DDR Lustvolle Störgeräusche
Wie Dada-Flüsterer und Lärmpoeten den Sozialismus zum Wippen brachten, erzählt die Text- und Klangsammlung "Spannung. Leistung. Widerstand." aus dem Berliner Verbrecher Verlag
Ein totalitäres Staatswesen hat selten Interesse daran, gegenkulturelle Strömungen öffentlich zu machen. Kommt es zum Zusammenbruch, erscheinen Dissidenten im Licht mysteriöser Legendenbildung. Ein versunkenes Atlantis, was da wohl alles unten liegt. Womöglich lauert dort eine Kriminelle Tanzkapelle oder gar Der Schwarze Kanal oder die Erweiterte Orgasmus Gruppe? Harmlos werden auch die Freunde der Italienischen Oper nicht gewesen sein, sie alle tummeln sich in der Text- und Musiksammlung Spannung. Leistung. Widerstand. – Magnetbanduntergrund DDR 1979–1990. Mitsamt zwei Musik-CDs erscheint das Buch beim Berliner Verbrecher Verlag und beim Hamburger Plattenlabel ZickZack.
Die Herausgeber Alexander Pehlemann und Ronald Galenza führen mit kleinen Aufsätzen, Interviews, Gedichten oder Pamphleten in das virulente Schaffen einer Literatur-, Kunst- und Musikszene. Vom Prenzlauer Berg bis nach Karl-Marx-Stadt gab es wild wuchernde Netzwerke, es trafen sich nebenberufliche Aktionskünstler, Elektrobastler und Aussteigerdichter sonntags zum Musikaustausch in den Wohnzimmern. Auf illegalen Konzerten entfachten Dada-Flüsterer und Lärmpoeten wütenden Gitarrenpunk und metallischen New Wave, eine düstere Theatralik zwischen Brecht und Burroughs.
Weil Ausrüstung Mangelware war, schraubten und löteten die Akteure zusammen, was sich, neben Casio-Keyboards und Commodore-Computern, nicht aus dem Westen beschaffen ließ. Ihr Medium war die handliche Magnetbandkassette: »Lustvolle Störgeräusche sägten an der Uniformität eines als erdrückend langweilig empfundenen Alltags«, schreibt Radiojournalist Ronald Galenza in Daten-Dandys und Tape-Täter.
Welche Rolle der Punk spielte, beleuchtet Christoph Tannert , während Thomas Roesler den Unterschied zwischen Dissidentenboheme und Subkultur klarstellt: »Als die nette Christa Wolf in der Akademie der Künste zeitgleich aus ihrer Kassandra die Zeigefinger-Pose vortrug, hab ich vor versammeltem Publikum den Stinkefinger gezeigt und Maulficken statt Warnung angeboten.« Sascha Anderson schildert seinen Konflikt als Stasi-Spitzel im alternativen Milieu. Offen bleibt, warum ein Held der DDR-Tape-Kunst nach der Wende bei der Dumpfrocktruppe Rammstein einstieg. Ganz anders die Brüder Lippok, die in den Neunzigern ihre elektronischen Klangexperimente zu immer neuen Projekten, von Dub und Postrock bis zum preisgekrönten Hörspiel, führten. Ihr Treiben animierte Bert Papenfuß zu seiner Fußnotendichtung Fratelli Lippok – The Story of Ornament & Verbrechen, als Cut-up-Wortspiel, inmitten der Kapitel das lyrisch gewagteste, auch wenn allen der Geruch vom Lötzinn anhaftet, der die Elektronik zu heißen Drähten des Widerstandes verschmolz.
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Hören Sie hier einige Stücke von der Doppel-CD "Spannung. Leistung. Widerstand.", der Musikveröffentlicher ist die Hamburger Plattenfirma ZickZack . Dazu ein paar Erläuterungen, die mit freundlicher Genehmigung des Verbrecher Verlages in Auszügen aus den umfangreichen Liner Notes am Ende des Buches zusammengestellt sind.
Die Aufnahme entstand in einem Ost-Berliner Proberaum, der heute ein Puff ist, in der Zeit kurz bevor Skinheads im Oktober 1987 ein Konzert der Gruppe Element of Crime stürmten.
3. Corp Cruid: 37 Grad Celsius (Wilhelm Reich/Corp Cruid)
Aufgenommen 1988 in der Wohnung von Ronald Lippok auf einer Uher-4-Spur-Bandmaschine. Der Text stammt aus einem Radiomitschnitt eines Vortrages von Wilhelm Reich. Die Kassette erschien 1989 auf dem von Lippok gegründeten Bleibeil-Label in einer Edition von 30 Exemplaren.
4. Taymur Streng/Ornament & Verbrechen: Das sentimentale Ufo
Gespielt wurde auf drei Keyboards im Heimstudio Streng in Mahlsdorf 1985.
5. Rosa Extra: Was mir deine Schleuder, ist dir meine Waschmaschine
Im Proberaum Fehrbelliner Straße kamen 1982 neben Bass, Schlagzeug, Saxofon und Gitarre das Tesla-Tonbandgerät als Verzerrer und ein Röhrenradio als Verstärker zum Einsatz. Der Text stammt aus Stefan Dörings Gedichtband heutmorgestern, erschienen 1989 im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar.
6. Ornament & Verbrechen feat. (Members of) Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot: keilter schwaß
Aus privaten Sessions im Oktober/November 1989, am Tag nach dem Mauerfall sprach Bert Papenfuß den Text nachträglich auf, 1990 erschien das Stück auf der LP On Eyes beim West-Berliner Label Hidden Records.
Ein Küchenrekorder für 50 Mark diente Anfang 1989 als kreativer Gerätepark.
8. Grabnoct: Töten und Fressen
Auslöser waren hier die a.g.mauerstein-Ausstellungen 1987-88 von Igor Tatschke, im Wohnzimmer der Gruppe Grabnoct wurde gemeinsam mit Sampler und Drumcomputer herumprobiert. Auf den Ausstellungsparties liefen die Ergebnisse, später kam es auch zu Live-Konzerten in Berlin und Leipzig. Doch dann bekam Igor Tatschke im Januar 1988 seine Ausreise nach West-Berlin.
Aufgenommen im Studio Sonnenklang in Karl-Marx-Stadt 1986. A. F. Moebius war ein gelegentliches Soloprojekt von
Frank Bretschneider
, benannt nach dem Mathematiker und Geometrieprofessor August Ferdinand Möbius. Bretschneider spielte auch in der bekannten DDR-Band AG Geige, nach der Wende gründete er mit Olaf Bender und Carsten Nicolai das Elektronik-Label
Raster Noton
.
Spannung. Leistung. Widerstand. – Magnetbanduntergrund DDR 1979–1990
; Hrsg. von Alexander Pehlemann und Ronald Galenza; Verbrecher Verlag, Berlin 2006; 192 S. und 2 CDs mit 48 Stücken, 29,90 €
- Datum 10.05.2007 - 10:48 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.12.2006 Nr. 50
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