Chile Dieser verdorbene Greis!

Bis zuletzt verteidigte der chilenische Ex-Diktator Augusto Pinochet seinen blutigen Terror. Am Sonntag erlag er den Folgen eines Herzinfarktes. Ein persönlicher Nachruf

Der General Pinochet lag im Sterben? Absurde Neuigkeit! Für mich ist dieser chilenische Massenmörder schon gestorben, seit ich seinen Namen kenne: seit dem faschistischen Militärputsch 1973.

Ach, man möchte indigniert schweigen. Und die Versuchung ist groß, das sarkastische Bonmot von Karl Kraus zu zitieren, der 1933 den blutjungen Hitler-Faschismus in seinem Essay Dritte Walpurgisnacht als eine »grundstürzende Veränderung« erkannte. Der berühmt-berüchtigte Satz des wortreichen Polemikers heißt: »Mir fällt zu Hitler nichts ein.«

Damals blieb dem Wiener Literaten angesichts der Nazidiktatur das Wort im Halse stecken, was ihn allerdings nicht hinderte, nach dem Punkt hinter diesem lapidaren Anfangssatz den längsten Essay seines Lebens zu schreiben. Mit diesem ersten Witzwort wollte Karl Kraus sich damals nicht etwa heraushalten aus dem Streit der Welt, sondern, noch radikaler: Er wollte damit gleich zu Beginn signalisieren, dass mit dem faschistischen Regime in Deutschland Verhältnisse sich etabliert hatten, die jenseits jeder vernünftigen Kritik waren. Dem Wortakrobaten Karl Kraus dämmerte es: Worte helfen nicht gegen den rational organisierten Wahnsinn eines ganzen Volkes.

Der professionelle Weltuntergangsprophet Karl Kraus roch schon 1933 den süßlichen Gestank des Rauchs, der zehn Jahre später aus den Schloten der Verbrennungsöfen von Auschwitz aufstieg. In solch einem Inferno der letzten Tage der Menschheit sind auch wahre Worte nur noch Schall und Rauch.

Und nun also der greise Diktator Pinochet, eine finstere Lichtgestalt in der Tradition so lupenreiner Demokraten wie Hitler, General Franco, Salazar, Mussolini, Stalin, Ulbricht, Nicolae Ceauşescu, Mao, Pol Pot, Castro, Kim Jong Il, Saddam Hussein, Ahmadineschad, Baschar al-Assad, Lukaschenko, Hugo Chávez, Putin.

Ein Wort fällt mir nun doch ein und ist womöglich wert, niedergeschrieben zu werden. Dieser verdorbene Greis Pinochet: Er verteidigte bis zuletzt, auch als Angeklagter vor chilenischen Gerichten, seinen Putsch vor über dreißig Jahren gegen den gewählten linksliberalen Präsidenten Salvador Allende in Santiago de Chile. Und er verklärte die jahrelangen Massaker gegen das eigene Volk mit einer tolldreisten Behauptung: Er habe mit diesem blutigen Terror letztendlich der Demokratie in Chile zum Siege verholfen. Ja, dieser große Terror gegen die Linksregierung sei damals notwendig gewesen, weil er damit eine noch größere Not abgewendet habe.

Dieser Gedankengang ist für uns Deutsche von Interesse. So würde sich auch unser Führer Adolf Hitler verteidigen, wenn er, wie Kollege Pinochet, 91 Jahre alt geworden wäre: Die Abschaffung der Demokratie 1933 habe den Sieg der stalinistischen Kommunisten unter Ernst Thälmanns KPD, also die Bolschewisierung Westeuropas verhindert und so, mit einem kleinen historischen Umweg über Leichenberge, der Demokratie in Deutschland den Weg geebnet. Also: Hitler als ein dialektischer Geburtshelfer der wahren Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. Die Demokratie mit blutigem Kaiserschnitt herausgerissen aus dem kranken Mutterleib der falschen Demokratie in der Weimarer Republik.

Die Opfer solch einer Idioten-Apologetik, all die Millionen Toten, die ermordeten Häftlinge und Deportierten, die zivilen Kriegsopfer und die gefallenen Soldaten, schreien in der Hölle vor Empörung, schreien im Himmel vor Entsetzen, sie brüllen in den Massengräbern mit blutiger Erde im aufgerissenen Mund. Und das verschlägt auch mir die Sprache.

Was soll man weiter sagen, als dass es demoralisierend ist, wenn solch ein uniformierter Lump friedlich und hochbetagt im Bett stirbt statt am Galgen.

Wir kennen den schon zu Tode zitierten Satz des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein im Tractatus Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. – Ich habe allerdings manchmal die Erfahrung gemacht, dass man wohl beschweigen soll, wovon man nicht reden kann, aber: Man kann es womöglich singen.

In den Tagen des Putsches 1973 passierte eine unerhörte Begebenheit, idealer Stoff für eine Ballade: Ein schwedischer Kameramann filmte damals eine Straßenszene in Santiago de Chile. Das zeigten seine bewegten Bilder: Eine Truppe Soldaten des Putschgenerals Pinochet schießt wild in eine unbewaffnete Menschenmenge. Männer, Frauen, Kinder fliehen in Panik, viele bleiben, niedergestreckt von den Gewehrkugeln, auf dem Pflaster liegen. Und dann zeigt dieser Drei-Minuten-Film einen einzelnen Soldaten. Der Kameramann hatte ihn mit der Gummilinse nah herangezoomt. Man sieht genau den Stahlhelm. Die Waffe zielt genau ins Zentrum des Bildes – es ist klar: Da schießen zwei Menschen aufeinander, allerdings mit sehr verschiedenen Waffen. Kamera gegen Karabiner. Und beide treffen sehr gut, denn plötzlich taumelt das Bild weg vom schießenden Soldaten, und der Film bricht ab.

Chile. Ballade vom Kameramann
Genossen! Nun sagt was! Erinnert sich keiner?
Mensch, wenigstens einer!
Es muß hier doch einer
Den Namen noch wissen und wo und wann
Er starb in Chile, der Kameramann!

In Santiago, im blutigen Jahr
Da fielen so viele, zu viele
Und das ist Chile in einem Wort:
Ein Mann filmt seinen Mörder beim Mord!

Ach, Macht kommt aus den Fäusten
Und nicht aus dem guten Gesicht
Aus Mündungen kommt die Macht ja
Und kommt aus den Mündern nicht
Genossen, das ist klar
Das ist und bleibt auch wahr
Das ist die bittere Wahrheit
Der Unidad Popular

Das ist uns ein lehrreicher Film geworden
Ich sah das Geschäft der Soldaten: das Morden
Ich sah solche Bilder, die jeder kennt:
Das Volk rennt über das Pflaster ums Leben
Und wie die Gewehre die Straßen fegen
Und wie sich Proleten hinlegen zum Sterben
Ich sah die Geschosse reißen die Kinder
Und wie sich die Fraun auf die Toten schmeißen

Du siehst bei der Arbeit mit der MP
Besonders dies Vieh, dieser Bulle mit Stahlhelm
Wie der an den Kiefer die Knarre preßt
Und wie er sich Zeit läßt beim Zielen, beim Zielen…
Der Kameramann zielt genau auf den Mann
Der Mann legt genau auf die Kamera an
Dann wackelt das Bild, der Film reißt ab
– das ist es, was ich gesehen hab:

Ach, Macht kommt aus den Fäusten
Nicht nur aus dem guten Gesicht
Aus Mündungen kommt die Macht ja
Und kommt aus den Mündern nicht
Genossen, das ist klar
Das ist und bleibt auch wahr
Das ist die kostbare Wahrheit
der Unidad Popular.

Die Kugel kam aus der Knarre
Die kam aus der Kamera nicht!
Und unser Kampf geht da weiter
Wo dieser Film abbricht:
Mit Knarre und Gitarre
Genossen, das ist klar
Und das ist die ganze Wahrheit
der Unidad Popular.

Diese Ballade schrieb ich drei Jahre vor meiner Ausbürgerung, also noch in Ost-Berlin. Dort in der Chausseestraße hatte ich den kurzen Dokumentarstreifen in der Glotze gesehn. Und weil ich genügend Lieder und Gedichte über das Unrecht und die Verbrechen im eigenen Lande und im sozialistischen Lager geschrieben hatte, nahm ich mir auch das Recht, gegen die Barbarei am anderen Ende der Welt in Südamerika zu schreiben und zu singen.

Egal, wo der Einzelne geboren wurde und verankert ist mit seinem kleinen Menschenleben, er gehört ganz nebenbei auch noch zur ganzen Menschheit. Und die Tränen der Mütter sind überall salzig.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein durch und durch feuilletonistischer Beitrag im Ressort Politik. Man muss bedauern, dass Pinochet nicht zur Rechenschaft gezogen wurde. Aber wie ist es um Biermanns Moral bestellt, wenn er es demoralisierend findet, dass Pinochet nicht am Galgen endete? Ich wünsche mir keine Plädoyers für den Galgentod in der ZEIT.

    • Devin
    • 11.12.2006 um 23:42 Uhr

    @medardus. Am Galgen sind so viele gestorben, als Kriminelle die einen, als Rebellen die anderen und gar mancher fast, weil er den Humor selbst dort nicht zu verlieren gedacht; ich denke da an Villon und seine Spießgesellen und ich bin froh, dass eine Kreatur wie Pinochet in seinem Bett gestorben war, weil dann nämlich der Galgen frei bleibt für die Opfer bürgerlicher Macht und Ohnmacht und nicht beschmutzt wird - mit den Tätern.

  2. Selten sowas ergreifendes gelesen - Sehr gut!

    • Devin
    • 11.12.2006 um 11:47 Uhr

    Sehr gut, ja, und doch nicht gut genug! Weil hier kein Wort zu finden ist, von denen, die einen Pinochet gerufen haben, weil sie ihn brauchten! Da war zunächst die US-Regierung, die den Putsch unmittelbar/mittelbar organisierte (Pinochet ist einer von ihnen!). Und da war da eine große bekannte Lady – eine Mrs. Thatcher -, welche sich nicht scheute, diesen Schlächter als einen ihrer Freunde zu bezeichnen. Keine Frage, Frau Thatcher ist nur verantwortlich für die Vernichtung von massenhaften Arbeitsplätzen und damit vielleicht nur mittelbar für so manches zu kurzes Proletenleben, während ein Pinochet keine solche Umwege ging, als er seine Gegner, die nun seine Opfer waren, kurzerhand aus dem Hubschrauber warf. Über 3000 sollen sie sein - Menschen von denen es nicht einmal mehr die Knochen gibt, um sie zu identifizieren.
    Eine solche Kritik kann man von einem Biermann heute nicht mehr erwarten, da er sich im Range des „Kulturverantwortlichen“ für Springers „Welt“ und damit für dessen atlantische Allianz verdingt. Hätte er sich doch nicht berufen gefühlt, hier den Berufenen zu spielen, dann wäre er vielleicht (irgendwann oder posthum) mit Hölderlin in Verbindung gebracht, aber nicht mit einem Goethe vielleicht, der gealtert und solchermaßen auch von Sinnen, sich in seiner Jugend verirrte, wo Schweigen eine Peinlichkeit weniger auf dieser Welt gewesen wäre.

    • unidad
    • 11.12.2006 um 15:14 Uhr
    5.

    Dem Dichter liegt zu Füssen,
    die Welt, sie lässt schön grüssen.
    Möcht er doch lieber schweigen,
    doch macht er sich zu eigen,
    den Reim auf Castro, Chavez und den Pinochet,
    das dichtet sehr und ist schon ganz OK.
    Augusto und die CIA dagegen,
    schwer nur zu einem Reim bewegen.
    Ach Bier, ach Männchen so betroffen,
    von seiner Wortgewalt schon ganz besoffen,
    zelebrieren wir moralische Institution,
    eine Ruine eigener Reinkarnation.
    Der General - das war Naturgewalt,
    und jeder Hintergrund auch deine Stimme,
    ist hier das wirklich Schlimme,
    wird Oberfläche die verhallt.
    Oh Dichter so verändre dich und bleib dir treu,
    für mich bleibt nur die Einsicht und zwar neu,
    auch den Poeten ziehts mitunter,
    ganz mächtig tief hinunter -
    dort wirkt er unbeschreiblich kalt.

    • hagego
    • 11.12.2006 um 17:41 Uhr

    Das gefällt mir! Biermann hat sich seine Wut bewahrt. Auch nach mehr als 30 Jahren bringt er auf den Punkt, was Pinochet an die Macht gebracht hat: Gewalt, Mord, Verfolgung, Unterdrückung und Einschüchterung. Dieser selbstherrliche Diktator, der so gar nicht ertragen konnte, dass es in Südamerika einen Gegenentwurf zu all den dort versammelten Militärregierungen geben könnte. Selbst als Greis blieb er uneinsichtig. Wahrscheinlich, weil er schon als viel Jüngerer fanatisch, faschistisch und also vergreist war.
    Hoffentlich sterben die Francos dieser Erde bald aus! Und, sehr geehrter Herr Biermann, hoffentlich erhalten Sie sich Ihre Wut! Und machen sich weiter einen Reim auf diese unvollkommene Welt - auf Ihre eigene, geniale Art und Weise. Die Chausseestraße haben Sie hinter sich gelassen. Aber - auf dem Highway ist immer noch die Hölle los...

    • Anonym
    • 11.12.2006 um 19:43 Uhr

    Chavez im gleichen Atemzug mit Hitler: na danke, was du alles weißt. Biermann arg hochprozentig: besoffen von sich selbst.
    Honeckers Zeit ist vorbei, nun geh auch du, eitler Greis.

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