Eine Recherche zum Thema Erben ist heikel. Man redet nicht gern über das Geld der Eltern. Vor wenigen Tagen habe ich Andreas gesprochen, am Telefon, er wohnt in Köln. Andreas studierte früher Kunstgeschichte, mit Verve, aber ein bisschen zu lange, dann folgte eine Doktorarbeit, die er mit diversen Nebenjobs finanzierte – und in Durstphasen gab es die Eltern. Andreas erzählte, er sei jetzt 31 und suche einen Job. So einiges könne er sich vorstellen: in der Medienbranche, vielleicht im Museum, er hatte da mal ein Praktikum gemacht, eine schöne Ausstellungsassistenz. Oder doch eine Uni-Karriere, aber wenn, dann im Ausland. Das Leben sei ein Meer von Möglichkeiten. Er lachte. Im schlimmsten Fall mache er erst mal wieder ein Praktikum. Mit den Eltern im Rücken (wie hier von unseren Models dargestellt) absolvieren viele junge Leute ein Praktikum nach dem anderen BILD

Woher er nur diese Unbekümmertheit hat, die ich immer bewunderte, dachte ich kurz. Ob er denn, wenn es zur ersten Festanstellung noch dauere, auf seine Eltern zählen könne? Wie es überhaupt um die Vermögensverhältnisse bestellt sei? Ich wisse schon, es gebe keine Yacht – gesunder Mittelstand eben. Aber würde er erben? Hatten seine Eltern bereits geerbt?

Andreas antwortete knapp: Ja, es wurde geerbt, vom Großvater, der nach dem Krieg als Dachdecker arbeitete, einen Betrieb hinterließ, der erst verpachtet und dann verkauft wurde. Wie viel man denn für so einen Betrieb erhalte? – »Darüber redet man nicht«, sagte Andreas vorwurfsvoll. Außerdem werde in seiner Familie nicht über Geld gesprochen. Das Vermögen der Eltern? Ob er das abschätzen könne…

Unser Gespräch nahm eine unschöne Wendung, es bedurfte eines zweiten, um die Stimmung wieder aufzuhellen. Wir sprachen nicht mehr über Geld.

Öffentlich wurde in diesem Jahr dagegen sehr viel über Geld gesprochen, auf Podiumsdiskussionen, in Talkshows, in den Feuilletons, über die »Unterschicht« und die »Generation Praktikum«. Beide schienen miteinander verschwistert, ein unheilvolles Gespann. Die Generation Praktikum, das waren gut ausgebildete junge Menschen, die um ihre Zukunft bangten; ausgerechnet die Jungen, die einst für Aufbruch, für einen Überschuss an Ideen einstanden, hatten sich selbst gegeißelt. Sie sagten: Wir machen ein Praktikum nach dem anderen, aber wir werden nicht eingestellt! Man beutet uns aus! Sieben, acht, neun Praktika in PR-Firmen, bei Verlagen, in Architektenbüros, und noch immer keinen Job, keine Zukunft!

Die gute Nachricht haben sie bislang verschwiegen. Die gute Nachricht ist, dass die Familien der Generation Praktikum derzeit überschüttet werden mit Geld und Immobilien: Die Aufbaugeneration der Republik tritt ab und hinterlässt ein im Wirtschaftswunderland kräftig vermehrtes Vermögen. Die Forschungsgruppe Altern und Lebenslauf der FU Berlin hat kürzlich eine Erb- und Schenkungssumme von derzeit jährlich 50 Milliarden Euro errechnet. Bereits in drei Jahren dürften es 200 Milliarden pro Jahr sein. Es erbt etwa die Hälfte aller Deutschen, im Osten sind Erbschaften allerdings nicht nur seltener, sie fallen deutlich niedriger aus. Durchschnittlich 71.000 Euro werden im Westen pro Erbfall vermacht, im Osten sind es nur rund 16.000. Die Chancen, zu erben, sind nicht nur für Westdeutsche größer, sondern auch für Akademiker. Höhere Bildungsschichten erben wesentlich häufiger als niedrige, Hochschulabsolventen fast doppelt so viel wie Hauptschulabgänger.

Akademikerkinder erben nicht nur häufiger und mehr, sie haben auch eine viermal höhere Chance, das Gymnasium zu besuchen, als Kinder von Facharbeitern. Gerade die Hochschulabgänger also, die Angehörigen der Generation Praktikum, gehören damit einem Milieu an, das hohe Bildung und hohe Vermögen auf sich vereint und weitergeben kann. Mittelbar hat das Erbe die Generation Praktikum längst erreicht: in Form des regelmäßigen Geldumschlags von der Großmutter, durch die Eltern, die ihre monatlichen Überweisungen über das Studium hinaus verlängern, durch die Erstausstattung der Wohnung, vielleicht mit einem kleinen Auto.