Blues Was stimmt nicht mit Gloria?
Zwei berühmte Konzerte auf DVD – wie sich Van Morrison in Montreux neu erfand
Davon ist nichts zu sehen. Mutig ruft die Frau, er solle den Blues lieber den Schwarzen überlassen und seine eigenen Stücke spielen. »If you don’t like it, go fuck yourself«, antwortet der irische Sänger Van Morrison charmant in die aufgebrachte Stimmung zwischen Buhs und Beifall hinein, »The only Blues you know are on your shoes.« Und er stichelt weiter, erklärt, dass ihn ein Typ dafür bezahlt habe, damit er hier auf der Bühne stehe. Wenn ihr das nicht gefällt, dann soll sie hochkommen und seinen Job machen. Und dann gleitet er zu den milden Tönen des Pianos in die Zugabe, singt den Blues von einem Mädchen, das er verloren hat, Since I Fell For You.
Der Typ, der ihn bezahlt hatte und ihn bis heute holt, ist Claude Nobs, veranstaltender Connaisseur eines geschmackssicheren, wunderbaren Jazz-Festivals, die Zeit ist Sommer 1974, der Ort Montreux am Genfersee, und der Sänger galt als einer der schwierigsten Künstler, der in der Welt der Unterhaltungsmusik unterwegs war. Als Van Morrison in der Schweiz eintrifft, begleiten ihn nur eine neue Freundin und ein Manager. Seine Frau, die ihn verlassen hatte, seine Tochter, seine Band hatte er in Kalifornien zurückgelassen, Montreux ist ein neuer Anfang, er kann mit jedem spielen. Er will nicht länger seine Hits aus alten Irland-Tagen singen, nicht Brown Eyed Girl und nicht Gloria, er will nicht Moondance, Crazy Love oder Tupelo Honey aus seiner Woodstock-Karriere wiederholen, jene Songs, mit denen er die vergangenen fünf Jahre sein Publikum begeisterte. Er will mit neuen Musikern vom neuen Leben singen.
Nicht er singt den Song, der Song singt ihn
»Der Grund, warum ich mit der Musik angefangen habe, und der Grund, warum ich weitermachte, hatten nichts mehr miteinander zu tun.« Van Morrison, geboren am 31. August 1945 in Belfast, ehemals Sänger der Beatgruppe Them und Schöpfer jener unvergleichlichen Mischung aus Rockmusik, Jazz, Soul und Rhythm’n’Blues, steht auf einer kleinen Bühne, versucht seiner Vergangenheit zu entkommen und erntet höflichen Beifall. Mit unbekannten Musikern gibt er unbekannte Stücke, spielt Schlaghosen-Jazz auf einem quäkenden Saxofon zu Paisley-Improvisationen auf dem Klavier. Swiss Cheese, Heathrow Shuffle und Harmonica Boogie nennt er die Instrumentals, und so klingen sie auch. Nur seine Stimme passt nicht zum beiläufigen Blues und Jazz, sie erzählt von einer Suche, die an diesem Abend kein Ziel hat, sondern nur eine Vergangenheit und eine Wut. »Why did you leave America…« lässt er dann gegen Ende des Konzerts den Street Choir fragen, »… why did you let me down?«, bevor er wieder in ein Instrumental flüchtet und das Publikum minutenlang vergisst. Bis zu eben jener Zugabe, bis zu jenem Blues. Doch davon ist auf DVD nun leider nichts zu sehen und zu hören. Dass dieser missglückte Abend auf der ersten offiziellen Doppel-DVD ohne die skandalsatte, doch wunderbare Zugabe erscheint, ist unverdient gnädig.
Die Geschichte vom Künstler, der kein Entertainer sein will, zählt zum Mythos Musik wie die Seele, die man dem Teufel verkaufen muss. Doch selten hat ein Künstler sein Publikum dafür so streng zur Verantwortung gezogen wie Van Morrison. Wie jeder will er geliebt werden – doch aus den richtigen Gründen, für die richtigen Songs. Das Publikum soll tanzen, lachen, schweigen – an den richtigen Stellen. Doch was ist falsch daran – abgesehen von der damit verbundenen Peinlichkeit –, nach Gloria zu verlangen, nach Caravan oder I Will Be There zu rufen, nach jenen Songs, die einem nur einmal gelingen, an jener Kreuzung, wo einst der Legende nach der Teufel dem Heiligen begegnete und solche Musik entstand? Dass wahre Fans zu falschen Freunden werden, wenn der Sänger weiterzieht und die alten Lieder nicht mehr singt, leuchtet ein, aber es ist nicht die Schuld der Freunde, es liegt an den Liedern, die er vergessen will.
Und doch gibt es einen Ort und eine Zeit, wo beide wieder zusammenfanden: sechs Jahre später, wieder in Montreux, in einem Konzert am 10. Juli 1980. Drei Jahre hatte Van Morrison keine Platten aufgenommen, pendelte er zwischen den USA, Irland und London, gab selten Konzerte, abgesehen von jenem stupenden Gastauftritt 1976 bei The Last Waltz, dem Abschiedskonzert von The Band. Er wollte dem Image des weißen irischen Soulsängers entkommen, des »Belfast Cowboys«, wollte den Titel seines grandiosen Live-Albums It’s Too Late To Stop Now widerlegen und die Erwartungen seiner Plattenfirma. Er kämpfte gegen den Zwang, den Erfolg zu wiederholen oder – noch schlimmer – sich zu wiederholen. Er liest Blake, Wordsworth, Thoreau, nimmt literarische Nachhilfe in irischer Literatur, die zu Schulzeiten in Belfast nicht gern gelesen wurde. Doch parallel studiert er William Butler Yeats und John Donne, sieht sich als »christlichen Mystiker«, nennt seine Platten A Period Of Transition (1977), Wavelength (1978) und Into The Music (1979). Es kann eigentlich nicht gut gehen.
Als er mit geschlossenen Augen auf der Bühne steht, sein »…and you get…and you get…and you get…on my wavelength« herausstößt, wird hörbar, was für ihn all diese Bücher, Gedichte und Traktate im Innersten zusammenhält: der Wunsch, zum Medium zu werden, in Zungen zu sprechen, nicht er singt, der Song singt ihn. Wie immer platzt das Hemd des kleinen Mannes aus allen Nähten, werden die Haare immer weniger und der Hals wird immer kürzer, scheint er vor unterdrückter Energie zu beben und bleibt doch ganz unbewegt. Die Stimme ist seine Predigt, sie beschwört, beruhigt, wiederholt, verspricht und lässt es dann fließen. Er zählt Namen auf, singt seine Litanei und benennt zum ersten Mal seine Stream-of-Consciousness-Sehnsucht in jenem Klassiker, der in den nächsten zehn Jahren nicht mehr aus seinen Auftritten wegzudenken ist – Summertime in England. Und es sind so unglaubliche papierene Zeilen wie »T.S. Eliot published James Joyce«, die er rosenkranzartig so oft wiederholt, bis sie zur Verkündigung werden. Yeah, was ist dagegen einzuwenden? T.S. Eliot published James Joyce.
Van the Man trifft Iwan den Schrecklichen
Das Konzert ist Jazz, es ist Soul, es ist Rock, es ist poetry in motion, es lebt aus Musikern, die gleichberechtigt sind, denen er endlich zuhören kann, ohne sich zu langweilen: Woodstock-Gitarrist John Platania, Mark Isham, später Filmkomponist und gesuchter Solist, an verschiedensten Trompeten oder Pee Wee Ellis, Arrangeur und legendärer Saxofonist bei James Brown, der mit seinen Riffs Wärme gibt und mit ekstatischen Tönen Luft ins Feuer bläst. Vier, fünf unbekannte Stücke spielen sie in extensiver Länge, geflüstert und gebrüllt, mit samtenen Zwischenspielen, rauen Aufschreien und nahe am Verstummen: »Can you listen to the silence? Can you feel the silence…?« Und dann antwortet einer aus dem Publikum mitten hinein in die Stille »Yeah«, und alles scheint vorbei. Doch Van Morrison wechselt blitzschnell zu Moondance, der unprofessionelle Professionelle verzeiht an diesem Abend sogar seiner eigenen Großmut.
Der missglückte Augenblick ist dem geglückten Augenblick ein Freund, und so endet der Versuch von 1974, sich neu zu finden, 1980 in einem Konzert, das den versöhnlichen mit dem unversöhnlichen Van Morrison verbindet –
Van the Man
und
Ivan the Terrible.
Der Kompromiss, den die beiden später, in den letzten zwanzig Jahren, miteinander eingehen, führt dazu, dass Herzschlag um Herzschlag jede Platte ein, zwei Stücke enthält, die ahnen lassen, was 1980 möglich war, dass nur jedes zehnte Konzert den Kopf zum Tanzen bringt: Als Künstler ist er Entertainer, nur wenn er sein Publikum unterhält, ist er Künstler. Auf seinem letzten Album
Pay The Devil,
einer Sammlung von Country-Songs, vertraut er allein auf seine Stimme und das sichere Gefühl, alle Fehler schon gemacht zu haben.
»That was worth it«,
gackert er fröhlich zum Toningenieur, als der Song
What Am I Living For
zu Ende ist. Es ist zu hören, man muss ihn dabei nicht sehen.
Van Morrison: Live at Montreux 1980/1974
(Eagle Vision/Edel EREDV597, 2 DVDs)
- Datum 12.12.2006 - 12:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.12.2006 Nr. 50
- Kommentare 6
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Don`t blame the fat man.
Gruss
Wray
put your head on my shoulder and we're listen to the silence ..
oder:
it ain't why why why ... it just is ...
über van morrison braucht man nicht zu reden, es reicht, ihm zuzuhören.
Ich hab den Artikel jetzt bis zum Ende gelesen. Ganz schön feuilletonistisches Gelaber, mein Gott.
Man hat die CD-R des ersten Montreux-Konzerts seit Jahren, und natürlich eine ganz andere Meinung dazu als Herr Heidkamp.
Ichwies einen Freund auf den Artikel hin:
> Hallo
> > In der ZEIT wird die DVD mit Van Morrison feuilletonistisch beschrieben. Es trieft...
Und las, und er antwortete mir, zu Recht:
OWEIA!! Wie kann man nur so einen Artikel schreiben??
Da lobe ich mir doch Wiglaf Droste:-)
Das scheiß Spiel, das da automatisch aufgerufen wird, wenn man was tippen will ... das nervt!
>>aus seiner Woodstock-Karriere <<
Welche 'Woodstock-Kariere' ?
Lieber Konrad Heitkamp,
ihre Kritiken schätze ich sehr, ihr Urteil ist meistens mehr als treffend, ihre Formulierungen manchmal genial -feuilletonistisches Geschwafel muss ja auch seine Berechtigung haben - dafür gibt es schliesslich die ZEIT... ;-)
Diese DVD hätte ich durch Zufall vielleicht irgendwann auch gefunden - durch ihr Review liegt sie aber schon bei mir zuhause..
herzliche Grüsse,
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