Soziologie Von Tieren, die kochen

Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann hat in den Küchen studiert, wie die Identität des modernen Subjekts lustvoll zusammengerührt wird.

In einem von zehn Haushalten der zweiten Moderne, in der wir leben, ist es der Mann, der die Rolle des Küchenchefs übernimmt – so der Befund des französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmanns. Neben diesem männlichen Star, der selten die häusliche Bühne der Küche betritt, findet sich dann noch der Handlanger, der das Gemüse schält, und der Pascha, der sich, unter dem Vorwand der Unbegabtheit, hemmungslos bedienen lässt. Ansonsten ist es nach wie vor die Frau, die durch die einsame Arbeit in der Küche die Errichtung des Familienzusammenhalts betreibt. Das Interesse des Soziologen vom Centre national de la Recherche scientifique der Pariser Universität Sorbonne gilt seit langem schon diesem Rollenproblem, der Frage nach der Herstellung von Individualität in der Moderne, der Frage nach der Erfindung des Ich in einer hochkomplexen Welt. Schon andere Bücher Kaufmanns haben das zum Thema gemacht: die Haushaltstätigkeiten wie Bügeln, Putzen, Fegen und Waschen oder das Frühstück »am Morgen danach«, an dem sich beobachten lässt, wie eine Liebesgeschichte entsteht.

Kaufmanns neues Buch, Kochende Leidenschaft, gilt nun der Alltäglichkeit des Kochens und der Mahlzeiten und dem Zusammenhang dieses doppelten Tuns mit der Familie und ihrer Konstruktion in der Kultur. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten, so Kaufmanns These, tritt die Architektur der Familie zutage, sie wird hier gewissermaßen erst ausgehandelt. Und der Küchenchef in der Familie – Frau oder gelegentlich auch Mann – ist deren Architekt. An Herd und Tisch vollzieht sich aber nicht nur die Arbeit an der Herausbildung familialer Strukturen, sondern auch die der Herstellung des modernen Subjekts, das war im Übrigen schon ein Gedanke von Norbert Elias: Im Prozess der Zivilisation, am genauesten wahrnehmbar im Alltags, entsteht moderne Subjektivität. So ist endlich nicht nur der kochende, sondern auch der essende Mensch in der modernen Welt der Freiheit und Ungewissheit, mit all ihren Vor- und Nachteilen, als ein spontanes Ich angekommen.

Das Subjekt steht vor dem Dilemma, sich für das Gemeinschaftsmahl am Familientisch zu entscheiden oder seine individuelle Esslust, als Einzelgänger, aus dem Kühlschrank und seinen Vorräten zu stillen. Diese kaum begründbare Entscheidung zwischen der Hingabe an die Gruppe und der Herausbildung individueller, impulsiver Lust ist das Kennzeichen eines Individuums, das eine Lebenswelt mit einer Komplexität ohnegleichen zu bewältigen hat. Erschwert wird die Entscheidung noch durch den kaum auflösbaren Konflikt zwischen der Idee vom freien Individuum, das seine Entschlüsse rational trifft, und dem von Trieben und Wünschen gesteuerten Subjekt, das seine »kleinen Passionen« auslebt – wozu die Koch- wie die Esspassion gehören. Die Arbeit in der Küche und das Miteinander am Familientisch stellen, so gesehen, ein geradezu ideales Experimentierfeld dar. Vielleicht ist nur das Feld von Sexualität und Liebe von vergleichbarer soziologischer Bedeutung.

Mit anderen Worten: Man muss, bei der Analyse der Entscheidungsmechanismen in der Gesellschaft, damit rechnen, dass das moderne Individuum nicht vom Gehirn allein gesteuert, sondern vielmehr ein alles fressender Primat ist, der von Fett und Zucker angezogen wird. Der Mensch ist das Tier, das kocht. Seine Strategien kultureller Selbstkonstruktion entspringen dieser unauflösbaren Zwiespältigkeit des »bipolaren Menschenaffen« (de Waal). Es ist die Kunst der kleinen Arrangements, des fortgesetzten Experimentierens, der flüchtigen kognitiven Basteleien, auf die es ankommt.

Kochen führt in eine Welt von höchster Komplexität

Genau genommen liefert Kaufmann keine Theorie der Gesellschaft, wie der deutsche Buchtitel verspricht, sondern nur das, was man eine erzählende Soziologie nennen könnte. Das Forschungsinstrument, dessen Kaufmann sich bedient, nennt er das »verstehende Interview«: ein Gespräch, keine Befragung nach Statistik und Checkliste, mit nicht mehr als 22 Testpersonen, das in minutiöser Weise nachträglich von den soziologischen Interviewern in »dichter Beschreibung«, ausgewertet wird.

Kaufmann erzählt also Geschichten: zwei große im ersten Teil seiner Arbeit; zahllose kleine im zweiten und dritten. Zunächst geht es ihm – und hier resümiert er die seit langem bestehende (leider nur französische) Kulturforschung des Essens – um die Ordnungsgeschichte der Nahrungsmittel und die Geschichte der wechselnden Funktionen von Mahlzeiten in der Kultur. Die erste erzählt von der minutiösen, zunächst religiösen, dann wissenschaftlichen Klassifizierung der Nahrungsmittel in reine und unreine, gute und schlechte, gesunde und schädliche. Die zweite handelt von den wechselnden Wert- und Sinnvorstellungen, die sich mit den Ritualisierungen der Mahlzeiten in verschiedenen Gesellschaften verbinden. Der mittlere Teil von Kaufmanns Buch wendet sich dann der Herstellung von Familienstrukturen und der Entwicklung von Individualitätskarrieren aus den häuslichen Kochakten und Mahlzeiten zu, gestützt auf Untersuchungen verschiedener Ethnien und Nationen, die von (vor allem französischen) Soziologen vorgelegt wurden.

Der dritte Teil, der sich dann der eigentlichen Arbeit der Speisenzubereitung in der Küche und ihrer Bedeutung für die Konstruktion der Familie widmet, wertet die von Kaufmann in den genannten Interviews erschlossenen Materialien aus. Die Grundthese des Autors lautet: Das Kochen als alltägliche Praxis der auf Familie und Subjekt bezogenen kulturellen Sinnerzeugung führt in Entscheidungswelten von unerträglicher Komplexität. Auch hier wird wirksam, was die moderne Welt insgesamt charakterisiert und Individualität beschädigt: Das Wissen über die Welt ist auf noch nie da gewesene Weise zugänglich. Aber die Entscheidung darüber, welches Wissen ausgewählt und benutzt werden soll, ist, angesichts der Auffächerung der Optionen, fast unmöglich geworden.

Auswahl der Lebensmittel, Entscheidung über die »Sonderangebote«, Zeitmanagement, Pathos-Zustände des Individuierungs-Geschehens im Wirken für die Gemeinschaft erschweren das Abenteuer der immer neu mit Sinn zu besetzenden Mahlzeiten-Rituale und der Profilierung einer Identität. Was hierbei immer wieder spontan geleistet werden muss und oft misslingt: das Individuum zu konturieren trotz immer weniger wirksamer Rollenzwänge. So zum Beispiel, wenn die Hausfrau, die sich strikt gegen Tiefkühlgemüse ausspricht, den Bohnen im Einmachglas, das sie von ihrer Großmutter kennt, größte Naturfrische zuschreibt.

Die Lust des Einzelnen und die Lust ebendieses Einzelnen, andere glücklich zu machen, erweist sich als wichtigstes Mittel, die zersplitterten Sinnstücke des Lebens einheitlich zu legieren. Kaufmann nennt die Sprache der Küche eine Ersatzsprache der Liebe. Wenn man es herkömmlich ausdrücken will: Liebe geht durch den Magen. So würde sich, auch in der zweiten Moderne, die Dynamik der Ernährung, die das Individuum sichert, und die Dynamik der Liebe und Sexualität, die den Fortbestand der menschlichen Gattung garantiert, noch ein wenig fortsetzen: als das Spiel zwischen Ich und Wir, welches das Spiel der Kultur ist.

Das Buch ist kein Ratgeber für richtige Ernährung. Es erheitert

Das Buch verzichtet leider auf die Erläuterung der Auswahlkriterien für die Testpersonen wie auch auf eine schichtspezifische Rekonstruktion ihrer Vorbildung an Lektüre und Wissen. Und verzichtet merkwürdigerweise ganz auf literarische Quellen. Der Titel ist unbeholfen und irreführend übersetzt, kein Lektor hat den Text begleitet – so voll von sinnentstellenden Fehlern und Auslassungen ist er. Das Buch ist auch kein Ratgeber für gute und richtige Ernährung. Aber doch ein Versuch der Beobachtung eines Redesystems über das Kochen und unsere Mahlzeiten, es erzählt nicht zuletzt eine Fülle amüsanter Geschichten widersprüchlichsten Koch- und Essverhaltens – in deren Irrsinn man sich schmunzelnd wiedererkennt.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 07.12.2006 Nr. 50
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    • Schlagworte Literatur | Norbert Elias | Soziologie | Kochen
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