Ziemlich genau in der Mitte von Herman Melvilles umfänglichem Versepos Clarel stößt man auf ein Kapitel, das dem Architekten und Zeichner Giovanni Battista Piranesi gewidmet ist. Piranesi hatte im 18. Jahrhundert in zahlreichen Druckgrafiken seinen Fantasien von labyrinthischen Städten und Interieurs freien Lauf gelassen. Melville, der hier als Erzähler spricht, ohne die Perspektive einer seiner zahlreichen Figuren anzunehmen, empfiehlt dem Leser, sich diese »Gefängnisse des Schweigens« zu Gemüte zu führen, bevor er in seiner Lektüre fortfährt. Das nächste Kapitel trägt die Überschrift Sodom. Auf diesen bedeutungsschwangeren Ort soll der Leser sich vorbereiten. Melvilles Interpretation zufolge betreffen die düsteren Bilder Piranesis den Menschen beziehungsweise »seinen innersten Rückzugswinkel – das Herz, von Labyrinthen voll«. Sie lassen sich aber auch auf die Struktur des Werks beziehen, an dem Melville gerade schreibt. Dessen Anlage ist labyrinthisch, ein Vorankommen für den Pilger der Lektüre schwierig, und auch das Innenleben der Figuren, ihre Rede ebenso wie ihr Schweigen, ist schwer zu entschlüsseln.

Ein Hoffnungsschimmer liegt über dem Grau – und im Grauen Palästinas: der Leser-Pilger soll »im Grau des Lichts den Text des Paulus spüren«. Damit ist die Paulinische Theologie der Auferstehung, des Glaubens und der Liebe gemeint. Weder die Szenerie des »Heiligen Landes«, die Melvilles Reiseepos schildert, noch das Gemüt des zweifelnden Theologiestudenten Clarel und schon gar nicht dessen niederschmetternde Liebesgeschichte geben Anlass zur Hoffnung, sondern allein die Bewegung des Textes. Aufhellung wird aber nur dem, der »recht liest« (»read aright«): also dem Leser, der sich auf Zweifel und Verzweiflung einlässt und sich die Mühe des Mitvollzugs antut. In einem Brief an einen schottischen Bewunderer schrieb Melville 1884, acht Jahre nach Erscheinen des Versepos, das damals fast keine Leser fand, es sei »hervorragend geeignet, auf Ablehnung zu stoßen«. Allerdings fügt er, ähnlich wie im Piranesi-Kapitel in Clarel, sogleich den Ein- und Widerspruch hinzu: Durch seine vertrackte Düsterkeit könne das Werk abschrecken, aber auch anziehend wirken. Anziehend – für eine sehr kleine Minderheit, die dem Mainstream die Stirn biete.

Im Untertitel dieses Spätwerks, das Melville – als freier Schriftsteller längst gescheitert – neben seiner Arbeit als Zollinspektor verfasste, wird Clarel als Pilgerreise bezeichnet. Das trifft exakt zu, und wer die Notizen liest, die der Autor von Moby Dick während seiner Palästina-Reise 1857 machte, wird merken, dass die ersten Ansätze zu einem solchen Buch schon hier liegen. Die übrigen Teile seines Reisetagebuchs sind im Telegrammstil gehalten; im Heiligen Land stellt sich plötzlich der Melvillesche Erzähl- und Reflexionsstil ein. Es ist eine entschieden moderne Reise, sowohl im Tagebuch als auch im Epos, ohne festen Glauben, einer planmäßigen Route folgend, ein bisschen abenteuerlich, kurz: touristisch. Überall sieht der Erzähler Steine, Ruinen, Trostlosigkeit. Das wird zu einer regelrechten Obsession, die an den sinnträchtigsten Orten gipfelt: am Heiligen Grab, diesem piranesischen Ort par excellence, in Bethlehem, am Toten Meer. Dass die Wüste lebt, diese Erfahrung scheint Melville nicht gemacht zu haben. Allenfalls behilft er sich mit »theologischen« Interpretationen, etwa dass die judäische Geografie dem Sinnen und Trachten des zornigen Gottes Jehova entspreche oder dass aus der Leere das Leben des Geistes – der Bibel – entsprungen sei. Dennoch vermittelt die Lektüre mehr und mehr das Gefühl, als sei es kein heiliges, sondern ein verfluchtes Land. Man kann in Clarel sehr viele ideologische Positionen, sehr viele Aussagen finden, und es lässt sich kaum behaupten, dass der Autor sich zwischen bestimmten von ihnen entscheide. Aber zu bedenken geben wollte Melville sie uns doch, zum Beispiel diese hier: »O keifende Familie, ohne Vater nun, war Fehde Seine Hinterlassenschaft?« Womöglich ist es Gott selbst, der den Streit, und man kann ruhig sagen: den Krieg hervorbringt. Einen blutigen Krieg, in der Beschreibung Melvilles, nicht nur zwischen Religionen, sondern auch zwischen Konfessionen und Sekten. Die Melvillesche Frage, sie gilt heute mehr denn je.

Die Hauptfigur ist nur ein Rohr im Wind

Dennoch wirkt das Insistieren auf dem toten Stein Palästinas wie eine Obsession. Es ist nicht die Medusa, die alle versteinert, die sie anblicken, sondern umgekehrt, der Blick des Erzählers macht zu Stein, was er beschreibt. Deshalb kann die Allegorie des Steins auch mehrfach sein, sie lässt sich sowohl auf die heißen Konflikte der Glaubensgemeinschaften als auch auf das Erkalten des Glaubens beziehen: das Christentum ist im 19. Jahrhundert bereits ein »Petrefakt«. Melville hatte zwar nicht Nietzsche, damals fast ein Unbekannter, oder Feuerbach gelesen, wohl aber von der Religionskritik eines David Friedrich Strauss Kenntnis genommen.

Mit Melvilles Versteinerungsobsession geht nun aber eine andere parallel, nämlich die von grüner, lebendiger Natur – eine Obsession, die an seine amerikanische Heimat gebunden und zunächst nichts anderes ist als triviales Heimweh, im Besonderen wohl nach dem ländlichen Massachusetts, wohin er sich 1850 zurückgezogen hatte, um Moby Dick zu schreiben und sich nebenbei landwirtschaftlich zu betätigen. Das von den in Clarel zahlreich vertretenen Millenaristen erträumte »Neue Jerusalem« erweist sich in den Augen Melvilles und seiner Figuren als Desaster; eher schon kann er, trotz aller Kritik an der amerikanischen Ideologie, die ja bis heute nicht von christlicher Eschatologie frei ist, den säkularen Glauben an eine Neue Welt aufrechterhalten.

Melville hat vielen seiner Werke den Namen der jeweiligen Hauptfigur als Titel gegeben. Im Fall von Moby Dick ist es ein Tier, und diese Wahl entspricht voll und ganz dem Inhalt des Romans. Clarel hingegen tritt oft für lange Zeit ganz in den Hintergrund des Epos, und von allen Figuren, deren Identität manchmal schwer zu behalten ist, ist er die schwächste, ein Rohr im Wind. Mag sein, dass genau diese Schwäche, dieses Zweifeln, diese Gequält- und Zerknirschtheit, dieses Sich-aus-der-Welt-Wünschen die Essenz des Werks ausmacht. Er hat sich in Jerusalem in eine junge Jüdin amerikanischer Herkunft verliebt, lässt sich aber, nachdem ihr Vater gestorben ist, einfach wegschicken und beginnt seine eigentliche Pilgerreise, die ihn aus der Steinstadt in wüste Gegenden führt. Als er nach Hunderten von Seiten in die »Stadt des Gottesmordes« zurückkehrt, ist Ruth gerade gestorben, man weiß nicht genau, wie. »Das Fieber, Gram: Schwer wär’s zu sagen; ’s war nicht Erlösung.«