Verhaltensforschung Sex and Crime

Dem Affenforscher Frans de Waal ist nichts Menschliches fremd.

Der Physiker Stephen Hawking hat kürzlich Zweifel angemeldet, ob die Menschheit fähig sei, »die nächsten 100 Jahre« zu überleben. An dem Wettbewerb der Pessimisten, den er auslöste, war der holländische Primatologe Frans de Waal nicht beteiligt, aber man darf annehmen, dass er Hawkings düsterer Prophezeiung, die Menschheit müsste ins Weltall ausschwärmen, um zu überleben, wenig abgewinnen könnte. Verhaltensforscher neigen nicht zu einem apokalyptischen Menschenbild. Sie haben Respekt vor den »großen Konstrukteuren Mutation und Selektion« (Konrad Lorenz) und als »gute Darwinisten« ein Gottvertrauen in den vernunftgemäßen Gang der Evolution.

De Waal hat Menschenaffen, mit denen wir genetisch zu 98 Prozent verwandt sind, seit Jahrzehnten beobachtet, teils im natürlichen Habitat, etwa in Tansania, mehr noch aber unter kontrollierteren Bedingungen in den Zoos von Arnheim und San Diego, seit Jahren nun als Leiter der Feldforschungsstation des Yerkes National Primate Research Center in Atlanta. Er hat viele gewaltsame Auseinandersetzungen, viel Blutvergießen gesehen. Ihm ist also nichts Menschliches fremd.

Aber es gibt auch zahllose Beispiele für einfühlsames, ja »altruistisches« Verhalten. Die Gorillafrau Binti Jua, die einen dreijährigen Jungen rettet, der ins Primatengehege gefallen ist; das Bonoboweibchen Kuni, das einen verletzten Vogel zu verarzten versucht; Affen, die sich liebevoll um verwundete oder behinderte Angehörige kümmern – das sind alte Bekannte aus de Waals früheren Büchern. Beispiele für Empathie, die er anführt, um mit dem Vorurteil aufzuräumen, der »Affe in uns« sei an der Misere unserer unbezähmbaren Aggression schuld. Der Affe in uns, darauf legt der Autor Wert, ist aber »bipolar« wie der Menschenaffe, dessen Gehirn groß genug ist für Empathie. Auf diese Schlüsseltugend sollten wir setzen: »Wenn wir es schaffen könnten, Menschen auf anderen Kontinenten als Teil von uns zu betrachten, sie in unseren Kreis von Reziprozität und Empathie mit einzubeziehen, dann würden wir auf unseren natürlichen Anlagen aufbauen, statt dagegenzuarbeiten.«

Um uns das Spektrum zu zeigen, das in uns steckt, konzentriert sich de Waal in seinem neuen Buch Der Affe in uns auf den Vergleich zweier Primatenspezies, von denen wir uns stammesgeschichtlich vor ein paar Millionen Jahren verabschiedet haben, zwei, die uns genetisch gleich nahe stehen, aber unterschiedlicher nicht sein könnten: Schimpanse und Bonobo. Der Fluch der Fremdenfeindlichkeit lastet auf dem Schimpansen, der Bonobo blieb von diesem Laster rätselhafterweise verschont. De Waal vergleicht beide in ihren Dominanzstilen, Reproduktionsstrategien und sozialen Strukturen, vor allem im Hinblick auf die Stellung unserer Spezies. Wir sollten von beiden etwas lernen können, hofft der Autor.

Bei Schimpansen dreht sich alles um Macht. Ein Alphamann an der Spitze dominiert, er hat das Sagen und die Aufgabe, Konflikte zu schlichten. Das garantiert eine gewisse Ordnung und seinen Reproduktionserfolg. Nach außen funktioniert die Gruppe nach dem Schema »Wir gegen die anderen«. An den Reviergrenzen kommt es zu erbitterten Kämpfen. »Territorialität« nennt man das Verhalten, durch das eine gleichmäßige Verteilung der Gruppen über einen begrenzten Lebensraum gewährleistet wird, so die Theorie. Das Machtgefüge ist allerdings nie lange stabil, da die nachrückenden Männchen mit allen Mitteln der Intrige, opportunistischen Koalitionen et cetera an die Spitze streben. Man fühlt sich in alte Epen versetzt – die Nibelungen oder Shakespeares Intrigenwelt. In den Kämpfen verausgaben sich Schimpansen völlig und sterben selten friedlich in ihrem Schlafnest.

Anders der liebenswürdige Bonobo, der »verheimlichte Menschenaffe«, wie de Waal ihn nennt, weil er erst spät in den dreißiger Jahren entdeckt wurde und von einigen Forschern aus erkennbar chauvinistischen Gründen, wie der Autor meint, nicht ernst genommen wird. Denn bei den Bonobos gibt es keine tödlichen Schlachten, keinen Kindsmord. Bei ihnen regieren die Weibchen, und zwar mit der unschädlichsten Waffe: mit Sex. Bonobos, lateinisch Pan paniscus, sind buchstäblich »pansexuell« und strafen die Vorstellung Lügen, Sex diene einzig der Fortpflanzung. Sie ziehen in Gruppen, ihre Söhne am Rockzipfel, friedlich umher und paaren sich mit jedem, der des Wegs kommt. Promiskuität ist hier Nachbarschaftspflege. Das macht männliche Territorialkonkurrenz obsolet. Denn erstens »wirkt sich sexuelle Durchmischung natürlich auf die Reproduktion aus: Gegnerische Männer könnten Brüder, Väter, Söhne sein. Und zweitens ist es für Männer nicht sinnvoll, Leib und Leben zu riskieren, um an Frauen zu kommen, die ohnehin Sex mit ihnen haben wollen. Bonobos zeigen uns, unter welchen Bedingungen sich friedliche Beziehungen zwischen Gruppen entwickeln können.«

Wir fragen uns angesichts solcher Unterschiede, für die es noch keine schlüssige Erklärung gibt: Kann es sein, dass der Autor sie etwas übertrieben hat, um unsere Dr.-Jekyll- und-Mr.-Hyde-Zerrissenheit in dramatischerem Licht erscheinen zu lassen? Jedenfalls will einem der zarte Bonobo eher wie eine Traumvision von Matriarchatsforscherinnen erscheinen, während wir den Schimpansen täglich im Spiegel oder auch im Fernsehen sehen.

Wenn es um Krieg und Frieden geht, macht sich der erklärtermaßen friedliebende Holländer nicht weniger Sorgen als Hawking. Einmal, nach dem Fall der Mauer, wurde er von einer »Denkfabrik« nach Washington, D.C., eingeladen. Die Supermacht plante die »neue Weltordnung«. Dort erzählte er, dass sich Supermächte, die auf Konsensbildung verzichten, bei Schimpansen nicht lange halten, da sie Gegenkoalitionen provozieren. Von Affen wollten sich die Leute vom Pentagon aber nichts sagen lassen.

De Waal hat mit Der Affe in uns ein sehr vergnügliches, unverhohlen voluntaristisches Buch geschrieben. Aber warum wir, die wir aus unserer Geschichte nichts lernen (außer ebendieser Erkenntnis, wie Hegel spöttisch bemerkte), ausgerechnet von unseren noch tumberen Vettern lernen sollten, ist nicht plausibel. Immerhin sind, was den weiteren Gang der Evolution angeht, noch längst nicht alle Würfel gefallen. »Es gibt keinen hieb- und stichfesten Beweis, dass wir immer so gewalttätig gewesen sind wie in den letzten paar Jahrtausenden. Aus Sicht der Evolution sind ein paar tausend Jahre nichts.«

 
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