Mainz braucht Kohle
Ein modernes Gaskraftwerk soll in Rheinland-Pfalz einem klimaschädlichen Kohlekraftwerk weichen aber warum?
MainzAuf der Ingelheimer Aue am Rhein bei Mainz steht seit fünf Jahren eines der modernsten Gaskraftwerke der Welt.Für ein Fossilkraftwerk ist die Anlage umweltfreundlich - gemessen an ihrer Leistung, stößt sie besonders wenig klimaschädliches CO2 aus.Man könnte vermuten, dass die Stadt Mainz in diesen Tagen besonders stolz auf ihr teures Stück Umwelttechnik ist, nun da der Klimawandel ins Bewusstsein der Menschen dringt und die Welt um die Umsetzung der Beschlüsse von Kyoto und Nairobi ringt.Aber we it gefehlt, die Stadt will das Kraftwerk stilllegen.An seiner Statt ist für 900 Millionen Euro ein riesiges Kohlekraftwerk geplant, eine klassische Dreckschleuder, die fast doppelt so viel CO2 ausstoßen soll wie der Vorgänger. Warum nur will Mainz zurück in die Steinkohlenzeit?Die Antwort ist bedrückend schlicht: Es geht um Kohle, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.Gas wird teurer, Kohle bleibt billig, Mainz braucht Geld.Oliver Sucher, Fraktionschef der SPD, sagt es mit schöner Offenheit: In der Abwägung ist der Klimaschutz hinten runtergefallen. Sucher spricht von all den Dingen, die ihm wichtig erscheinen: der Eigenständigkeit der Kraftwerksgesellschaft, der Wertschöpfung in der Region, den Arbeitsplätzen, den Schulden.Wer ihm zuhört, der muss den Eindruck gewinnen, die Lage der Stadt sei verzweifelt.In Wirklichkeit ist Mainz alles andere als arm.Das Steueraufkommen je Einwohner liegt weit über dem Landesdurchschnitt, der Schuldenstand ist zwar hoch, aber nicht extrem, die Kommunalaufsicht lobt die Anstrengungen zur Haushaltskonsolid ierung.Und Finanzdezernent Kurt Merkator (SPD) gab unlängst erfreut bekannt, dass die ohnehin optimistischen Annahmen für das Gewerbesteueraufkommen von der Wirklichkeit noch übertroffen würden. Wie lässt sich unter diesen Umständen ein solcher Klimafrevel rechtfertigen?Am besten gar nicht, sagten sich offenbar die Kraftwerks-Befürworter im Mainzer Rathaus und versuchten, eine öffentliche Debatte zu verhindern.Begründung: Formal sei der Stadtrat für das Kraftwerk gar nicht zuständig, da die Betreibergesellschaft, eine Tochter der Stadtwerke, rechtlich eigenständig sei.Nun ist allerdings eine Bürgerinitiative Kohlefreies Mainz auf den Plan getreten, die das Kommunalparlament pe r Einwohnerantrag zwingen will, sich mit dem Fall zu befassen.Einzelne Mitglieder der CDU-Fraktion machen jetzt ästhetische Bedenken geltend, weil die Kraftwerksshilouette auf der Ingelheimer Aue in Konkurrenz zum ehrwürdigen Kaiserdom trete.In der regierenden SPD ist von Populismus die Rede, während CDU-Fraktionschefin Andrea Litzenburger dem rot-grünen Atomausstieg die Schuld an dem klimaschädlichen Neubau gibt.Auf der anderen Seite des Rheins sind die Wiesbadener Stadtrats-Grünen zwar gegen das Kraftwerk, wollen aber deswegen auch keinen Krach in ihrer Jamaika-Koalition riskieren. Eine echte Opposition gibt es nur außerhalb des Parlaments. Die nächsten zwei Jahrzehnte sind entscheidend für den Klimaschutz, sagt Patrick Hassenpflug von der Bürgerinitiative der Kohlefreien.Statt in Kohlekraft sollten die Stadtwerke lieber in erneuerbare Brennstoffe und Kraft-Wärme-Kopplung in dezentralen Blockheizwerken investieren und im Übrigen das Energiesparen fördern. Olaf Thun, Projektleiter für das neue Kraftwerk, sieht keine Alternative zu dem Kohlenmeiler.Die Konditionen für Gaslieferungen würden immer schlechter, klagt er.Selbstverständlich, sagt Thun, halte man sich an die gesetzlichen Umweltschutzbestimmungen.Ein größerer Beitrag zum Klimaschutz sei aber nicht drinn. Wir können in Mainz die Welt nicht ändern. Unterdessen ändert sich die Welt in Mainz.Im warmen Klima des Rhein-Main-Gebiets gedeihen schon heute Feigen so gut wie Äpfel.In Zukunft erwarten die Forscher im Sommer Hitzewellen mit Temperaturen bis zu 40 Grad und anhaltender Trockenheit, im Winter Überschwemmungen. Es wird hier auf jeden Fall ungemütlicher, sagt Rolf-Dieter Wilken, Professor für Hydrochemie an der Universität Mainz.Erosion und Versteppung seien möglich.Reiche Rentner zögen dann vielleicht nicht mehr an die Taunushänge, sondern ins kühlere Hamburg. Das wird die Region schon merken.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 50/2006
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