 40 Jahren ist, dem Castro-Regime die Luft abschnüren. Nun sieht es so aus, als müsse der Diktator aus biologischen Gründen das Feld räumen. Castros 80. Geburtstag mussten die Kubaner kürzlich feiern, ohne den schwer kranken Altrevolutionär zu Gesicht zu bekommen. Fariñas glaubt freilich, die Nachfolger des Führers, vor allem sein Bruder Raúl, würden den alten Kurs mit neuen Partnern fortsetzen. »Ich denke, nach Fidels Tod werden die Machthaber alles daransetzen, eine politisch-wirtschaftliche Hybridform aus den Staatsformen Chinas und Vietnams zu entwickeln. Meiner Meinung nach steht uns eine neue Welle der Repression bevor.«

In Fariñas Bücherregal drücken sich Bände von Dissidenten-Schriftstellern an internationale Almanache und Lexika – Raritäten in einem Land, in dem die einzig legale Presse aus Castro-treuen Propandapostillen besteht und das Sortiment der Buchläden vor allem aus revolutionärer Jubelliteratur. Der Gastgeber dreht seinen Oberkörper zur Seite. Über die Mitte seines Rückens zieht sich eine tiefe, faustgroße Narbe. Eine Kriegsverletzung aus Afrika, erzählt er, wo er wie viele andere kubanische Soldaten in den 1980er Jahren sozialistische Rebellen unterstützte.

Fariñas machte Karriere in der Armee, er studierte Psychologie, wurde auf Bildungsreise nach nach Russland geschickt und bekam schließlich einen Posten als Militärpsychiater. Er behandelte Soldaten mit Kriegstraumata und bekam so tiefe Einblicke in die Abgründe der kubanischen Seele. Mitte der neunziger Jahre verlegte sich Fariñas von der Therapie auf die Systemkritik. Jedes Volk, findet er, sollte das Recht haben, seine Regierenden in regelmäßigen Abständen und in echter politischer Pluralität zu wählen. Seine Leitlinie sei die Internationale Erklärung der Menschenrechte. Auf Kuba ist selbst die als konterrevolutionäres Dokument verboten.

In der Klinik infizierte sich Fariñas mit Staphylococcus aureus, einem Krankenhauskeim, der auch sein Herz angriff. Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, hält ihn für einen todkranken Mann. »Wenn er nach Deutschland hätte kommen dürfen, hätte ein Ärzteteam bereitgestanden. Es war alles organisiert.« Doch Fariñas hat jede Hoffnung auf eine Ausreise aufgegeben. Vielleicht, sagt er, dürfe wenigstens seine Mutter fliegen. Von seinem Küchentisch aus aber will er etwas ausrichten: »Den Deutschen möchte ich sagen, dass ich es bewundere, wie sie den faschistischen Totalitarismus hinter sich gelassen und anschließend auch den kommunistischen Totalitarismus zu Fall gebracht haben. Und ich bedanke mich, weil sie die Tragödie Kubas nicht vergessen.«

Buchtipp
Bernd Wulffen: "Eiszeit in den Tropen. Botschafter bei Fidel Castro"
320 Seiten, Ch.Links-Verlag, Juli 2006
19,95 Euro


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Leser-Kommentare
  1. Nicht nur einzelne Menschen können sich in sich selbst begraben. Mit einigem Willen gelingt das auch ganzen Völkern. Voraussetzung dafür ist lediglich, dass ihre Führer debil genug sind, alle Veräderungen in der Welt außerhalb ihres Horizontes zu ignorieren, und brutal genug, auch ihrem Volk die Augenbinde zu verordnen. Vor lauter Feinden sieht die kubanische Regierung offenbar keine Freunde mehr – die eigentliche Krankheit totalitärer Systeme ist auf Kuba wohl voll zum Ausbruch gekommen. Wer lange genug regiert, läuft eben immer Gefahr, das Wohl seines Landes mit seinem eigenen zu verwechseln.

    Das Misstrauen und die tiefe Abneigung, welche die kubanische Regierung den USA entgegen bringt, mag zwar in gewisser Weise verständlich sein. Es zeugt ja zumindest von einer erstaunlichen Schizophrenie, wenn eine selbsternannte Weltmacht ein ganzes Volk im Namen von Freiheit und Wohlstand in Geiselhaft nimmt, nur weil es sich den politischen Vorstellungen seines großen Nachbarn nicht per Volksaufstand unterwerfen mag. Retten werden die Kubaner ihre Revolution damit aber keinesfalls. Von Ausgrenzung betroffen zu sein, ist schlimm für die Entwicklung eines Landes. Sich selbst auszugrenzen ist schlimmer.

    Ich hoffe, der Weimarer Menschenrechtspreis hilft Guillermo Fariñas beim Überleben. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt wie ihn. Es ist entscheidend, dass der Kontakt zu diesen Menschen nicht abreißt.

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