Pine Ridge, Süddakota

Fast täglich riefen wildfremde Frauen an, sie stellten sehr intime Fragen. »Hallo, Bill«, sagte etwa die weibliche Stimme am anderen Ende, »heute das Dressing mit dem gerösteten Pfeffer oder mit Honigsenf?« Eine andere fragte, ob sie die Pille nehmen oder lieber auf Kondome vertrauen solle, und jemand wollte wissen, ob Tampons besser seien als Slipeinlagen. Frauen könnten nicht einfach ihre eigenen Entscheidungen treffen, hatte Senator Bill Napoli öffentlich verkündet, und Hunderte von Frauen nahmen ihn seither beim Wort. Sie haben seine Privatnummer und seine Durchwahl im Senat aus einem erfolgreich bei eBay versteigerten Cartoon abgeschrieben, und nun greifen sie eben zum Hörer, wenn sie nicht wissen, welche Salatsauce sie servieren sollen. Kulturkampf auf Indianerland: Ein Plakatwand gegen Abtreibung in Süddakota BILD

Gemeint hat der republikanische Senator freilich nur eine ganz bestimmte Entscheidung: Napoli will in Süddakota das schärfste Abtreibungsgesetz Amerikas durchpeitschen. Zwar haben die Wähler dem Abtreibungsverbot im November eine vorläufige Absage erteilt, aber Napoli arbeitet unbeirrt weiter an seiner Mission und will, dass nun der konservativ besetzte Supreme Court entscheidet. Auch nach einer Vergewaltigung, bei Inzest, bei Gefahr für die Gesundheit der Mutter oder Missbildung des Embryos soll eine Abtreibung hart bestraft werden. Einzige Ausnahme: Lebensgefahr für die Mutter. Auch wenn eine Frau »religiös und noch Jungfrau« sei, sich für den Richtigen aufsparen wolle und »so brutal vergewaltigt worden sei, wie man sich das nur vorstellen könne«, könne von der Bestrafung abgesehen werden. Eine »einfache Vergewaltigung« hingegen, so der weißhaarige, bärtige Senator, sei kein Grund, »ein unschuldiges Baby umzubringen«.

Wie viele Männer sind schon vergewaltigt worden?

Seither reichen die Leserbriefseiten in den Lokalzeitungen nicht mehr aus, um die Hunderte von Briefen abzudrucken, in denen Frauen wissen wollen, wann eine Vergewaltigung »einfach« sei. »Wie viele Männer in der Regierung sind schon einmal vergewaltigt worden?«, fragte etwa Cecilia Fire Thunder (»Feuerdonner«), 59, zweifache Mutter und neunfache Großmutter.

Sie ist eine besonders scharfe Kritikerin des Abtreibungsverbotes. Und sie war maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Gesetz scheiterte. Eineinhalb Jahre lang hat sie als Präsidentin ihren Stamm, die Oglala-Sioux-Indianer in Süddakota, regiert. Der wurde bisher vor allem für seine legendären Krieger wie Crazy Horse and Black Elk verehrt und eher weniger für seinen Sinn für Emanzipation. 2004 aber besiegte Cecilia Fire Thunder ihre männlichen Konkurrenten, verlängerte für die Inthronisation ihren praktischen schwarzen Pagenkopf mit zwei falschen Zöpfen, kleidete sich in weißes Hirschleder und ließ sich mit viel Pomp und Pferdegetrappel die traditionellen Insignien ihres Amtes überreichen: ein mit Adlerfedern geschmückter Schild und ein perlenbesetztes Messer. Von da an regierte die bodenständige Großmutter als erste Frau die Sioux, und sie brachte tatsächlich Feuer in den Stamm: Bill Napolis Worte erbosten die langjährige Krankenschwester derart, dass sie versprach, auf ihrem eigenen Grund eine Frauenklinik einrichten. »Wir werden Verhütungsmittel anbieten, Krisenintervention, die Pille danach und Schwangerschaftsunterbrechungen«, kündigte Fire Thunder in diesem Frühjahr die Machtprobe mit den Staatsoberen an, denn »die Gesetzesmacher sind ein Haufen weißer Jungs, die keine Ahnung davon haben, wie die Realität hier aussieht«. Sie berief sich dabei etwas waghalsig auf den Unabhängigkeitsstatus ihres Reservates, in dem die Gesetze des Landes nur teilweise gelten.

Doch Fire Thunder beging politischen Suizid, denn auch im Stammesrat sind die Jungs erstens überwiegend konservativ und zweitens in der Überzahl: Kurz nach ihrer Kriegserklärung wurde die streitbare Frau kurzerhand vom Rat gefeuert, fristlos.