Kein anderer Historiker hat die Bundesrepublik so auf den Begriff gebracht wie der in diesem Frühjahr verstorbene Reinhart Koselleck. Nicht über »Kritik«, »Krise« oder »Fortschritt«, sondern über den Begriff des »Bundes« hat er Anfang der siebziger Jahre seinen ersten großen Artikel für die Geschichtlichen Grundbegriffe geschrieben. Und auch in seinen nun gesammelt vorliegenden Begriffsgeschichten kommt er wieder auf die Bundessemantik zu sprechen. Gewohnt luzid zeichnet er nach, wie der »Bund« im Mittelalter seine erste begriffliche Prägung erfährt, wenig später von Luther als »Gottesbund« protestantisch umgetauft wird und an der Schwelle des 18. Jahrhunderts zum Leitbegriff der deutschen Aufklärung aufsteigt. Die »Bundesrepublik« ist für Koselleck einer jener typisch modernen »Erfahrungsstiftungsbegriffe«, die nicht Erfahrungen rückblickend registrieren, sondern auf Erfahrungen in der Zukunft semantisch vorgreifen. Die »Bundesrepublik« als »Erfahrungsstiftungsbegriff« – das ist nicht nur methodisch von Koselleck gut gewählt. Wir erfahren hier auch etwas von seinen eigenen bundesrepublikanischen Erfahrungen.

Koselleck, Jahrgang 1923, zählt zu jener skeptischen Generation, für die viele der alten Begriffe und Erfahrungen sich in der ersten Jahrhunderthälfte ideologisch erledigt hatten. Begriffe sind für Koselleck nie nur unschuldige »Indikatoren«, an denen der Historiker den Wandel der historischen Zeiten ablesen kann, sondern selbst geschichtsmächtige »Faktoren«. »Geschichte«, »Fortschritt« oder »Freiheit« – Kosellecks berühmte »Kollektivsingulare«, die in der Aufklärung ihren alten pluralen Bedeutungssinn eingebüßt hatten – waren umstrittene Kampf- und Parteibegriffe des Weltbürgerkrieges. Hitler habe den »ganzen Papierkorb des 19. Jahrhunderts« noch einmal ausgeschüttet. Nach dem Krieg füllte der völkische »Vokabelsalat« Victor Klemperers LTI und Dolf Sternbergers Wörterbuch des Unmenschen. Semantische Trauer- und Trümmerarbeit war das Thema der Stunde. Man war aus der sprachlichen Überlieferung gefallen – alte Erfahrungen und Begriffe mussten überprüft, neue gestiftet werden. Koselleck war unter den damals jüngeren Historikern der begnadetste Begriffszauberer – viele seiner Begriffe, »Erfahrungsraum«, »Erwartungshorizont« oder die berühmte »Sattelzeit«, sind aus dem Sprachhaushalt der Historiker heute kaum mehr wegzudenken.

Nicht nur fielen die Grundbegriffe in der »Sattelzeit« an der Schwelle zur Moderne nach Kosellecks Diagnose aus ihrem alten »Erfahrungsraum« und streckten sich nach einem neuen »Erwartungshorizont« – die Begriffsgeschichte selbst bildete in den sechziger Jahren einen intellektuellen Erwartungshorizont aus. Wer die Begriffe zu lesen verstand, der wurde ganz neu über die geheimen Bewegungsgesetze der Moderne aufgeklärt. Die eigentlichen geisteswissenschaftlichen Leistungen der Bundesrepublik – das unter Joachim Ritters Führung herausgegebene zwölfbändige Historische Wörterbuch der Philosophie und die maßgeblich von Reinhart Koselleck konzipierten neunbändigen Geschichtlichen Grundbegriffe – waren große Baustellen des Begriffs.

Wie für viele aus der besiegten Soldatengeneration war auch für Koselleck, der aus seiner schlesischen Heimat vertrieben wurde, die Anerkennung der Bundesrepublik ein Erfahrungsstiftungsprozess. Mit distanzierter Sympathie hat er die Entwicklung des Landes begleitet – nie wurde die Bundesrepublik für Koselleck aber das gelobte Land. »Der Begriff einer ›Bundesrepublik‹ enthält keinerlei theologische Bedeutung mehr«, schreibt er in seinen Begriffsgeschichten über die Bundessemantik.

Koselleck hat hinter der historischen Fixierung auf die Nation immer schlechte Teleologie gewittert. Noch in seinem letzten Aufsatzband Zeitschichten (2000) hat er den Begriff der Nation für unbrauchbar erklärt. »Die deutsche Geschichte ist, dank ihrer föderalen Rahmenbedingungen, immer schon vornational oder nachnational zugleich.« Diesseits des Nationalstaats – heißt nun ein programmatischer Aufsatz am Ende seiner Begriffsgeschichten. Wieder schlägt er sich auf die föderale Seite. Im Rückblick mutet seltsam an, dass die Nation für den vermeintlich konservativen Historiker Koselleck eine methodisch viel problematischere Größe war als für seine Lieblingsgegner von der kritischen Gesellschaftsgeschichte. Koselleck denkt weniger national als die Sozialhistoriker und natürlich auch als sein früher Mentor Carl Schmitt, an dessen intellektuellem Gängelband er 1954 noch seine berühmte Dissertation Kritik und Krise geschrieben hatte. Für den souveränen Staatstheoretiker Schmitt zählt der »Föderalismus« neben dem »Pluralismus« und der »Polykratie« zu den drei großen Gefahren staatlicher Einheit. Ausgerechnet die föderale Idee einer »geteilten Souveränität« – für jeden Schmittianer ein echtes Ding der Unmöglichkeit – empfiehlt Koselleck nun als Ordnungsmodell für Europa. »Was immer Europa sein mag, es gibt ein föderales Minimum, das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch erreicht werden muß und das wir wahren müssen, wenn wir auf diesem Kontinent leben wollen.«

Die Sammlung seiner Begriffsgeschichten demonstriert eindrucksvoll, wie weit sich Koselleck von den begriffspolitischen Vorgaben seiner einstigen Mentoren emanzipiert hat – wenn Koselleck uns auch selbst einen so unreflektierten Gebrauch des alteuropäischen Rechtsbegriffs »Emanzipation« wohl kaum hätte durchgehen lassen. Für Carl Schmitt war der Begriff, wie seine politische Aufsatzsammlung Positionen und Begriffe im Kampf mit Weimar, Genf und Versailles 1940 schon im Titel polemisch anzeigt, eine Waffe im Weltbürgerkrieg. Auch der Mediävist Otto Brunner, Kosellecks Mitherausgeber der Geschichtlichen Grundbegriffe, verband mit den Begriffen ein kämpferisches Interesse. Auf dem Historikertag in Erfurt 1937 schrieb er sich die »Revision der Grundbegriffe« auf seine Fahne. In einer neueren langen Fußnote würdigt Koselleck Brunners methodisches Verdienst, die Wiederentdeckung der »quellensprachlichen Anschaulichkeit« der Alten Welt, zieht aber einen deutlichen Trennstrich zu seiner Alteuropa-Ideologie. Was Brunner und Schmitt mit ihrer Begriffspolitik noch einmal bezweckten, zieht Koselleck selbst in die Reflexionsschleife – die »Ideologieanfälligkeit« moderner Begriffe.

Reinhart Koselleck ist mit der Zeit immer mehr in die Rolle eines theoretischen Übervaters der Begriffsgeschichte geschlüpft. Seine gesammelten Studien sind sein Vermächtnis; nie zuvor hat er das Ethos seiner unermüdlichen Begriffsarbeit so aufscheinen lassen. Gerade in unseren Zeiten empfehlen sich seine theoretisch »gehegten« Begriffsgeschichten als wirksames Gegenmittel gegen neue Feinderklärungen. »Vorsicht vor jeder Stereotype«, so Koselleck 1993 am Ende seiner Dankrede vor der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung – »sie wird zum Begriffskäfig, der das Denken verhindert, das Handeln verkürzt. Vorsicht vor dem Dualismus – hinter ihm lauern nur fiktive Feinde. Nutzen wir die Sprache der Anderen… Vermutlich ist der Andere dann kein Feind.«