Musik Heute war ich selig

Der Komponist Robert Schumann zeigt sich in seinen Briefen als Dichter – begeisterungsfähig und generös.

Armer Robert. Im jubiläumsbesessenen Deutschland macht der 150. Todestag nicht viel her, schon gar nicht im Mozart-Rausch der gebildeten Stände, die in den tausend Wolfgang-Festen jene Verzückung fanden, die dem entspannt patriotischen Volk durch die Fußballweltmeisterschaft zuteil geworden ist. Das Heldenlied von Jürgen Klinsmann freilich deutet eher nach Bayreuth, wo ohnedies Sommer für Sommer der Heerzug aller Mythen- und Göttergestalten Germaniens in dieser und jener Verkleidung bestaunt und bejubelt werden darf.

Unser Robert kann hier nicht mithalten, zumal der Schatten Richards seinen Ruhm schon zu Lebzeiten zu verdunkeln begann. Im Oktober 1845 schrieb Schumann aufgebracht an seinen Mentor Mendelssohn: »Da hat Wagner wieder eine Oper fertig (den Tannhäuser ) – gewiss ein geistreicher Kerl voll toller Einfälle und keck über die Maßen – die Aristokratie schwärmt noch vom Rienzi her – aber er kann wahrhaftig nicht vier Takte schön, kaum gut hintereinander wegschreiben und denken. Eben an der reinen Harmonie, an der vierstimmigen Chorgeschicklichkeit – da fehlt es ihnen allen… Die Musik ist um kein Haar breit besser als Rienzi , eher matter, forcirter! Sagt man aber so etwas, so heißt es gar ›ach, der Neid‹, darum sag’ ich es nur Ihnen, da ich weiß, dass Sie es längst wissen.«

Wagner? Den fand der Kollege »oft geradezu dilettantisch«

Der kecke Richard hatte Schumann die Partitur geschenkt, an die Eitelkeit, aber auch an die Fairness des Autors und Redakteurs der Allgemeinen Musikalischen Zeitung appellierend. Nicht vergebens. Nach der Uraufführung berichtigte er sich in einer Notiz für Mendelssohn: »Über Tannhäuser vielleicht bald mündlich; ich muss manches zurücknehmen, was ich Ihnen nach dem Lesen der Partitur darüber schrieb; von der Bühne stellt sich alles ganz anders dar. Ich bin von Vielem ganz ergriffen gewesen.«

Acht Jahre hernach urteilte er in einem Brief an den Wiener Kollegen Carl van Bruyck präziser: »Und ist es nicht das klare Sonnenlicht, das der Genius (Wagners) ausstrahlt, so ist es doch oft ein geheimnisvoller Zauber, der sich unserer Sinne bemächtigt.« Freilich fügte er rasch hinzu: »Aber … die Musik, abgezogen von der Darstellung, ist gering, oft geradezu dilettantisch, gehaltlos und widerwärtig… Doch genug davon. Die Zukunft wird auch über dieses richten.« Anders freilich, als es der Kritiker gedacht haben mag. Wagner sorgte für ein elementares Schisma der musikalischen Welt: hier der brave Anhang von Mendelssohn, Schumann und Brahms, dort die aufgeregte Gefolgschaft der Wagnerianer, die andächtigen Verehrer Bruckners, denen sich mit einer gewissen Distanz die Bewunderer von Richard Strauss zugesellten, da ihr Meister beides zugleich war, Brahms-Nachfolger und Wagner-Erbe. Ganz ist jene Parteiung bis auf den heutigen Tag nicht vergessen.

An Clara: »Das Weib steht doch höher als die Künstlerin«

Wir, die schüchtern-frommen Mitglieder der minoritären Schumann-Gemeinde, verdanken die Zitate dem schönsten der Jubiläumsgeschenke, das uns zuteil wurde: einer vorbildlichen Auswahl der Briefe, die bei der Insel erschien, unter dem angemessen poetischen Titel »Schlage nur eine Weltsaite an« , von Karin Sousa ausgewählt und sorgsam kommentiert. Doch sonst? Die Publikation der Krankenakte bei Schott (in der Nummer 30 dieser Zeitung vom 20. Juli angezeigt): keine heitere Lektüre, die uns über das traurige Ende eines paranoiden Opfers der Syphilis aufklärt, für Europa damals eine bösere Geißel als Aids für die Gesellschaft der Jahrtausendwende. Neben der Krankengeschichte verzeichnet das Schumann-Jahr drei Biografien von unterschiedlicher Qualität und Claras Blumenbuch . Auf CD wurde dies und das auf historischen Instrumenten eingespielt.

Auch die schöne Hélène Grimaud bediente sich in ihrem respektvollen Gedenkfilm für das Freundschafts- und Liebestrio Clara, Robert und Johannes (Brahms) für ein Zwischenspiel des Pianofortes, das der großen Clara gehörte. Doch in der Regel zog es die passionierte Botschafterin Schumanns vor, sein Genie auf dem Steinway zu präsentieren. Die sympathisch-selbstsichere Französin, die auf ihrem kanadischen Landsitz ein Rudel Wölfe unterhält, kümmerte sich kaum um den feministischen Vorwurf, Robert habe die Karriere seiner Clara zu blockieren versucht, habe ihre kompositorischen Talente erstickt, habe sie zum Hausmütterchen zu degradieren versucht. In der Tat begegnet man in seinen stürmisch drängenden Liebesbriefen der flehentlichen Bitte: »Das erste Jahr unserer Ehe sollst Du die Künstlerin vergessen, sollst nichts als Dir u. Deinem Haus und Deinem Mann leben, und warte nur, wie ich die Künstlerin vergessen machen will – nein das Weib steht doch noch höher als die Künstlerin, und erreiche ich nur das, dass Du gar nichts mehr mit der Öffentlichkeit zu thun hättest, so wäre mein innigster Wunsch erreicht.« Immerhin fuhr er beschwichtigend fort: »Deshalb bleibst Du doch immer die Künstlerin, die Du bist…« Überdies rief er ihr später zu: »Deine Romanze gefällt mir immer mehr und mehr, namentlich der Gedanke im Allegro vom 3ten Takt an, der ist wie von Beethoven und höchst innig und voll Leidenschaft. Willst Du nicht noch ein drittes Stück dazu komponieren?« In der Tat hielt er sich selber für das größere Kompositionstalent, und darin täuschte er sich nicht, doch er verkannte die Gaben seiner Frau keineswegs. Die kinderreiche Familie war bald genug auf die Honorare der Virtuosin angewiesen.

Ohne Zweifel war Robert, der zu viel trank und von schweren Depressionen heimgesucht war, ein schwieriger Partner. Den liebenswürdigsten Zug seines Wesens darf man in jener Generosität erkennen, die bei Musikern so wenig die Regel ist wie bei Dichtern oder Malern: »Klara, heute war ich selig. In der Probe wurde eine Symphonie von Franz Schubert gespielt. Wärst Du da gewesen. Die ist nicht zu beschreiben; das sind Menschenstimmen, alle Instrumente, und geistreich über die Maßen, und diese Instrumentation trotz Beethoven – auch diese Länge, diese himmlische Länge… Ich war ganz glücklich, und wünschte nichts, als wärest Du meine Frau und ich könnte auch solche Symphonien schreiben.« (Er konnte es, kürzer und konziser.)

Schumann also war’s, der für die Musik des Wiener Bruders (nicht nur im syphilitischen Leiden) das geniale Wort von der »himmlischen Länge« geprägt hat, das seither in aller Munde ist. Mag die Grammatik seiner Episteln allzu willkürlich sein: Er war ein Dichter. Kein Komponist von Liedern hat, vor ihm und nach ihm, mit seiner Musik in solch kongenialer Verschmelzung auch dem Wort gedient. Rüdiger Görner zitiert in seinem Epilog des Briefbandes den apodiktischen Satz aus dem Tagebuch: »Ton ist überhaupt componiertes Wort.« Das Umgekehrte wäre freilich ebenso wahr. Der hellhörige Musikjournalist Schumann wusste es wohl – ein Kritiker, der zu loben verstand (was ebenso selten wie mühselig ist). Mit welchem Enthusiasmus hat er Johannes Brahms, dem jungen Gefährten, den Weg geöffnet – so selbstlos, wie Felix Mendelssohn ihm die Tore zum ersten Ruhm aufgeschlossen hatte (und darum von den antisemitischen Ressentiments verschont blieb, die hin und wieder durch seine und Claras Aufzeichnungen geistern – darin Wagner näher, als es uns lieb ist).

Schüchtern beschwört er die Seligkeiten des eigenen Werks

An Johannes Brahms war der schöne und wirre Brief vom März 1855 gerichtet (das späteste schriftliche Zeugnis, das uns zukam), in dem er mit einer schüchternen Beschwörung der innig-romantischen Seligkeiten des eigenen Werkes die »Melodie-Harmonie auf Rauschen, Wipfeln« in der zweiten Sonate lobt. »Lieber und verehrter Freund, Sie schreiben im letzten Briefe: ›Sie wissen wohl, ein Dichter bittet nicht gern zu kargem Tische‹. Wie meinst Du denn das?« Ja, was? »Sie« oder »Du«? Es kam nicht mehr darauf an. »Auf baldiges Wiedersehen.« Es gab keines mehr.

 
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