Afghanistan Ein gewaltiges Puzzle

Im Jahr 2001 sprengten Talibankrieger die berühmten Buddhas von Bamian. Das Auswärtige Amt finanziert den Versuch, die Statuen wiederherzustellen. Die Arbeit der deutschen Forscher in Afghanistan ist politisch brisant und gefährlich. Ein Bericht und Videoreportagen

Seit die Taliban von der Macht vertrieben sind, gehört das Tal von Bamian zu den friedlichsten Gegenden Afghanistans. Es gibt keine Guerillakrieger, keinen Drogenanbau, keine Bandenkriege. Bamian, das könnte ein Modell sein für Afghanistan, wenn da nicht diese allseits zu spürende Unzufriedenheit wäre, ein Murren, das geradezu mit den Händen zu greifen ist, wenn man sich in der Stadt aufhält. Ein anschwellendes Klagen und Zetern über die Regierung in Kabul macht sich breit, und über die Männer aus dem Westen, die vermeintlich ihre Versprechungen nicht eingehalten haben.

»Weil wir nicht schießen, kriegen wir kein Geld!«, sagt kurz und bündig Hadschi Mohammed Hussein, von dem die Leute in Bamian berichten, er sei ein Kommandant der Taliban gewesen, allerdings ein recht vernünftiger. Er habe manche Grausamkeit verhindert. Deswegen, und nur deswegen, darf Hadschi Mohammed Hussein weiter hier leben, denn die sunnitischen Taliban haben unter den schiitischen Hazaras, die im Tal von Bamian die überwiegende Mehrheit bilden, fürchterlich gewütet. Sie haben gemordet, gebrandschatzt, vergewaltigt und geraubt.

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Nur bemerkte man das im Ausland kaum. Bis zu jenem 12. März 2001, als die Taliban die beiden gigantischen Buddha-Statuen Bamians in die Luft sprengten. Die Weltöffentlichkeit empörte sich. Die Zerstörung der Buddhas schien der Tiefpunkt in der Geschichte Afghanistans zu sein. Nun sollen sie wiederauferstehen, und entsprechend stark ist die Symbolik: Schaut her, Afghanistan ist nicht verloren! Das wäre die Botschaft.

Aber was heißt das: Wiederauferstehung? Ist das überhaupt möglich? Georgios Toubekis, Architekt aus Aachen, streicht mit der Hand über die riesigen Trümmer, die unter einem Wellblechdach zusammengetragen worden sind. Es sind Reste der Buddhas. »Das Material, aus dem die Statuen bestanden, ist ein Konglomerat verschiedener Gesteine«, sagt er. Teils ist es sehr leicht löslicher Lehm: »Wenn er nass wird, schmilzt der regelrecht weg!« Die Buddhas waren aus empfindlichem Material, vergänglich wie der Felsen, aus dem sie herausgeschlagen wurden. Über Jahrhunderte hinweg ist das Kliff schichtweise abgebrochen, nach und nach entstanden so die Höhlen, in denen Mönche lebten und meditierten. An die tausend Höhlen und Gebetshallen soll es hier geben. Das Kliff sieht heute aus wie ein Termitenbau, durchlöcherter, braungelber Fels, der weithin leuchtet und dem Tal von Bamian etwas Erhabenes gibt.

Im sechsten Jahrhundert war Bamian ein blühendes buddhistisches Zentrum, an der Seidenstraße gelegen, gesegnet mit Wasser, geschützt von den schroffen Bergen des Hindukusch, zurückgezogen und doch verbunden mit der Welt und mit dem Glauben. Mehrere tausend Mönche lebten hier. Wann genau die beiden rund 55 und 36 Meter hohen Statuen errichtet wurden, ist nicht eindeutig geklärt, vermutlich aber zwischen den Jahren 500 und 550. Im Zuge der Islamisierung Afghanistans verschwand die buddhistische Kultur völlig; geblieben sind die Statuen als stumme Zeugen einer großen Vergangenheit.

Die Machthaber in Kabul haben sie nie geliebt. Die Taliban waren nicht die Ersten, die versuchten, diese Monumente zu zerstören. Amir Amanullah, der 1919 die volle Unabhängigkeit gegen die Briten durchsetzte und deshalb als der Vater des modernen Afghanistan gilt, hatte sie mit Kanonen beschießen lassen. Sie passten nicht in das Bild, das er sich von der afghanischen Nation gemacht hatte. Die Hazaras von Bamian sollten sich dem neuen Herrscher unterwerfen.

Auch Georgios Toubekis weiß natürlich: Wer sich mit den Buddhas beschäftigt, begibt sich auf hochpolitisches Terrain. Und das ist in Afghanistan immer gefährlich. Über die Politik will er deshalb gar nicht erst reden. Er konzentriert sich einzig und allein auf die Aufgabe, die ihm und seinen Kollegen gestellt ist. Toubekis arbeitet für den Internationalen Rat für Denkmalpflege (Icomos). Die Finanzierung der Arbeiten von Icomos in Bamian übernimmt das Auswärtige Amt. »Es geht uns zunächst einmal darum, zu sammeln, was noch da ist«, sagt er, »danach wollen wir sehen, was möglich ist. Dann erst kann man entscheiden, was man tun kann.« Das ist ganz bewusst sehr vorsichtig formuliert, denn es gibt lokale Führer, die ihren Leuten versprechen, dass die Buddhas genauso wiederhergestellt würden, wie sie einmal waren. »Tausende Touristen werden kommen, sie werden Arbeit und Geld bringen«, versprechen sie den Menschen, die weder das eine noch das andere haben. Sie wecken damit Erwartungen, die nur zur Enttäuschung führen können, und davon hat Afghanistan reichlich.

Gerade in diesen Zeiten sprechen viele Experten davon, dass die Intervention des Westens in Afghanistan scheitern könnte, und zwar an enttäuschten Hoffnungen. Keine leeren Versprechungen, das scheinen sich die Leute von Icomos zur Maxime gemacht zu haben. Während die Politiker schwadronieren, gehen sie ihrer Arbeit nach. Das ist schwierig und gefährlich genug.

Leser-Kommentare
  1. Der Vergleich mit Dresden hinkt. Nicht, dass ich ein großer Befürworter des Wiederaufbaus der Frauenkirche wäre, aber das aktive, eigenständige, ja geradezu penetrante Handeln ihren Initiatoren gibt dem Projekt dann doch eine gewisse Berechtigung. Was gegenwärtig in Bamian passiert, scheint nicht weniger symbolisch, aber dafür noch um einiges unsinniger zu sein. So leid es mir um diese Symbole einer längst vergangenen Zeit tut - ihre Wiedererweckung müsste schon ein Werk der Menschen vor Ort sein, sollte sie mehr als eine Demonstration westlicher Stärke und westlichen Anspruchs werden. So, fürchte ich, wird das Unternehmen früher oder später doch an einer fehlenden Grundlage scheitern. Im schlimmsten Fall werden die aufwändig rekonstruierten Buddhas in fünf oder zehn Jahren doch wieder gesprengt oder bombardiert. Und dann werden die Mittel für die Rekonstruktion tatsächlich zum Fenster hinausgeworfen worden sein. Angesichts der schlimmen wirtschaftlichen Probleme der Region und des alltäglichen Überlebenskampfes ihrer Einwohner wäre das eine wirklich tragische Missachtung der eigentlichen Prioritäten.

  2. Lasst die gesprengten Steine liegen wie sie liegen! So sind sie ein authentisches Dokument ueber den Abstieg von Kultur zur Unkultur. Werden sie wieder aufgebaut verwandeln sie sich in touristische Attrappen im Massstab 1:1. Der Unfug mit Kunstrepliken scheint ein deutscher Exportschlager zu werden: die Dresdner Frauenkirche, das Berliner Stadtschluss, die Buddhas von Bramian. Was kommt naechstens, die Athener Akropolis nach dem Entwurf von Schinkel?

    Originale zu zerstoeren (die Truemmer sind das Original), um sie durch Kopien zu ersetzen, setzt die Barbarei der Taliban nur mit aufwendigeren Mitteln fort. Und dabei auf den Tourismus zu schielen, macht den Vorgang nicht besser. Kunstwerke brauchen Authentizitaet, sonst sind sie wertlos. Anderenfalls sollten in den Museen Fotokopien haengen. Man koennte viel Geld fuer Bewachungspersonal sparen.

  3. Frieden wird es erst dann auf der Welt geben, wennd der Islam vernichtet ist.

  4. Wer in antiken Ruinenstädten lebt, greift sich an Kopf. Wo kämen wir hin, wenn man das alte Rom oder Angkor oder Pompeji 'naturgetreu' wieder aufbaute? Menschenhand vernichtete viele Bauten -- und neues Leben blüht aus den Ruinen!

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