Gedichte Einsamkeit atmet uralte Zeiten
Eine späte, aber bedeutende Entdeckung: Die Gedichte des jiddischsprachigen Dichters Lajser Ajchenrand.
Im Jahr 1939 verweigerte die Schweiz Else Lasker-Schüler das Aufenthaltsrecht. Drei Jahre später durfte der aus Frankreich geflohene jiddischsprachige Dichter Lajser Ajchenrand bleiben – und schuf in Zürich ein nahezu völlig unbekannt gebliebenes Werk. Nun legt der Schweizer Ammann Verlag Ajchenrands bedeutendsten Gedichtband mimaamikim (Aus der Tiefe, erstmals Paris 1953) in einer Übertragung von Hubert Witt vor, dem prominenten Kenner jiddischer Lyrik. Hiermit kommt eine ungewöhnliche, in Israel bereits 1976 mit dem Itzik-Manger-Preis ausgezeichnete literarische Stimme zu Gehör, die radikale Fragen aufwirft: Ist angesichts von Auschwitz Gott noch denkbar? Wie kann die Schoah Gegenstand von Sonetten und Balladen sein?
Ajchenrand ist dem osteuropäischen Judentum verhaftet. Er wurde 1911 als Sohn eines Schneiders im südöstlich von Warschau gelegenen Dęblin geboren und wuchs später in Kurów bei Majdanek auf. Dort kam er mit den für die jiddischsprachige Welt prägenden geistigen und literarischen Strömungen in Berührung, zu deren Fundamenten die hebräische Poesie ebenso wie die moderne deutsche Dichtung zählte. Früh schon bildete die soziale Not der jüdischen Bevölkerung ein zentrales Motiv in Ajchenrands Lyrik. 1937 zog er nach Paris und entkam 1942, nachdem er in einem Ausländerbataillon der französischen Armee gekämpft hatte, nur knapp seiner Deportation aus einem Arbeitslager des Vichy-Regimes. Seine Mutter und seine Schwester wurden in Polen von den Nazis ermordet.
Dies ist die entscheidende Zäsur, um die Ajchenrand unablässig kreist. Die in Aus der Tiefe enthaltenen Gedichte aus dem frühen Lyrikband Hörst du nicht? (deutsch 1947) weisen einen unmittelbaren Bezug zum traumatischen historischen Geschehen auf: durch die Erinnerung an Mutter und Schwester, durch Hinweise auf das Warschauer Ghetto und die Deportation seiner Juden, durch die explizite Nennung von SS-Schergen, deutschem »Mördervolk« und christlicher »Teufelsbrut«. Gleiches gilt für die expressionistische Metaphorik der Gedichte, in denen die Schöpfung zur Chiffre eines absolut Unheimlichen wird. Inmitten ewiger apokalyptischer Zerstörung hat die menschliche Gestalt jeden Halt verloren, zerfällt in surreal-albtraumhafte Bilder: »Nachts sind wir dunkel verloschene Trauerwege / unsrer blutig-vergeßnen Generation. // Unser Gelächter die Asche verlorener Augenblicke, / rinnend durch unsere schwarzen und kalten Hände. // Unsere Augen sind offene Gräber: da ruhen / lang verstorbne Geliebte und zerronnene Tage. // Unsre Einsamkeit atmet uralte Zeiten / mit frostigen Klagen ungeborener Enge…«
Ajchenrands poetische Welt ist in ihrer Verbindung moderner Bildersprache mit biblischem und jüdisch-mystischem Gedankengut einzigartig und zugleich ambivalent. Dort, wo die jüdische Tragödie und eine Katastrophe von kosmischen Dimensionen in eins fallen, besinnt er sich auf das mythische Volk Israel, auf dessen Bund mit seinem einzigen Gott, seine Erzväter und Propheten: Er synchronisiert das »uralt stille Weinen tausendjähriger Nacht« und die »Exil-Verlorenheit« mit der Schoah, stilisiert den »totalen Krieg« zu einer Wiederholung der Geschichte von Kain und Abel.
In den Zyklen Gesang vom Vergehn und Gesang eines Wachenden gewinnt Ajchenrands poetische Sprache an Abstraktion und Transzendenz. Hier geht es um einen verborgenen, schweigenden Gott, der Zeit und Raum die Signatur ewigen Neubeginns im Zeichen qualvollen Verfalls aufdrückt. Nur als Paradoxon, als bis an seine äußersten Grenzen gespanntes Oxymoron ist der jüdische Gott, ist jüdische Existenz für Ajchenrand denkbar.
Anfang der sechziger Jahre ließ Ajchenrand sich endgültig in Zürich nieder: hier nun, obwohl »heimatverbunden« durch Freundschaften und Familie, auch staatenlos. Sein existenzieller Boden blieb das Jiddische, wohl mit ein Grund, weshalb bis zu seinem Tode im Jahre 1985 all seine späteren Lyrikbände in Israel erschienen.
Hubert Witt hat eine allzu strikte Texttreue zuungunsten des poetischen Timbres zu vermeiden gewusst, insgesamt ein gelungener Versuch. Vereinzelte Holprigkeiten, etwa die sich bei den Partizipialattributen häufenden Elisionen (»blühnde Träne«, »glühnde Lippen«), die das dem Jiddischen eigene Pathos mitunter ins Manieristische ziehen, mag man daher in Kauf nehmen. Und hoffen, dass dieser Ausgabe noch weitere folgen mögen.
- Datum 06.12.2006 - 13:18 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.12.2006 Nr. 50
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