Wer einmal abgrundtief in die Seele eines Fußballtrainers blicken und das Bundesliga-Business verstehen will, muss eigentlich nicht mehr tun, als zur Säbener Straße Nummer 51 in 81547 München zu fahren. Dort, vor dem Vereinsheim des großen FC Bayern, ist dem Münchner Meistercoach Felix Magath zwar eine eigene Parkbucht zugewiesen, doch auf dem zugehörigen Schild steht nicht etwa »Magath«, sondern schlicht »Trainer«. Das Parkplatz-Schild des Trainers beim FC Bayern München. Es ist, der Einfachheit halber, nicht mit einem Namen versehen BILD

Parkplätze und »Trainer« (ob sie nun gerade Magath oder Meyer, Doll oder Daum heißen) gehören im Fußball so eng zusammen wie Tor und Netz. Jede Berufsstation eines Trainers beginnt und endet an diesem banalen, asphaltgrauen Ort: Am ersten Arbeitstag rollt der Neue mit seinem Wagen in die ihm zugewiesene Parkbucht vor der Geschäftsstelle, zieht die Handbremse, den Zündschlüssel, öffnet die Tür und steigt aus mit nichts als sich selbst – und dem Wissen, mit nichts als sich selbst wieder von diesem Parkplatz zu verschwinden, wenn er ein paar Jahre später entlassen worden ist.

Im Schnitt nach 35 Monaten. Jedes Schild hält also länger als ein Coach.

Nun jedoch, zum Ende des Weltmeisterschaftsjahres 2006, in dem der Fußball die Deutschen beschäftigt hat wie lange nicht, scheint ein »branchenübliches Gesetz« (wie die Branche es nennt) plötzlich außer Kraft gesetzt zu sein: Normalerweise kommt jeden Spätherbst Bewegung auf die Trainerparkplätze, ein hektisches Aus- und Einparken setzt ein, besonders vor den Clubhäusern der abstiegsgefährdeten Vereine. Demnach müssten Thomas Doll in Hamburg (seit 25 Monaten im Amt) und Jürgen Klopp in Mainz (mit 69 Monaten schon weit über Verfallsdatum) längst den Rückwärtsgang eingelegt haben – ausgerechnet jene beiden jungen Fußballlehrer, die Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack unmittelbar nach der WM zu Prototypen für einen künftigen Bundestrainer erklärt hatte.

Dolls Hamburger SV hat in dieser Saison von 15 Ligaspielen nur eines gewonnen und hängt auf dem vorletzten Platz der Tabelle fest. Erfolgloser ist nur die Mannschaft Jürgen Klopps, der den Deutschen im Sommer im ZDF noch den Weltfußball erklärte, den nun aber die Kameras desselben Senders in tiefer Ratlosigkeit filmen, verzweifelt auf den Lippen kauend, während sein FSV Mainz 05 wieder und wieder verliert. Und doch können sich Klopp und Doll bislang über fehlende Solidaritätsbekundungen von Fans und Vorgesetzten nicht beklagen, sogar die sonst üblichen Spottgesänge der gegnerischen Schlachtenbummler (»Willst du Mainz mal oben sehen, musst du die Tabelle drehen«) bleiben weitgehend aus.

Auch die Statistik liefert Erstaunliches: Gab es in der vorigen Saison bei den 18 Bundesligaklubs elf vorzeitige Trainerwechsel, sind es in dieser Spielzeit bislang zwei – maximal drei, wenn man die Trennung von Borussia Dortmund und Bert van Marwijk zum nächsten Saisonende mitzählt. Hat die Liga etwa gelernt, sich in Geduld zu üben?

Ottmar Hitzfeld, der bis 2004 vor dem »Trainer«-Schild beim FC Bayern parkte und seither aus dem schweizerischen Skiort Engelberg in die Mühen der Ebene blickt, will so weit nicht gehen. »Es ist zwar begrüßenswert, wenn Vereine hinter ihren Trainern stehen, aber einen Trend kann ich da leider nicht erkennen«, sagt der 57-Jährige, der sich jeweils sechs erfolgreiche Jahre in Dortmund und in München halten konnte. Hitzfeld sieht derzeit kaum mehr als die ungewöhnliche Konstellation, »dass ausgerechnet die beiden Trainer mit den größten Sympathie- und Kompetenzwerten unten stehen«. Jürgen Klopp habe über Jahre bewiesen, was er mit akribischer Arbeit aus einem finanzschwachen Verein herausholen könne, sagt Hitzfeld, und auch Thomas Doll habe sich »sehr viel Glaubwürdigkeit erarbeitet, durch seine Erfolge und sein Auftreten. Er ist selbstkritisch und ehrlich.«