In ihren letzten Lebensjahren trug sie nur noch weiße Kleider. Totenhemden, könnte man denken. Sie ging auch nicht mehr aus dem Zimmer. Begraben zu Lebzeiten, fällt einem sofort ein. Als sie starb, war sie 56 Jahre alt und wurde in einem weißen Sarg aus dem Haus getragen. Von Schmetterlingen umtanzt, wand sich der Trauerzug durch Blumenwiesen zum Familiengrab. Umtanzt, kann man sagen, ist eine sehr schöne Metapher.

Es gibt nicht viele Worte, die zu Emily Dickinson passen. Unerhört, unerschrocken, skandalös originell – das sind Beschreibungen, die man ihr anprobiert hat. Keine trifft wirklich auf sie zu. Umtanzt passt genauso wenig, aber es flattert wenigstens ein bisschen. Und erinnert an den oft erwähnten Flügelschlag eines Schmetterlings, der auf der anderen Seite der Welt alles zum Einsturz zu bringen vermag. So ist es mit diesen Gedichten und Briefen: Man spürt zunächst gar nichts, nichts als zuckende Schmetterlingsflügel, man versteht auch nicht viel, und plötzlich ist man erleuchtet.

Die amerikanische Dichterin Emily Dickinson (1830 bis 1886) ist eine der rätselhaftesten Autorinnen, die je gelebt haben. Weltverloren, unbekümmert um Ehre und Unsterblichkeit, völlig zurückgezogen und auf sich allein gestellt, autark, wie es Frauen sein können, wenn es nichts mehr zu verlieren gibt. Zu gewinnen erst recht nicht. Was sollte das für eine intellektuelle Frau im Amerika der puritanischen Erweckungsbewegungen und der Sklavenaufstände auch sein? Was außer Salongeplauder und gelehrten Keksrunden in Bostoner Plüschsesseln hätte sie in der Welt erwartet?

Geboren am 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts, in einem düsteren Backsteinhaus hinter großen Bäumen, war sie die Enkelin, Tochter und Schwester bedeutender Männer der Provinz. Ihr Großvater hat das Amherst College gegründet, Vater und Bruder führten ein reputierliches Leben als dessen Finanzverwalter. Der Vater entfaltete sich als Kongressabgeordneter und politischer Redner, der Bruder als Anwalt, Stadtpatriarch, Familienvater und Liebhaber junger, unausgefüllter Professorengattinnen. Die beiden Töchter der Familie entfalteten sich in der Krankenpflege, beim Brotbacken und bei den anfallenden Näharbeiten. Beide haben nie geheiratet und das Haus des Vaters erst, wie man so sagt, mit den Beinen voran verlassen.

Traurig klingt das, und traurig war das vermutlich sehr. Der Vater – ein Besucher beschreibt ihn als »schmal, trocken & sprachlos« –, eine kranke Mutter, von der die Dichterin sagte, »eine Mutter hatte ich nie«, ein düsteres Provinznest, das bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg eine der letzten Bastionen orthodoxen puritanischen Glaubens war. Was braucht es mehr für ein umfassendes, wohlversorgtes und produktives Unglück?

Jedes Wort dieser ungeheuren Gedichte wirkt wie frisch getauft

Was sich unter dem Glassturz gefangener, stillgestellter Weiblichkeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem kleinen Nest mit Eisenbahnanschluss inmitten des amerikanischen Niemandslandes tat, gilt in der Lyrik bis heute als umstürzend und nonkonformistisch. Und Nonkonformismus ist noch ein milder Ausdruck für das, was Emily Dickinson sich selbst und den wenigen Zeitgenossen zugemutet hat, denen sie ihre Gedichte zeigte.