Aus Lateinamerika dringen irritierende Botschaften zu uns. Pädagogische Enthusiasten in Venezuela drohen die Kriminalität mit klassischer Musik abzuschaffen. Klaukinder verdrahten sie mit Violinen. Autoknacker müssen ihre Fingerfertigkeit fürs Fagott verwenden. Jugendliche Drogendealer dröhnen ihre Kundschaft mit Hörnern zu. Aus den Fenstern verrufener Stadtteile von Caracas dringen Cello-Etüden und Flötentriller. In schäbigen Sälen lungern tatendurstige Kinder: Sie warten auf den Dirigenten. Trostlose Kleinstädte prahlen mit der Güte ihrer Jugendorchester. Und beizeiten reist das beste dieser Ensembles, die Junge Philharmonie Simón Bolívar, ins Ausland, um die Welt das venezolanische Wunder zu lehren. Straßenkinder aus Caracas üben Geige und finden sozialen Halt in den sinfonischen Jugendorchestern, die es im ganzen Land gibt BILD

Dieses Wunder hat schon viele Musikfreunde in den internationalen Konzertsälen sprachlos gemacht. Sie saßen da wie festgenagelt, wenn diese Zweihundertschaft in einer endlosen Prozession das Podium bestieg und in kess-sportlicher Landestracht Musik spielte, als müsse der mythische Simón Bolívar von den Toten erweckt werden. Als die Musikfreunde in den Programmheften blätterten, lasen sie von einem modernen Märchen der kollektiven Erweckung, das auch vom Podium her so klang: Energie, die durch den Saal schoss; Dynamik, die ans Unerhörte reichte; Musizierlust, die magnetisierte. Nun haben diese Youngsters ihre erste Schallplatte aufgenommen, und zwar gleich bei der Deutschen Grammophon. Darauf spielen sie nicht heimisches Nischenrepertoire, spielen weder den hierzulande notorisch missachteten Heitor Villa-Lobos noch populäre Piazzolla-Arrangements. Sie spielen Beethoven, ausgerechnet die Fünfte Sinfonie c-Moll und die Siebte Sinfonie ADur. Was ist da los? Wie kann das sein?

Bei uns werden gefährdete U-Bahnhöfe mit Klassik beschallt, damit die Kids sich dort unwohl fühlen und wegbleiben. In Venezuela muss heutzutage ein Teenager bloß Klassik spielen, und schon hat er eine Menschentraube um sich. Irgendwann hatte die Regierung begriffen, dass bei Kindern und jungen Leuten entscheidend ist, was man ihnen in die Hand gibt. Gibt man ihnen ein Messer, zerschlitzen sie womöglich einen Autoreifen. Gibt man ihnen eine Geige, spielen sie ungünstigstenfalls falsche Töne. Zertrümmert wird sie nämlich nicht, denn in Venezuela bekommen die Kinder ihr Instrument nicht geliehen, sondern geschenkt. Für die meisten ist es das Kostbarste, was sie je in Händen hielten. Es ist Verpflichtung und Ehre, denn jetzt gehören sie einem System an, das ihnen Bestätigung und Spaß, Hoffnung und Reisen einbringt. Auf einmal sind sie wer. Da lohnt es sich, fremde Handtaschen in Ruhe zu lassen.

250000 venezolanische Kinder machen mit

Am Pult steht Gustavo Dudamel, schon jetzt einer der großen, wie Bolívar aus dem Urgrund der Bevölkerung geborenen Helden Lateinamerikas. Der 25-Jährige leitet das Simón-Bolívar-Orchester, dessen Kind er selber ist. Zehn Jahre war er alt, als ihn seine Freunde zu einer Probe mitnahmen. Die Posaune fand er toll, doch seine Arme waren zu kurz. Das Sistema verpasste ihm eine Geige. Irgendwann kletterte er aufs Dirigentenpult. Seitdem ist er der Derwisch im Sistema, der staatlichen Stiftung namens Fundación del Estado para el Sistema de Orquesta Juvenil e Infantil de Venezuela. Sie ist so etwas wie die organisierte musikalische Gegenwelt zur organisierten kriminellen Hoffnungslosigkeit, die vielen Kindern in der Unterschicht Venezuelas droht. Den jungen Musikern gibt Sistema die Chance, in der Gruppe über sich hinauszuwachsen. Das lässt sich der Staat etwas kosten. Je jünger das Kind, desto besser. Je schneller es im Orchester spielt, umso rascher ist es von der Straße weg. Damit diese Erfolge keine Eintagsfliegen bleiben, hat sich Sistema flächendeckend aufgestellt. Die Stiftung hat 90 Musikschulen geschaffen, an denen 15000 Lehrer mit 250000 Schülern arbeiten. Die Regierung stellt dafür 29 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung. Das sind paradiesische Verhältnisse, hält man das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Venezolaners dagegen: knapp 3200 Euro.

Das Wunder von Venezuela konnte vielleicht nur in der Einöde der Neuen Welt gedeihen, im buchstäblichen Nichts. Das unterscheidet das Sistema-Modell von den Hervorbringungen aus arrivierten Milieus etwa im Pisa-Musterland Finnland oder in den musikalischen Kaderschmieden in Fernost. Vor vielen Jahren kam einer mit der Fackel und brachte einen hellen Schein ins Dunkel der Perspektivlosigkeit. Das war José Antonio Abreu. Ist Dudamel der Derwisch des Sistema, so ist Abreu der Gottvater. Ein Heiliger, bereits über 70, der jede Tournee mitmacht und den Kindern die Daumen drückt. Abreu hat Sistema gegründet, und Gustavo war sein Dirigierschüler. Abreu ist gelernter Volkswirt und Jurist, und ihm verdankt Sistema die pyramidale Struktur, die es bis heute besitzt.

Das Orchester wird für die jungen Venezolaner schneller zur Heimat, als sie es sich träumen lassen. Kaum halten sie ihr Instrument in Händen, sitzen sie auch schon in der Geigengruppe oder bei den Blechbläsern. Musizieren ist Mannschaftssport, die anderen Kinder verlassen sich auf einen. Und wer noch nicht so weit ist, der spielt halt nur die Tutti-Stellen mit, bei denen ein Blindfisch nicht auffällt. In Vollbesetzung misst die Simón-Bolívar-Philharmonie satte 220 Musiker. Wenn die in göttlicher Unschuld und juvenilem Enthusiasmus um die Wette strahlen, während sie im Finale von Beethovens Fünfter so richtig aufdrehen, denkt man fürwahr: Kinder des Olymp.